Was Liebe zur Kunst und geduldig erworbene Kennerschaft bewirken können, zeigt der außergewöhnliche Erfolg der Brüder Harry, Bert und Kuno Schlichtenmaier.
Aus der 1969 von ihrem Vater Herbert in Eningen bei Reutlingen gegründeten Galerie, die 1978 in das Malteserschloss Dätzingen in Grafenau umzog, ist eine Premiumadresse der Branche geworden, die Sammler aus aller Welt zu ihrer Kundschaft zählt. Jetzt feiern die drei Brüder ihr Firmenjubiläum mit zwei Ausstellungen: Die bereits eröffnete Schau „40 Jahre. 40 Künstler. Klassische Moderne“ glänzt in der 2003 eingerichteten Stuttgarter Dependance auf dem Kleinen Schlossplatz mit einer exquisiten Auswahl avantgardistischer Positionen vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Ergänzend reflektiert auf Schloss Dätzingen die Ausstellung „Aktuelle Positionen“ das „Schaffen aktuell arbeitender Künstler“.
Als Herbert Schlichtenmaier bald nach dem Umzug nach Grafenau 1979 starb, beflügelte die drei jungen Kunsthistoriker die väterliche Vision einer nicht nur örtlich herausragenden Galerie. Auf der Basis professioneller Kompetenz galt es, ein tragfähiges Programm zu erarbeiten und die Ausstellungen mit wissenschaftlich gültiger Katalogarbeit zu begleiten. Mit der Heinrich-Altherr-Präsentation von 1984 zeichnete sich dieses Konzept ab. Man nahm von den Protagonisten des 19. Jahrhunderts mit Gottlieb Schick, Theodor Schüz, den Impressionisten Otto Reiniger und Hermann Pleuer Abschied und begann mit den Pfunden zu wuchern, die der südwestdeutsche Raum, noch weithin übersehen, vom 20. Jahrhundert bereithielt. Mit dem expressionistisch orientierten Stuttgarter Akademielehrer und seinem abstrakten Antipoden Adolf Hölzel und seinem Kreis tat sich eine Perspektive auf, die in die Zukunft wies und obendrein über die Region hinaus.
Mit hochkarätigen Ausstellungen zu den Pionierleistungen der Uechtgruppe, zu den Hölzelschülern Baumeister und Schlemmer, zu Julius Bissier, Ernst Wilhelm Nay, Adolf Fleischmann und prominenten Informellen wie Karl Otto Götz und K.R.H. Sonderborg gewannen Schlichtenmaiers mehr und mehr Profil, Respekt unter Kollegen und das Vertrauen ihrer Kunden. Mit entscheidend dabei: die Balance, mit der sie geschäftliche Rücksichten mit künstlerischer Qualität zu vereinbaren wissen.
Mutter Elfriede mit ihrer Zuständigkeit fürs Kaufmännische leistet da gar nicht hoch genug zu schätzende Dienste. In etwa 250 Ausstellungen mit über 300 beteiligten Künstlern kam aber auch der "Vermittlungsauftrag" der Galeristen nicht zu kurz. Auch nach Jahrzehnten ist die Begleitung der Besucher mit ausführlichen Kommentaren zu den Exponaten selbstverständlich. Nicht zuletzt erwarben sich Schlichtenmaiers Renommee als Berater, Sachwalter und Betreuer von künstlerischen Nachlässen und von Stiftungen.
Die Bandbreite und die Qualitätsdichte der Kunst, für die der Name Schlichtenmaier bürgt, zeigt die Auswahl für die Galerie auf dem Kleinen Schlossplatz eindrucksvoll. Von Hölzel ist ein Entwurf für ein Pelikanfenster von 1932 dabei, ein klarer Hinweis auf die große Hölzelschau im benachbarten Kunstmuseum. Altherr setzte sich 1932 mit Strindbergs "Gespenstersonate" auseinander. Schlemmers "Zwei Köpfe in Grau" schmücken als Titel den Jubiläumskatalog und sind ein Jahr vor der berühmten "Bauhaustreppe" entstanden. Auch die "Fußballspieler" von Baumeister bewegen sich im Spannungsfeld geometrischer Elemente. Mit "Afrika" ist der bald darauf einflussreiche Lehrer 1942 bereits mit archaischer Thematik zum "Unbekannten in der Kunst" unterwegs. So auch Otto Baum mit einer blank polierten "Kleine(n) Urmutter" oder Max Ackermann mit der kühl temperierten "Urzelle".
Rupprecht Geigers Eitemperagemälde verkörpert 1952 "unbegrenzte Schönheit". Grieshaber steht mit von Orffs "Carmina Burana" inspirierten Blättern für die Erneuerung des Farbholzschnitts und mit seinen Schülern Heinz Schanz und Walter Stöhrer für die figurativen Tendenzen der Karlsruher Schule. Der steht auch ein Antes von 1964 nicht fern, mit dem der Newcomer bei der Documenta III in Kassel mit von der Partie war. Der "Lokaltermin" von Hann Trier spielt dagegen auf gerichtliche Händel an, die sein Schüler Baselitz wegen "pornografischer Verunglimpfung" auszufechten hatte. Peter Brüning vertritt exemplarisch die vielgestaltige Baumeister-Schule, Pfahler, Lenk, Hajek, Gerlinde Beck und Jürgen Brodwolf tun Nämliches für mannigfaltige Stuttgarter Tendenzen, was sich hinsichtlich konstruktiver Kunst auch von Max Bill und Anton Stankowski sagen lässt. Das Großformat von K.O. Götz, "27.2.54" betitelt, war als Beispiel deutscher Nachkriegskunst jüngst noch in Berlin ausgestellt.