Essen gehört ebenso zur Ganztagsschule wie eine ganz andere Zeitplanung und Zusammenarbeit mit Vereinen und Institutionen. Foto: picture alliance/dpa

Professionelle Zusammenarbeit und Augenhöhe von Lehrern, Eltern und außerschulischen Partnern, gelten als zentrale Bausteine für gute Ganztagsschulen. Doch der Verbesserungsprozess kann zehn Jahre dauern.

Stuttgart - Eine gute Ganztagsschule ist nicht einfach die Halbtagsschule und ein zusätzliches Betreuungsangebot. Sie ist eine ganz neue Art von Schule.“ Das machte Anne Sliwka vom Institut für Bildungswissenschaften der Universität Heidelberg am Montag in Stuttgart deutlich.

Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) will für die Ganztagsschule werben. „Die Landesregierung will das Angebot ausbauen“, versprach die Ministerin. Noch verläuft die Nachfrage schleppend. Im Jahr 2014, als die Ganztagsgrundschulen gesetzlich verankert wurden, hoffte der damalige Kultusminister Andreas Stoch (SPD) noch, dass im Jahr 2022 rund 70 Prozent der Grundschulen Ganztagsschulen sein sollen. Davon ist der Südwesten weit entfernt. Im aktuellen Schuljahr machen gerade mal 18 Prozent der Grundschulen ein Ganztagsangebot. Einen Grund sieht Eisenmann darin: „Viele Eltern sind von der Qualität noch nicht überzeugt“. Sie sieht auch Versäumnisse in der Vergangenheit. „Man wollte einen möglichst schnellen Ausbau. Es gab nicht von Beginn an einen Qualitätsprozess.“ Das soll sich nun ändern.

Entwicklungsbeirat soll Schulen begleiten

Für die neue Art von Schule im Sinne von Anne Sliwka legt das Kultusministerium jetzt einen Qualitätsrahmen vor. Am Ende könnte sogar eine Zertifizierung stehen, wie Kultusministerin Eisenmann in Aussicht stellte. Doch das kann dauern. „Sie brauchen einen langen Atem“, warnte Sliwka die 250 Lehrer, Schulleiter und auch die Kommunalvertreter in der Sparkassenakademie. Für eine nachhaltige Schulentwicklung müsse man zehn bis zwölf Jahre einkalkulieren. Auch danach solle die Begleitung nicht aufhören. Sliwka regt einen Entwicklungsbeirat aus Wirtschaft und Gesellschaft an, der die Schulen extern begleitet.

Zentral bleibe aber die Frage der Ressourcen, betonten die Schulleiterin Beate Ritter vom Landesvorstand des Ganztagsschulverbands in der Diskussion und Markus Mayer vom Caritasverband für die außerschulischen Partner übereinstimmend.

Fortlaufende Kommunikation entscheidend

Augenhöhe und Kooperation aller Beteiligten soll ein zentrales Merkmal der Weiterentwicklung der Ganztagsschulen sein. Sliwka mahnte Vertrauensbildung und fortlaufende Kommunikation mit den Eltern an. Ein Punkt des Qualitätsrahmens ist etwa, dass die Schulen neue Formen der Elterninformation und des Dialogs erproben. Als Knackpunkt der Qualitätsentwicklung stufte die Heidelberger Professorin die Lehrkräfte ein. Sie sieht Teamarbeit als Schlüssel zur Qualitätsentwicklung. Ein Qualitätsmerkmal wären dem Rahmen zufolge „funktionale Arbeitsstrukturen, um in Fach- und Stufenteams zusammenzuarbeiten“.

Zudem sieht der Rahmen vor, dass die Zusammenarbeit zwischen Schulleitung, Lehrern und außerschulischen Partnern systematisch weiterentwickelt wird. Für die Mitarbeiter soll es zum Beispiel klare Arbeitsplatzbeschreibungen geben. Das alles soll den Schülern dienen. „Ganztagsschulen sind ein wichtiger Baustein für mehr Bildungs- und Leistungsgerechtigkeit“, sagte die Kultusministerin. Die Schule solle Lern- und Lebensraum sein. Chancengerechtigkeit, Persönlichkeitsentwicklung und Wohlbefinden ebenso wie die Möglichkeit, dass Schüler ihr Leistungspotenzial voll ausschöpfen können, gelten als Ziele der Ganztagsschule.

Unterstützung versprochen

Der Rahmen setze „Meilensteine für qualitätsvolle Ganztagsbildung“, findet Eisenmann. Es sei aber auch ein „leistungsstarkes Unterstützungssystem nötig“. Vorgesehen seien Erleichterungen für die Verwaltung und Fortbildungsangebote für die Lehrer. Eisenmann versicherte „das Thema liegt uns am Herzen“. Gleichwohl würden sich Eltern auch andere Betreuungsformen wünschen. „Das Land muss sich der Vielfalt der Bedarfe stellen“, betonte sie.

Die FDP kritisiert, dass sich der Qualitätsrahmen nur auf gesetzlich verankerte Ganztagsschulen an Grund-, Sonder- und Gemeinschaftsschulen bezieht. Nach wie vor habe Eisenmann kein Ganztagskonzept, das alle Formen der Betreuung umfasse. Für die SPD ist der Rahmen ein bloßer „Papiertiger“. „Die Schulen brauchen nicht nur gute Ratschläge bis ihnen schwindlig wird, sondern mehr Ressourcen für die praktische Umsetzung“, klagte Stefan Fulst-Blei. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) verlangte ebenfalls mehr Lehrerstunden für die Umsetzung des Qualitätsrahmens. Eisenmann stellte in Aussicht, sie werde sich für mehr Haushaltsmittel einsetzen.

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