Ein Grund zum Anstoßen gibt es fast immer . . . Foto: Klaus Eppele - stock.adobe.com

Ist der trockene Januar Ausdruck eines wahnhaften Gesundheitsdenkens?

Stuttgart - Zu viel Zucker, Fett, Alkohol. Alles nur für temporäre Hochgefühle? Nach Weihnachten und Silvester fährt der Gewissenskater seine Krallen aus. Auch wenn es nicht so weit ist wie im „Lied des Trinkers“ von Rainer Maria Rilke: „Es war nicht in mir. Es ging aus und ein./Da wollt ich es halten. Da hielt es der Wein./ (Ich weiß nicht mehr, was es war.)/Dann hielt er mir jenes und hielt mir dies/bis ich mich ganz auf ihn verließ./Ich Narr.“

Viele legen deshalb einen trockenen Januar ein. Warum nicht? 2018 wurden in Deutschland knapp 25 Milliarden Euro für alkoholische Getränke ausgegeben. Ethanol ist die weltweit am meisten verbreitete Droge, Missbrauch folgenreich, weswegen in einigen Weltgegenden eine Prohibition gilt. Etwa im indischen Bundesstaat Gujarat mit mehr als 60 Millionen Einwohnern. Mahatma Gandhi kam hier zur Welt und lenkte von der größten Stadt Ahmedabad den Widerstand gegen die Briten. Gandhi war ein Gegner des Alkohols, in dem er eine Ursache des Elends der Landbevölkerung ausmachte.

Nun ist das so eine Sache mit den Dogmen. Kein Verbot ohne Löcher. Touristen dürfen in Gujarat eine Lizenz zum Einkauf in den staatlichen Alkoholläden erwerben. Wer unter Depressionen oder Schlaflosigkeit leidet, lässt sich vom Arzt zu therapeutischen Zwecken eine Ausnahmebewilligung ausstellen. Bier auf Rezept.

„Die ständige Sorge um die Gesundheit ist auch eine Krankheit“ – der vom Philosophen Platon überlieferte Satz findet sein Echo im Befund des Arztes, Psychiaters und Theologen Manfred Lütz: „Die Gesundheitsreligion ist die neue Erlösungsreligion schlechthin.“

Als Christ hält es Lütz mit der Leibfreundlichkeit, denn „Lust geht nicht ohne Leib“. Auch der Apostel Paulus habe den Leib sakralisiert mit dem Wort von dem „Tempel des Heiligen Geistes“. Selbst bei Jesu stieß der Theologe auf eine feuchtfröhliche Vorstellung vom Paradies: „Weinberge, Weinreben, Wein und Gastmähler, wo man hinschaut.“

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