Lenkt die Kunstakademie Stuttgart: Petra von Olschowski Foto: Kunstakademie

Viele junge Künstlerinnen und Künstler verlassen Baden-Württemberg. Petra von Olschowski, Rektorin der Kunstakademie Stuttgart, sagt dazu den StN: „Wir brauchen mehr bezahlbare Ateliers und Ausstellungsflächen für junge Künstler sowie offene Räume, an denen sich Netzwerke besser entwickeln können.“

Stuttgart - Frau von Olschowski, eine aktuelle Studie zur Situation der Künstler im Land ist ernüchternd. Förderung gut, Ausbildung gut – und dann nichts wie weg. Was läuft da schief?
Zunächst einmal gar nichts. Man muss sehen, dass viele Studierende in ihrer Heimatstadt oder in der Nähe ihres Heimatorts studieren. Früher hat man nach dem Abi möglichst schnell Distanz gesucht. Heute verschiebt sich dieser Wunsch oft auf das Ende des Studiums. Wir reden ja hier über individuelle Lebensentscheidungen, die von vielen Dingen abhängen. Aber tatsächlich ist es für viele Absolventen wichtig und richtig, zunächst einmal Erfahrungen in anderen Städten oder Ländern zu sammeln.
Man könnte das Ganze ja auch umdrehen. Orientieren sich die Künstlerinnen und Künstler einfach nicht gut genug?
Ich glaube, gerade die Offenheit und Mobilität junger Künstler zeigt, dass diese sich gut orientieren. Es ist allerdings möglich, dass für viele zunächst der Ortswechsel im Zentrum steht. Dann bemüht man sich nicht mehr um Ausstellungen, Galerien oder Förderung vor Ort. Andererseits: Gerade viele der guten Studierenden sind sehr aktiv und mit eigenen Ausstellungs-Off-Räumen, Projekten und Gruppeninitiativen präsent. Wichtig wäre eigentlich etwas anderes: Künstler sollten nicht nur gehen, sondern auch kommen. Natürlich wechseln auch in Bayern, Nordrhein-Westfalen oder Hamburg, in London, Warschau oder Wien junge Künstler ihren Wohnort. Gut wäre, diese fänden es interessant, nach Stuttgart zu kommen. Man darf nicht vergessen: die kollegiale Stimmung zwischen den Kultureinrichtungen ist in dieser Stadt einmalig gut. Das ist ein Kapital.
Wirklich neu ist das alles nicht. Sind solche Umfragen eigentlich ­zielführend?
Nicht, wenn es dabei bleibt. Dann wird die Studie schnell verschwinden. Für mehr bräuchte man präzisere und genauere Informationen. Und dann hat sich für die Künstler die Situation noch lange nicht verbessert. Man müsste jetzt diskutieren, welche Ergebnisse der Umfrage kulturpolitisch ernst genommen werden können und müssen und welche Konsequenzen sie mit sich bringen. Und dann müsste man dementsprechend handeln.
Und was schließen Sie aus alldem für die Arbeit der Kunstakademie Stuttgart?
Die Kunstakademien spielen eine wichtige, vielleicht sogar zentrale Rolle im kulturellen und künstlerischen Leben des Landes und der Stadt. Es wird weiterhin darum gehen, die Wahrnehmung für diese Qualität sowohl in der Stadt als auch in der Akademie zu erhöhen. Zentrales Thema ist: Wir brauchen mehr bezahlbare Ateliers und Ausstellungsflächen für junge Künstler sowie offene Räume, an denen sich Netzwerke besser entwickeln können. Dafür setzen wir uns ein. Aber wir werden auch weiterhin Künstlerinnen und Künstler darin ermutigen, neue Wege an neuen Orten zu erproben und dort hoffentlich gut über ihre Zeit in Stuttgart zu sprechen. Das sind doch alles Botschafter. Wenn der eine oder die andere mit den gemachten Erfahrungen wieder zurückkommt, weil es hier tolle Arbeitsmöglichkeiten und eine lebendige Szene gibt, umso besser.