In der Galerie Thomas Fuchs: Danny Romerils „Window display Reflected city“ Foto: Galerie Thomas Fuchs

Die Politik hat den Kultureinrichtungen Stillstand verordnet. Kunst schauen geht trotzdem – in den Privatgalerien. Kunst gegen den Novemberblues – „Stuttgarter Nachrichten“-Titelautor Nikolai B. Forstbauer gibt Tipps. .

Stuttgart - Die Politik hat den Kultureinrichtungen Stillstand verordnet. Kunst schauen geht trotzdem – in den Privatgalerien. Kunst gegen den Novemberblues – „Stuttgarter Nachrichten“-Titelautor Nikolai B. Forstbauer gibt Tipps.

 

Danny Romerils Premiere

Bedauernswert vergessen stehen die Musikinstrumente in einem nicht wirklich zu fassenden Schaufenster. Warten sie nicht aber eher buchstäblich gespannt auf ihren nächsten Einsatz?

Eigentümlich gedankenverloren mäandert diese Malerei – als Solo-Premiere zu sehen in der Galerie Thomas Fuchs in Stuttgart (Reinsburgstraße 68a) – durch die jüngere Kunstgeschichte und mixt, fast eine Spur zu lässig, die Musikalienfreude von Georges Braque und Pablo Picasso mit einer Palette, die der englischen Malerei in den 1950er und 1960er Jahren zu einigem Ruhm verholfen hat.

Eigentümliches ereignet sich

Eigentümliche Dinge ereignen sich. Der Engländer Danny Romeril initiiert sie, taucht tief in ihren Sog ein – und beobachtet doch alles aus argwöhnischer Distanz. Nicht den Instrumenten gegenüber, sondern gegenüber allem, was mit ihnen geschehen könnte. Werden sie je wieder gespielt werden, Teil eines neuen, aufregenden Ganzen werden?

Formatsprengendes Eigenleben

Romeril, 1996 auf der britischen Kanalinsel Jersey geboren, scheint sich unsicher. Zugleich aber packt der junge Maler unter dem Deckmantel des Lapidaren die Instrumente wie ihre Umgebung voll mit Signalen uneingelöster Energie. Das oft falsche Bild der trügerischen Ruhe – hier stimmt es. Und noch dazu unabhängig von Format und Technik. Ob Klein- oder Großformat, ob Ölmalerei oder Zeichnung mit dem Tintenstift: Immer führen Romerils Werke ein formatsprengendes Eigenleben. Das verbindet die Arbeiten der (Corona-)Themenserie „Music shop music“ mit Romerils nicht minder mit Distanz und Nähe spielenden Porträts.

Danny Romeril – diesen Namen wird man sich merken müssen. Bei Fuchs in Stuttgart sind seine Arbeiten jetzt noch bis zum 21. November zu sehen – Dienstag bis Freitag 13 bis 19 Uhr sowie Samstag 11 bis 16 Uhr.

Tim Berresheims Fabelwelt

Tim Berresheim muss um den Platz an der Künstlersonne nicht mehr kämpfen. Längst gehört er zu den Lieblingen von Kuratorinnen und Kuratoren. Undenkbar scheint eine Ausstellung aktueller Kunst ohne seine Beteiligung. Droht da nicht das Erstarren im Dauerwunschprogramm des souveränen Dialogs digitaler und analoger Bildfindung?

Fixstern der Gegenwartskunst

Keineswegs. Berresheim – das macht die auch in der Präsentation überzeugende Schau „Das Auge im Neuen einüben“ in der Galerie Reinhard Hauff in Stuttgart (Paulinenstraße 47) deutlich – ist mehr denn je ein Fixstern deutscher Gegenwartskunst. Künstler, Musiker, Label- und Projektraumbetreiber – diese Stempel nützt er in seinen neuen Arbeiten zu einer eigenen, fulminanten Erzählung über den Stillstand. Etwa, wenn er aus einem Schul-Klassenzimmer einen von Bäumen und Sträuchern zurückeroberten Erinnerungsraum macht.

Kunst als Wissensvermittlung

Berresheims digital aufgeladener Rückblick auf den Glauben an analoge Wissensvermittlung stellt beiläufig, aber doch präzise die Frage, welche Zukunft Wissensvermittlung an sich hat. Umso mehr, als vor dem verwaisten Klassenzimmer ein Bote anderer Zeit durch den (Galerie-)Raum tänzelt: ein (männliches) Cyberwesen, das doch in spürbar eigener Erschöpfung die Zukunft als bloße Behauptung identifiziert. Ist es da Zufall, dass Berresheim dem weiblichen Cyberpendant auf der Galeriegegenseite wesentlich mehr Intensität zugesteht?

Unbedingt empfehlenswert ist „Das Auge im Neuen einüben“, noch bis zum 6. November in der Galerie Reinhard Hauff zu sehen – Dienstag bis Freitag 13 bis 18 Uhr.

Hommage à Gerlinde Beck

Das Stuttgarter Ballett ist, kaum mit frischen Kräften auf der Bühne, von ebendieser wieder verbannt. Der Tanz aber geht weiter – in der Hommage an die 2006 gestorbene Bildhauerin und Zeichnerin Gerlinde Beck in den Räumen der Galerie Schlichtenmaier im Schloss Dätzingen (Grafenau).

„Tanz ist Verwandlung“

„Tanz ist Verwandlung“, war Gerlinde Beck, deren ganzes Schaffen der Bewegung verpflichtet war, überzeugt. Als vielfaches Echo ist nun bei Schlichtenmaier ein Panorama gleichen Titels zu erleben, das von Willi Baumeisters später „Tänzerin“ (1954) über Walter Stöhrers Tänze der Fragmente bis hin zu Hann Triers feiner „Bolero“-Interpretation von 1958 reicht. Alles kreist um die Zeichnungen und Skulpturen von Gerlinde Beck, die wiederum in sich und an sich auf die Rotation setzen. Von Becks Geschwindigkeit kann man sich anstecken lassen – bis hinein in die Radierfolge „Monument für Dore Hoyer“ ist Tanz als ständiger Unruheherd erlebbar.

Hannes Kilian neu zu entdecken

Das musste auch den Fotografen Hannes Kilian (1909–1999) interessieren. Und so ermöglicht „Tanz ist Verwandlung“ ein großartiges Comeback. 1950 entsteht in Zusammenarbeit mit der Tänzerin Lore Glocker die Serie „Leuchtschrift des Tanzes“ – im Meer aktueller performativer Äußerungen und der Versuche, sie fassbar zu machen, noch immer ein vorzeitiges bildnerisches Ausrufezeichen. Zu erleben ist dieses im Schloss Dätzingen noch bis zum 28. November – Dienstag bis Freitag 11 bis 19 Uhr sowie Samstag von 11 bis 17 Uhr.