Kunst Im Bann der tanzenden Linien

Von Nikolai B. Forstbauer 

Nur noch selten konnte der Zeichner und Maler Rudolf Schoofs in den vergangenen Monaten das Atelierhaus in Stuttgart verlassen - in der Nacht zum Mittwoch ist er gestorben.

Stuttgart - Nur noch selten konnte der Zeichner und Maler Rudolf Schoofs in den vergangenen Monaten das Atelierhaus in Stuttgart verlassen - in der Nacht zum Mittwoch ist er nach langer Krankheit im Alter von 77 Jahren gestorben.

Eigentlich, so schien es in den Gesprächen mit Rudolf Schoofs immer, ist alles ganz einfach: "Wenn man eine künstlerische Form so entwickelt hat, dass sie nicht mehr verrückbar oder ergänzbar ist", war er überzeugt, "dann hat sie ihre künstlerische Qualität erreicht". Und Schoofs Blick, den doch Heiterkeit und Wärme prägten, verriet dabei stets, dass es dem Stuttgarter Maler und Zeichner hier um Grundsätzliches ging. "Meine Arbeiten unterliegen stetigem Wandel auf Erweiterung und Neuentdeckung", ist ein anderer zentraler Schoofs-Satz, war eine Vorgabe, die er zeichnend und malend jeden Tag neu einzulösen suchte.

Als "zeichnerische Vereinnahmung von Welt" skizzierte Franz Joseph van der Grinten 1982 das Schaffen von Rudolf Schoofs. Der Linie vertrauend, den Dingen entlangdenkend - tatsächlich hat sich Schoofs die Welt so erschlossen. Bis hin zu jenen Blättern der vergangenen fünf Jahre, in denen Landschaftsfigurationen wie Figurenlandschaften nur mehr als Erinnerungsspuren erkennbar werden und doch gerade daraus die Intensität ihres Eigenwerts gewinnen. In der Stuttgarter Galerie Angelika Harthan und in der Galerie Epikur in Wuppertal waren diese Arbeiten 2007 zu sehen - als Hommage zu Schoofs' 75. Geburtstag, als Beiträge in einer würdevollen (und von einem wunderbaren Katalogbuch begleiteten) Reihe von Geburtstagsgrüßen.

Eine leise Stimme in jedoch immer unmissverständlich den eigenen Willen bekundenden Tonlage, eine ausgesuchte Freundlichkeit, die vor Zorn nicht schützt. Rudolf Schoofs, 1932 in Goch am Niederrhein geboren, hat die ein, zwei, drei, vier Seelen in seiner Künstlerbrust nie versteckt, noch weniger, dass ihm Stillstand (der ja auch bestätigenden Ruhm bedeuten kann) zuwider ist. Geht das aber - mit feinem Strich widerborstige Energie freizusetzen? Und geht das - umgekehrt mit massiver Verblockung von Pinselstrichen dem Feinsten noch in einer Bildlandschaft nachzuspüren? Schoofs hat es bewiesen, immer wieder, sich selbst in Frage stellend, die eigene Bildwelt konterkarierend und doch immer einer Spur treu bleibend, der Spur der Linie.

Assistent einst von Georg Muche in Krefeld, agiert er früh schon als Lehrer. In Kassel und Wuppertal zunächst, dann - und doch nur für ein Jahr - in Karlsruhe. Erst aber an der Stuttgarter Akademie findet er Ruhe und legt, von 1976 an, alle Kraft in einen Antritt, der ihn in den 1980er Jahren auch als Maler weit nach oben spült. Schoofs nützt den Ruhm für die Studierenden - frühe Auftritte im Dortmunder Museum am Ostwall etwa machen aus den Schülern selbst gefragte Künstler. Herbert Egl und Thomas Müller nur seien stellvertretend genannt.

1996 zieht sich der Lehrer Schoofs zurück, tritt jedoch der Zeichner und Maler noch einmal an. Und zuletzt, lange schon von Krankheit gezeichnet? Hier taucht in den Blättern eine Figur auf, eine Liegende fast, dort verwischt Schoofs noch im Augenblick der Setzung jede Ahnung des Erinnerbaren. Die Linie ist eine Linie, ist eine Figuration an sich und in sich, ist eine Form, durchmisst und formuliert Raum.

Misstraute Schoofs letztlich also seinen doch so erfolgreichen "Städtebildern", die in ihrer formalen wie farblichen Stringenz durchaus als Summe eines langen Anlaufs gewertet werden können? Das Gegenüber eines "Städtebildes" von 1987 mit jüngeren Gemälden deutete dies nicht zuletzt 2002 in einer Schau der Städtischen Galerie Wendlingen Galerie an. Energisch schüttelt Schoofs ja in den späten 1990er Jahren die eigene Erfolgsschrift ab, kehrt auch auf der Leinwand zum risikoreichen Spiel mit der Linie zurück. Diese treibt er, vor allem in der Zeichnung, in durchaus widersprüchliche Felder. Einzig die künstlerische Äußerung selbst hat so Bestand, das mit Stift und Pinsel Gesagte. Einzig der Wandel ist stetig - Schoofs blieb dabei und machte diesen Vorsatz bis zuletzt zum eigentlichen Bildgegenstand. Landschaft, das machte er im Bann der tanzenden Linien deutlich, ist auch eine Geste.

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