Ein breites Publikum für Kunst zu interessieren, ist das Ziel von Ostfilderns Galerieleiterin Holle Nann. Das Jahr beginnt mit Fotokunst über Umweltzerstörung.
Beim Besuch der Ausstellung des jungen Malers Carlo Krone war ein Schüler verblüfft. Dass der Gartenzaun an den Wänden des Ausstellungsraums im Stadthaus im Scharnhauser Park nicht exakt gezeichnet ist. Das fand er seltsam. „Dann sind wir über die künstlerischen Mittel ins Gespräch gekommen“, sagt Galerieleiterin Holle Nann. Erst mal gelte es, exakt zeichnen zu können. Dann erst arbeiten Künstlerinnen und Künstler abstrakt und verfremden ihre Arbeiten.
Gerade Kindern und Jugendlichen Kunst zu vermitteln, das ist auch 2026 Holle Nanns Ziel. Die Kooperation mit den Schulen der Stadt entwickelt die Galeriechefin kontinuierlich weiter. Ebenso bietet sie spannenden jungen Kunstschaffenden ein Forum. Mit der Ausstellung des erfolgreichen Newcomers Carlo Krone hat die Galeriechefin einen Volltreffer gelandet. Der junge Stuttgarter, geboren im Jahr 2000, ist Preisträger der Kunstmesse „ART Karlsruhe“ und macht mit farbenfroher Malerei von sich reden. Jüngst war ein Beitrag über ihn und seine Ausstellung in Ostfildern im ZDF-Mittagsmagazin zu sehen. Die Ausstellung ist bis einschließlich Dienstag, 13. Januar, zu sehen.
Mit Kunstwerken gesellschaftliche Diskurse anregen
Für Holle Nann hat die Kunst neben der ästhetischen Bildung einen wichtigen gesellschaftlichen Auftrag: „Es geht darum, die Risse in der Gesellschaft zu kitten.“ Deshalb möchte sie auch 2026 viele Gruppen ansprechen. Mit politischer Kunst will sie Diskurse anregen und dem Publikum Horizonte öffnen. Bilder vom Krieg in der Ukraine und düstere Visionen von einer zerstörten Welt sind ab dem 1. Februar bei der Ausstellung „VUCA World“ zu sehen. Der ukrainische Fotograf Maxim Dondyuk und sein deutscher Kollege Rainer Zerback stellen bis zum 7. April aus.
Diese Schau realisiert die Galerie mit Fördergeldern der Heinrich-Böll-Stiftung Baden-Württemberg, des Bundesbildungsministeriums und des Bündnisses „Demokratie leben!“. Von diesem Netzwerk profitiere die Kunst in Ostfildern nicht nur finanziell, sagt Nann. Die Böll-Stiftung hat am Donnerstag, 5. März, einen Vortrag mit dem Tübinger Osteuropa-Forscher Professor Klaus Gestwa vermittelt. „Russlands Krieg gegen Mensch und Natur. Ökozid in der Ukraine“ lautet das Thema. „Mit der Kunst gesellschaftliche Diskurse und Debatten anstoßen“, das betrachtet Nann als unverzichtbaren Baustein ihrer Konzeption.
Ästhetische Annäherung an die Spielformen des Wohnens
Ein gesellschaftliches Thema packt auch die Gruppenschau „Hausordnung“ an, die am 26. April eröffnet wird. Da geht es um Spielformen des Wohnens. Karl-Heinz Bogner, Oliver Braig, Marc Dittrich, Uwe Keller und Verena Könekamp beschäftigen sich mit Hausbau und der Suche nach einer Identität im eigenen Zuhause. Das findet Nann für die Menschen im Scharnhauser Park besonders spannend. In dem neuen Stadtteil, der auf dem Gelände der ehemaligen US-amerikanischen Barracks entstanden ist, existieren viele Wohnformen nebeneinander. Nann freut sich „auf Diskussionen mit den Menschen im Stadtteil“.
„Das Programm der Galerie in Ostfildern soll ein Möglichst breites Publikum ansprechen. Kunst kann Risse in der Gesellschaft kitten.“
Holle Nann, Galerieleiterin
Die Linie, junge Kunst zu zeigen und zu fördern, setzt Nann in der zweiten Jahreshälfte fort. Vom 19. Juli bis 6. Oktober zeigt Noemi Strittmatter ihre Ausstellung „Sweetspot“; vom 18. Oktober bis 12. Januar 2027 sind Elisa Lohmüllers „geschliffene Tränen“ zu sehen. Gerade für junge Kunstschaffende bietet der offene Ausstellungsraum, den der Star-Architekt Jürgen Mayer H. 2002 im Stadthaus geschaffen hat, Spielräume. „Mir ist es ein Anliegen, dass sie den Raum mitdenken und – gestalten“, sagt die Galeriechefin.
Gerade in Zeiten knapper kommunaler Haushalte kämpft Holle Nann dafür, die Kunst einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Obwohl sie dafür nur einen relativ knappen Etat hat, kümmert sie sich intensiv um die Kunst im öffentlichen Raum. Deshalb ist sie glücklich, dass die Skulptur Sitz- und Flitzhasen der bekannten Künstlerin Rosalie mit einer erfolgreichen Spendenaktion gerettet werden konnte. Um die pinken und gelben Figuren sanieren zu lassen, spendeten die Bürgerinnen und Bürger mehr als 40 000 Euro, der Gemeinderat legte dieselbe Summe drauf.
„Viele Menschen zeigten so, wie wichtig ihnen die Kunst ist“, blickt Holle Nann auf die Aktion zurück. Bewohner des Scharnhauser Parks haben Patenschaften übernommen, Spender steuerten große und kleine Summen bei. Mit einer „Hasenparty“ im Dezember wurden die restaurierten Figuren eingeweiht. Besonders freut sich Nann darüber, dass aus der Initiative ein Freundeskreis entstanden ist, der die Galerie künftig unterstützt.