In der Kantine der Kreissparkasse Esslingen hängt neuerdings eine 120 Quadratmeter große Wandteppichinstallation der in Denkendorf geborenen Brüder Chris und Tobias Rehberger. Das Kunstwerk bietet reichlich Gesprächsstoff.
Eigenartig, seltsam, wow – die Kommentare der Besucher des Gebäudes in der Bahnhofstraße 8 fallen unterschiedlich aus, wenn sie in die große Halle eintreten und ihr Blick gefangen genommen wird. Denn was da riesig und flauschig von der Decke bis zum Fußboden herunterhängt, ist nicht unbedingt das, was man in der Kundenhalle einer Sparkasse erwartet.
Also ist es vermutlich tatsächlich angebracht, von Mut zu sprechen, die der Vorstandsvorsitzende Burkhard Wittmacher an den Tag legte, als er ohne großen Federlesens seine Zustimmung erteilte: Ja, die Teppiche sollen in Esslingen hängen, und sie sollen dort dauerhaft hängen. Ein klares Bekenntnis zur Kunst, das dem Geldinstitut im Verlauf der Jahrzehnte schon fast zur DNA geworden ist. Schon seit den 1970er-Jahren unterstützt es Kunst und Kunstschaffende.
Die Kunstwerke geben eine Menge Gesprächsstoff her
Es sind mehrere Teppiche, die in der Kundenhalle hängen, und weitere, die die Kantine schmücken. Insgesamt 120 Quadratmeter in Afghanistan geknüpfte Kunst. Von namhaften Künstlern entworfen: den in Denkendorf geborenen Brüdern Chris und Tobias Rehberger. Auch die Kantine ist nicht unbedingt ein Raum, wo man solche Kunst erwartet. Und auch hier gab es schnell Gespräche darüber. Einige staunten, andere bewunderten, und Dritte schüttelten etwas ratlos den Kopf. Am Ende passierte aber immer das, was Kunst in der Regel auch bezweckt: Assoziationen wecken, Gespräche in Gang bringen.
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Die Teppiche können im „Haus der Kunden“ besichtigt werden. Auch jene in der Kantine, allerdings sollte man sich dafür am Empfang melden, weil die Teppiche ja im nicht öffentlichen Teil der Sparkasse zu bewundern sind. Was man auf den ersten Blick erkennt, sind zwei Stile. Der eine fransig, zweifarbig, mit vielen, vielen Fäden, zwischen denen sich Buchstaben und Wörter verstecken. Ein Code könnte man meinen. „Wer ihn löst, kann den Tresor knacken“, sagte ein Spaßvogel auf der Vernissage.
Der andere Teppichstil ist „kurz geschnitten“, wenn man so will, dafür aber voller Muster und dreidimensional, denn der Wandteppich hat verschiedene Höhen. Mit etwas Abstand erkennt man Muster. Spaghetti und Hummer in der Kantine, Pilz und sogar ein Atompilz sind auf einem anderen Teppich zu erkennen. Doch die Deutungsmöglichkeiten sind vielfach. Und es werden mehr, je länger man das jeweilige Kunstwerk betrachtet. Es zieht einen in sich hinein – und auch das ist eine Funktion von Kunst. Der Name der Installation: „Verwandtlung“. Auch darüber lässt sich sinnieren.
Kunst, die nützlich ist – gibt es das etwa doch?
Apropos: Wer sagt eigentlich, dass Kunst nicht nützlich sein kann? Zumindest an diesem Ort ist sie es: Die Gäste und Mitarbeiter der Kantine waren oft genervt wegen der schallenden Akustik in dem Raum. Jede Gabel, die fiel, jeder Teller, der klapperte, war überdeutlich zu hören und zumindest für Gehörsensible zuweilen unangenehm. Mit den Teppichen, die sogar einige Säulen umschlingen, ist die Akustik deutlich gedämpfter und damit besser geworden.
Mitunter kann man auch solche Szenen beobachten: Ein Mitarbeiter lehnt sich an das Teppichwerk an. Seine Arme hängen hinunter. Mit den Fingern tastet er den Stoff ab. Da kommt ein Kollege vorbei und mahnt: „Das ist Kunst!“ Und meint damit: Nicht anfassen. Doch weit gefehlt: Diese Kunst sei unbedingt zum Anfassen, erläutert Tobias Wall, der die Kreissparkasse in Kunstfragen berät. „Das Begreifen des wundersamen Wolle-Reliefs ist ausdrücklich erlaubt.“ Die Wandteppiche seien nämlich ziemlich robust. Hergestellt worden sind sie, so Wall, in einer traditionsreichen afghanischen Manufaktur. Handgeknüpft. Nach den Mustern der Künstler. Chris Rehberger hat den Feinschliff seines Entwurfs sogar vor Ort vorgenommen und wurde von seiner ganzen Familie – Eltern, Tanten und Onkel – beim stundenlangen Kämmen der Wollfäden unterstützt.
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Es hätte allerdings auch vieles schief gehen können. Afghanistan ist kein friedlicher Ort. Die Teppiche entstanden während eines schwierigen Übergangs: Die internationalen Truppen waren auf dem Sprung, das Land zu verlassen, die inzwischen herrschenden Taliban bereit, die Macht zu übernehmen. Kurz bevor sie das dann auch tatsächlich taten, konnten die Teppiche noch aus dem Land ausgeflogen werden.
Kunst und Kultur in der Sparkasse
Die Brüder Rehberger
Chris Rehberger, der „moderne Handwerker“, ist ein Star der Grafik und Gestaltung. Er leitet in Berlin drei erfolgreiche Agenturen und ist Mitbegründer des Plattenlabels Perlon. Der Bildhauer Tobias Rehberger lebt in Frankfurt, zählt zu den wichtigsten deutschen Künstlern seiner Generation. Er ist Professor an der Städelschule in Frankfurt. Seine Arbeiten bewegen sich im Grenzbereich von Malerei, Bildhauerei, Design und Architektur – aktuell zu sehen im Kunstmuseum Stuttgart.
Kulturveranstaltungen
Das Stuttgarter Künstlerpaares Gudrun und Ulrich Bernhardt sind bis zum 3. Juni in Kirchheim zu sehen. Der Stargrafikers Chris Rehberger, dessen Teppiche auch in Esslingen hängen, hat eine Ausstellung vom 26. April bis zum 24. Juni ebenfalls in Esslingen. Im Sommer vom 5. Juli bis zum 2. September steht der 3. Südwestdeutsche Kunstpreis in Esslingen an. Das Thema: „Creatures - Tierische Welten“. Im Herbst folgt die Nürtinger Debütausstellung der letzten Kunstpreisträgerin Barbara Gräwe (25. Oktober bis 18. November). Beendet wird das Kunstjahr der Kreissparkasse mit einer ortsspezifischen Werkschau von Gert Wiedmaier in Echterdingen (15. November bis 13. Januar 2023).