Raum-Installation von Gregor Schneider Foto: Schneider/VG-Bildkunst/Kehrer-Verlag

Kunstprojekte wie Familie Weiß simulieren den Lebensalltag von drei Menschen. Wer an so einem Projekt teilnimmt, fragt sich, wie unwirklich die Wirklichkeit eigentlich ist.

Stuttgart – Christine Weiß hat Geschmack. Sie stellt in ihr Bücherregal Erzählungen von Robert Musil. Sie ist aber auch eine ziemlich unruhige Person – an diesem Nachmittag. Gerade mal eine Minute lang sitzt sie da und trinkt Kaffee. Springt auf, marschiert ins Schlafzimmer, hüpft aufs Bett, schiebt den Schrank auf und zu. Sie geht zurück in die Küche, schneidet Möhren, deckt den Tisch, lässt Besteck fallen, schüttet den restlichen Kaffee in die Spüle, wäscht Tasse und ­Messer ab. Ständige Begleitmusik zu dieser Choreografie der Hektik: ein pausenlos sich wiederholendes Lied, das aus dem Kinderzimmer herüber dröhnt.

Es geht also hoch her bei Frau Weiß und ihrem Sohn Jonas. Das erfährt die Komplizin, die am Montagnachmittag eine Stunde lang das Leben der Familie Weiß in einer Stuttgarter Dreizimmerwohnung simuliert und auf die Minute genau getaktete Handlungsanweisungen befolgt hat. Vorgegeben wurden diese vom Künstlerduo Hofmann & Lindholm für ihr Projekt Familie Weiß. Komplizen – bisher 150 Bürger dieser Stadt zwischen 14 und 80 Jahren – simulieren jeweils eine Stunde lang in einer wirklichen Wohnung das Leben der erfundenen Familie Matthias, Christine und Jonas Weiß.

Anweisungen für Verrichtungen wie Kaffeekochen

Partitur ist der offizielle Begriff für den seitenlangen Anweisungstext, den die Komplizen an die Hand bekommen. Das passt ganz gut, weil eine Partitur nach jemandem verlangt, der sie interpretiert. Jazzfreunde gehen sicher freier mit den ­Vorgaben um, bauen eine Variation ein, donnern mit dem Spielzeugauto nicht nur durchs Kinderzimmer, sondern auch ins Wohnzimmer, obwohl das nicht in der Partitur steht. Die Komplizin an diesem Tag hingegen wäre eher eine beim Klavierspiel streng aufs ­Metronom achtende Interpretin. Und die ärgert sich schon, wenn sie das ­falsche ­Küchengerät eingeschaltet und die Möhren früher als verlangt vom Flur in die Küche getragen hat.

Lärm ist Programm bei der Stadtraumintervention

Die Erfahrung fremden Lebens zeigt: Wohnen ist ein kompliziertes Beziehungs­geflecht. Die eigenen Handlungen sind durch die Umgebung bestimmt. Kulturelle, gesellschaftliche Differenzierungen bringen unterschiedliche Bewertungen dessen hervor, wie Menschen sich wohnend benehmen. Die heftige Lautstärke zum Beispiel: Einem lärmgeplagten Wohnungs­bewohner könnte es unangenehmer sein, selbst eine Stunde lang Sachen auf den ­Boden krachen zu lassen und mit dem Fußball gegen die Wand zu bollern als jemandem, der immer schon in einem eigenen Haus gewohnt hat und nicht weiß, dass Radau von Nachbarn als körperlich aggressive Bedrohung empfunden werden kann.

Lärm ist natürlich Programm bei dieser „Stadtraumintervention“, weil Hannah Hofmann und Sven Lindholm auch der Frage nachgehen, wie es sich mit sozialer Kontrolle durch die Umgebung verhält, wie lange ein nur simuliertes Leben unbemerkt durchgehalten werden kann. Die Komplizen des Projekts wiederum fragen sich, wie sehr sie selbst und andere ihr Leben inszenieren, ihr alltägliches Dasein konstruieren. Und die Neugierigen unter ihnen befriedigen ihren Voyeurismus: Wie leben andere Leute, auch wenn es nur erfunden ist?

