„Das ist Präzisionsarbeit, es dürfen auf keinen Fall die Vertikalträger gekappt werden“, sagt Martin Bruno Schmid. Er ist jeden Tag auf der Baustelle. Foto: factum/Weise

In einem der größten Institutsbauvorhaben des Landes darf die Kunst nicht fehlen: Im Tübinger Geo- und Umweltzentrum werden mächtige Betonsäulen gespalten.

Tübingen - Knicken die Betonsäulen womöglich ein? Stimmen die Berechnungen der Statiker? Und wird die mathematisch größte Herausforderung in seiner künstlerischen Laufbahn vielleicht zu seiner größten Blamage? Martin Bruno Schmid atmet erleichtert auf, als das Diamantseil zum Stillstand kommt und das Dröhnen der elektrischen Seilsäge abrupt aufhört. „Ich bin so froh, dass es hält“, sagt der 47-Jährige in gelben Gummistiefeln und Allwetterjacke.

Schmid hat gewagt, was vielen Handwerkern auf der Tübinger Riesenbaustelle ein Stirnrunzeln ins Gesicht geschrieben hat. Er fordert die Statik des 64 Millionen Euro teuren Geo- und Umweltzentrums auf dem Campus Morgenstelle heraus, indem er die fünf tragenden Säulen der Eingangshalle längs spaltet. Er spielt mit tonnenschweren Lasten und bringt Leichtigkeit in eine Konstruktion, die dadurch ans Limit ihrer Tragfähigkeit gebracht wird. Ein falscher Schnitt, eine fehlgesetzte Kernbohrung, und das Gebäude könnte ins Wanken geraten. Doch Schmid und die Handwerker haben sauber gearbeitet. Ein senkrechter Schlitz macht das Innere der siebeneinhalb Meter hohen Säulen sichtbar, sie wirken wie aufgeknackt.

„Ich arbeite mit dem Material vor Ort, füge nichts hinzu“, sagt Schmid. Er hatte mit dem Entwurf „Bohrschnitt, prekär“ den Kunstwettbewerb für den Neubau gewonnen. „Mir kommt es auf den Eingriff an“, betont der Stuttgarter und weiß um die Unaufdringlichkeit seines Werkes, das perfekt zu den Geowissenschaften passt. Mit Bohrkernen, Schnitten und Steinen aller Art beschäftigten sich auch die Forscher im neuen Institut.

Die Bündelung auf einem Standort

Auf gut ein halbes Dutzend Standorte sind die Geowissenschaften in Tübingen verteilt – die Bündelung unter einem Dach kommt mit der Fertigstellung des Zentrums Ende des kommenden Jahres. „Wir sind unter den Top-Geowissenschaften in Deutschland“, sagt Peter Grathwohl, der Prorektor für Forschung der Universität, „wir sind breit aufgestellt, haben einen eigenen Sonderforschungsbereich und sind drittelmittelstark.“ Umso wichtiger sei es, ein Forschungsumfeld zu haben, das modernen Ansprüchen genüge und durch kürzere Wege besteche. „Die alten Räume gaben das nicht her“, sagt Grathwohl und erzählt von den Mühen, Lüftungsanlagen in mehr als 100 Jahre alten Backsteingebäuden zu installieren. Auf den 10 000 Quadratmeter Fläche werden künftig Labore zu finden sein, aber auch Büros, Werkstätten, Seminarräume und Hörsäle.

Das neue Geo- und Umweltzentrum, eines der größten laufenden Institutsbauvorhaben in Baden-Württemberg, ist nur ein Baustein in einem umfangreicheren Bebauungskonzept. Der „Campus der Zukunft“, eine Strukturplanung, die die Universität Tübingen seit 2008 entwickelt, sieht vor, die Einrichtungen straffer zu organisieren und gleichzeitig den immensen Sanierungsstau im Bestand anzugehen.

Die „Zerhäuselung“ müsse ein Ende haben, kündigt der Geowissenschaftler Grath­wohl an und freut sich auf den Umzug in das Zentrum, wo auch er ein moderneres Büro beziehen wird. Von den Sorgen des Künstlers, ob die Betonsäulen halten oder nicht, hat er nichts mitbekommen. „Das ist besser so“, sagt Grathwohl. Er will sich die Kunst am Bau bald mal anschauen.