Hans Blankenhorn (links) und Martin Rath zeigen Niethammers Werk. Foto: Faltin

Die Biografie des Malers Eduard Niethammer ist einmalig. Als Soldat in Russland ist er fast gestorben – eine Grenzerfahrung, die sein Leben und seine Kunst prägte. Seine Gemälde werden nun erstmals im Alten Lager bei Münsingen ausgestellt.

Münsingen - Manche Lebensgeschichten sind schlicht unglaublich – und dazu gehört mit Sicherheit jene von Eduard Niethammer (1922–2001). Er war ein Maler von hoher Kunstfertigkeit, den aber bis heute niemand kennt, und zwar aus dem einfachen Grund, weil er kaum eines seiner Bilder verkaufte und weil ihm der Kunstbetrieb insgesamt zuwider war. Jetzt werden rund 200 Werke Niethammers erstmals öffentlich präsentiert, und zwar im Albmaler-Museum im Alten Lager bei Münsingen. Der Reutlinger Rechtsanwalt Martin Rath hat das Museum vor gut einem Jahr mit großem Einsatz und ohne kommerzielle Absicht eröffnet; dort sind ausschließlich Bilder von Malern der Schwäbischen Alb zu sehen.

Ein Trauma hat Eduard Niethammer sein Leben lang verfolgt. Er war Soldat in Russland und erlitt bei einem Angriff einen Lungendurchschuss. Seine Kameraden hielten ihn für tot und so musste Niethammer draußen auf dem Schlachtfeld eine ganze Nacht bei minus 40 Grad verbringen. Alle Fingerkuppen und Zehen erfroren. Als er am nächsten Tag doch ins Lazarett gebracht wurde, hielten die Ärzte eine Versorgung nicht mehr für notwendig. Erst als Eduard Niethammer zwei Tage später immer noch nicht sterben wollte, kümmerte man sich um ihn. Diese Grenzerfahrung hat sein Leben und seine Kunst geprägt.

Niethammer lebte ohne Wasser und Strom in einer Scheune

Nach dem Krieg hat er sich zwischen Gächingen und Gomadingen (Kreis Reutlingen) in einer Feldscheune eingerichtet – ohne Wasser und Strom. Abends entzündete er Kerzen; selbst eine Petroleumlampe habe er abgelehnt, erinnert sich Hans Blankenhorn, der als Bub Niethammer oft besucht hat und heute sein wichtigster Fürsprecher ist. Wasser schöpfte Niethammer aus einer Zisterne. Zunächst lebten seine Frau und die beiden Kinder mit ihm in der Waldeinsamkeit; doch als die Kinder zur Schule mussten, zogen sie nach Strohweiler. Eduard Niethammer wollte allein zurückbleiben. Er war ein scheuer Mensch und manchmal wohl auch ein grober.

Obwohl er nur von einer kleinen Pension lebte und jeden Pfennig hätte gebrauchen können, verkaufte er selten ein Bild und sowieso nur dann, wenn er den Käufer leiden konnte. Hans Blankenhorn erinnert sich, wie ein Mann Niethammer unbedingt ein Gemälde abkaufen wollte – doch weil Niethammer dessen Nase nicht gefiel, habe er das Bild in diesem Augenblick lieber ihm, dem jungen Blankenhorn, geschenkt. So blieb Niethammer ein Hungerleider. „Man muss sich vermarkten können im Kunstbetrieb, und dazu war der Eduard nicht in der Lage“, sagt Hans Blankenhorn.

Wie hochwertig Niethammers Werk in künstlerischer Hinsicht ist, das mögen hoffentlich bald die Kunsthistoriker bewerten – bisher gibt es keinen einzigen Aufsatz über ihn. Niethammer hat sich nie nach aktuellen Strömungen gerichtet, sodass er nicht zur Avantgarde gezählt werden kann. Erstaunlich ist aber, dass der Autodidakt Niethammer viele Techniken und Stile beherrschte und eine gewaltige thematische Bandbreite besaß: Er malte in Öl und fertigte Aquarelle und Federzeichnungen, er stellte seine Sujets konkret oder abstrakt dar, und ihm gelangen gleichermaßen Landschaften, Porträts, Karikaturen, Märchenbilder und historische Szenen.

Seine große Liebe galt allerdings den Pferden. Er malte etwa die bedeutenden Hengste im nahen Gestüt Marbach, und auch in seinen Kriegs- und seinen Bauernbildern finden sich fast immer Pferde. Darüber hinaus schrieb er Gedichte und schnitzte Figuren aus Holz. Martin Rath, der seit vielen Jahren Alb-Bilder sammelt und alle Alb-Maler kennt, ist jedenfalls völlig aus dem Häuschen: „Niethammer toppt alles – er hatte eine große natürliche Gabe.“

Albmaler-Museum zeigt viele fast vergessene Künstler

Außer einigen Bildern, die Hans Blankenhorn bekam, liegt fast das gesamte Werk Niethammers in den Händen der Tochter Agnes Thumm, die in Ungarn wohnt. Blankenhorn und Rath fuhren deshalb zu ihr, ohne zu wissen, was sie wirklich erwartet. Es waren so viele Bilder, dass sie nur einen Bruchteil davon im Erdgeschoss des alten Kasernengebäudes ausstellen können; der Denkmalschutz hat übrigens darauf bestanden, dass die nackten Gipswände nicht tapeziert oder bemalt werden.

Im ersten Stock ist nach wie vor ein Querschnitt aus der Alb-Sammlung Raths zu sehen. Kaum ein Maler davon hat es in die großen Museen geschafft, obwohl viele Gemälde atemberaubend schön sind. „Früher oder später werden diese Maler alle vergessen sein“, sagt Martin Rath. Außer bei ihm. Und jetzt ist er mit Niethammers Tochter im Gespräch, damit ein oder zwei Räume im Albmaler-Museum dauerhaft Eduard Niethammer gewidmet bleiben.

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