Dies ist ein virulentes Thema auch in der Kunst von Gregor Schneider, der 2001 für sein Werk „Totes Haus u r“ für den deutschen Pavillon den Goldenen Löwen der Biennale in Venedig erhielt. Der 1969 geborene Künstler untersucht den Zusammenhang von Mensch und Raum, kreiert beklemmende Wohnatmosphären. Wie unheimlich ein Heim sein kann, erlebt auch die Komplizin, die im Kinderzimmer Musik laufen lässt, obwohl da niemand ist außer ihr selbst. Und die sich über den Gefühlszustand der fiktiven Frau Weiß sorgt und sich in den nächsten Tagen beim Vorübergehen am Haus der Familie fragt, was hinter diesen Mauern vor sich gehen mag, die, wenn auch nur für eine Stunde, ihre eigenen waren.

Vom Wesen des Wohnens

So banal derartige Selbsterkenntnisse sein mögen, weiten sie doch den Blick. Und verdeutlichen, was Martin Heidegger 1951 mit der Rede „Bauen Wohnen Denken“ ansprach. Der Philosoph hat das Wohnen eng mit der Seinsfrage verknüpft. Er nimmt die Worte wörtlich. „Bauen – buan – bedeutet wohnen. Dies besagt: bleiben, sich aufhalten.“ Noch genauer dem Wort nachgespürt, weist es bis ins Wesen des Wohnens – „Bauen, buan, bhu, beo ist nämlich unser Wort „bin“.“ Heidegger führt dies weiter: „Die Art wie du bist und ich bin, die Weise, nach der wir Menschen auf der Erde sind, ist das Buan, das Wohnen.“

Wohnen ist ein Grundzug des menschlichen Seins. Das Wesen des Wohnens, weiß Heidegger, hat auch mit dem gotischen „wunian“ zu tun: „zufrieden sein, zum Frieden gebracht, in ihm bleiben“. Umso relevanter ist dieser Begriff in Zeiten transzendentaler Obdachlosigkeit. Und in Zeiten der von Arbeitgebern geforderten Umzugsflexibilität, des geschäftlichen Nomadentums bedeutet Wohnen: sich zumindest im Privaten einrichten, abschotten, sicher fühlen können.

Diese Rückzugsstätte zur Disposition zu stellen, zwei Monate lang zu untersuchen, wie und ob so ein Leben funktioniert, wie und ob soziale Kontrolle sich auf das simulierte Leben auswirkt, könnte für jede Menge Erkenntnisse sorgen.

INFO:

Wohnsimulation

Familie Weiß – das Projekt des Autoren- und Regieduos Hofmann & Lindholm – ist eine Kooperation von Schauspiel Stuttgart, Württembergischem Kunstverein und Akademie Schloss Solitude. Noch bis Ende November wird in einer Wohnung in Stuttgart das Leben einer Familie simuliert – von sogenannten Komplizen, die dies im Schichtdienst nach Anweisung des Duos tun. Nur Komplizen dürfen die Wohnung beteten, in der Kameras installiert sind. Per Live-Stream sind Vorgänge in der Wohnung täglich von 17 Uhr an auf einem Bildschirm im Schauspielhaus-Foyer zu beobachten.

Am 21. Oktober um 20 Uhr findet ein Gespräch zu dem Kunstprojekt Familie Weiß im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart statt. Der Eintritt ist frei. Wer sich für die Teilnahme am Projekt Familie Weiß interessiert – Informationen telefonisch 07 11 / 2 03 25 72, E-Mail: weiss@staatstheater-stuttgart.de

Eine Ausstellung mit Werken Gregor Schneiders ist bis 31. Januar 2016 im Museum Künstlerkolonie, Mathildenhöhe Darmstadt zu sehen. Ein Fotoband mit Arbeiten Schneiders ist im Kehrer-Verlag erschienen.

Lektüre:

Ulrich Conrads, Peter Neitzke (Hg.): Mensch und Raum. Das Darmstädter Gespräch 1951 (mit Martin Heideggers Aufsatz), Verlag Vieweg. Im März 2016 bringt der Stuttgarter Verlag Klett-Cotta Heideggers „Kleine Schriften“ heraus mit der Rede „Bauen Wohnen Denken“ (Band 2) heraus.

Georges Perec: Das Leben Gebrauchsanweisung, Rowohlt-Verlag. Bewohner eines Mehrfamilienhauses sind die Figuren. Eine komplizierte Matrix legt fest, welche Räume des Hauses welchem Kapitel des Romans zugeordnet sind. (StN)

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