Rund 500 Metaller ziehen durch Waiblingen. Foto: Gottfried Stoppel

Ein Aufruf der Gewerkschaft legt am Mittwochnachmittag weite Teile der Produktion in der heimischen Metall- und Elektroindustrie lahm.

Waiblingen - Beschäftigte der Metall- und Elektroindustrie im Rems-Murr-Kreis haben am Mittwoch ihren Forderungen nach mehr Lohn und flexibleren Arbeitszeitregelungen in Waiblingen Nachdruck verliehen. Rund 500 Arbeitnehmer waren dem Aufruf der IG Metall zu einem Demonstrationszug durch die Stadt gefolgt, weitere 1000 hätten mit einem vorgezogenen Feierabend dafür gesorgt, dass die Produktion der Branche an Rems und Murr „stillgestanden“ habe, so die Gewerkschaft. Hintergrund waren die an diesem Nachmittag anberaumten Tarifverhandlungen in Böblingen.

Arbeitszeiten sollen zum Leben passen

Das Ziel sei, ein deutliches Signal an die Arbeitgeber zu senden, dass „wir Arbeitszeiten brauchen, die zum Leben passen“, so Christian Friedrich von der örtlichen IG Metall bei der Kundgebung vor dem Waiblinger Rathaus.

Natürlich geht es auch um mehr Geld: „Wir wollen ein Stück von dem Kuchen, an dem wir fleißig mitgebacken haben“, betonte Ralf Russo vom Betriebsrat von Bosch Power Tools, der zusammen mit rund 50 Kollegen aus Murrhardt angereist war. Die geforderten sechs Prozent halte er unter den gegebenen Umständen – satte Profite der Konzerne und stetig steigende Managergehälter – für mehr als angemessen.

Das Angebot der Arbeitgeber, die zuletzt zu zwei Prozent mehr Lohn bereit gewesen waren, sei hingegen ein „schlechter Aprilscherz“, sagte Eleftherios Belis, Betriebsrat bei Mahle Aftermarket in Schorndorf. Zumal, wie Ünal Demir, Arbeitnehmervertreter bei Stihl in Waiblingen, ergänzte, dieses Angebot mit Gegenforderungen verbunden sei. „Die schielen auf unsere Zuschläge und wollen eine vierjährige unbegründete Befristung von Arbeitsverträgen durchsetzen.“

Für Matthias Fuchs, den Geschäftsführer der IG Metall Waiblingen, sind vernünftige Zugeständnisse der Arbeitgeber in drei Themenfeldern die Voraussetzung, dass es nicht zu einem Arbeitskampf kommt: Neben der Lohnsteigerung seien dies das Recht, die Arbeitszeit temporär zu verkürzen sowie Entgeltausgleiche für besondere Lebenssituationen, etwa die Pflege von Angehörigen. Eine Einigung wäre natürlich das Beste, aber man sei vorbereitet, falls es nicht dazu kommen sollte. Schon nächste Woche könne es auch ohne Urabstimmung über Mitgliederbefragungen in einzelnen Betrieben zu 24-Stunden-Streiks kommen.

Hohe Streikbereitschaft

Nicht nur der Gewerkschaftsfunktionär ist davon überzeugt, dass die Arbeitnehmer da mitziehen. „Die Streikbereitschaft bei uns liegt bei 90 Prozent“, sagt etwa Sascha Ebbinghaus, Betriebsrat bei dem Waiblinger Maschinen- und Werkzeughersteller Rems. Dass diese so groß ist, führt er darauf zurück, dass es berechtigte Ansprüche auf eine Beteiligung am Profit der Unternehmen gebe. „Die Wirtschaft läuft gut, die Firmen machen seit Jahren Gewinne ohne Ende. Für uns steigt nur der Stress, etwa durch Arbeitsverdichtung. Außerdem wird uns immer mehr Flexibilität abverlangt – ohne Gegenleistung.“

Auch Gürhan Hag, Betriebsratsvorsitzender bei Bosch Verbindungstechnik in Waiblingen, ist sicher, dass die Belegschaft hinter ihm steht, sollte es zum Ernstfall kommen. Man habe schließlich im Vorfeld viel diskutiert und die Erwartungen vieler einzelner Arbeitnehmer in die Forderungen der Gewerkschaft eingearbeitet. Für Eleftherios Belis schien bei der Kundgebung in Waiblingen bei strahlendem Sonnenschein sogar Unterstützung von ganz oben dabei gewesen zu sein. Belis: „Der Wettergott ist ein IG-Metaller.“

Die Tarifauseinandersetzung in der Metallindustrie

Forderungen
Die Gewerkschaft fordert eine Lohnerhöhung um sechs Prozent und ein individuelles Recht auf eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit auf bis zu 28 Stunden. Die Arbeitgeber haben zwei Prozent mehr Lohn angeboten und lehnen kürzere Arbeitszeiten mit Lohnausgleich ab.

Warnstreiks
Seit Ende der Friedenspflicht am 31. Dezember haben sich laut Angaben der IG Metall bundesweit etwa 900 000 Beschäftigte an mehrstündigen Arbeitsniederlegungen beteiligt, im Rems-Murr-Kreis sollen es inklusive der Aktion am Mittwoch mehr als 5000 Arbeitnehmer gewesen sein.

Verhandlungen
Die Vertreter der IG Metall und der Arbeitgeber in Böblingen beraten zurzeit in ihrer nunmehr vierten Verhandlungsrunde. Der Bundesvorstand der Gewerkschaft hat angekündigt, am Freitag über das weitere Vorgehen zu entscheiden.

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