Kultusministerium Der weite Weg zur frühkindlichen Bildung

Von Stefanie Köhler  

Kultusministerin Marion Schick (CDU) will die frühkindliche Bildung vorantreiben.

Stuttgart/Waiblingen - Kultusministerin Marion Schick (CDU) will die frühkindliche Bildung vorantreiben. Im Land gibt es bereits etliche  Einzelprojekte, zum Beispiel Bildungshäuser oder Kindertagesstätten, die den Orientierungsplan vorbildlich umsetzen. Ein Gesamtkonzept für die frühkindliche Bildung soll bis Jahresende vorliegen.

Experimentierstunde in der Tageseinrichtung für Kinder in Stuttgart-Weilimdorf. In der Forscherecke sitzen Lukas, Ben und Benjamin, alle 5, vor einer Plastikschüssel, gefüllt mit Wasser. Die Schwämme darin sind mit Wasser vollgesogen. Lukas nimmt einen Schwamm, presst ihn zusammen, lässt ihn zurück ins Wasser plumpsen und staunt, wie schnell er sich aufbläht. Auf dem Tisch hinter den drei Jungen liegen verbrannte Streichhölzer, die Luft riecht verkokelt. "Zu Hause darf ich nicht mit Wasser spielen und auch mit Streichhölzern nicht", sagt Benjamin. Seine Freunde nicken.

Auf die Kita für Jungen und Mädchen zwischen acht Monaten und 14 Jahren ist Kultusministerin Marion Schick (CDU) stolz. Die Einrichtung setze den Orientierungsplan vorbildlich um, sagt sie. Diese Art Bildungskompass wurde 2006 im Rahmen einer Pilotphase an 1700 Kindergärten eingeführt. In dem Plan steht, dass Erzieher Kinder auch individuell bilden müssen, nicht nur betreuen und erziehen. Die Sprachförderung steht im Mittelpunkt.

Kinder früh und individuell fördern

Seit September finanziert das Land die Sprachförderung für Kindergartenkinder, die bei der Einschulungsuntersuchung Sprachprobleme haben. Zehn Millionen Euro gibt das Land jährlich für das Projekt aus, das zuvor die Baden-Württemberg-Stiftung finanziert hatte. Die Erzieherinnen wurden geschult, um all das leisten zu können. In den nächsten Jahren will die Landesregierung jedes Jahr zehn Millionen Euro in solche Fortbildungen investieren. In der Weilimdorfer Kita hat mehr als jedes zweite Kind einen Migrationshintergrund.

"Die frühkindliche Bildung muss spätestens mit drei Jahren beginnen", sagt Schick. Sie sagt auch, dass jedes Kind davon profitieren müsse. Von dem Ziel ist das Land aber weit entfernt. Nur zehn Prozent der 8004 Kitas im Südwesten integrieren Prinzipien des Orientierungsplans. Denn verbindlich ist er nicht. 2009 hatten sich Land und Kommunen bei der Finanzierung nicht geeinigt. Im Frühjahr 2011 erhalten alle Kindergärten eine weiterentwickelte Fassung des Orientierungsplans.

Bis zum Jahresende will das Land ein Gesamtkonzept für die frühkindliche Bildung vorlegen. Momentan werden die Bemühungen, Kinder früh und individuell zu fördern, vor allem in Einzelprojekten umgesetzt. Wie zum Beispiel die Bildungshäuser. In diesen Einrichtungen kooperieren Kindergärten und Grundschulen. So können drei- bis zehnjährige Mädchen und Jungen gemeinsam lernen. Bildungshäuser bieten Kindergartenkindern auch die Möglichkeit, nahtlos in die Grundschule zu wechseln und dort jahrgangsübergreifende Klassen zu besuchen. Etwa ein Fünftel der 2500 Grundschulen im Land unterrichten klassenübergreifend. Derzeit gibt es 33 Bildungshäuser, 70 weitere sollen hinzukommen. Die Kooperationen sind bundesweit einzigartig.

Das Bildungshaus in Waiblingen-Hohenacker setzt seit mehr als drei Jahren darauf, dass Kinder in ihrer Bildungsbiografie keinen Bruch erleiden und eine auf ihre Bedürfnisse abgestimmte Bildung bekommen. Dazu zählen flexible Einschulungstermine, im Herbst und im Frühjahr. Immer wieder, sagt Herbert Brändle, Schulleiter der Lindenschule, die mit zwei Kindergärten und einer Kita kooperiert, seien Kinder von ihrem Wissen her zwar bereit für die Grundschule, psychisch benötigten sie aber noch Zeit. Oder andersherum. Landesweit gibt es 40 Grundschulen, die eine solche Flexibilität bei der Einschulung ermöglichen. Zu wenig, wie Schick findet. "Mit den 40 bin ich nicht zufrieden", sagt sie. Sie sei davon überzeugt, dass den Vorteilen der Flexibilisierung keine Nachteile gegenüberstehen. Kinder, die das Hohenacker Bildungshaus verlassen, gehen überdies zu 50 bis 60 Prozent aufs Gymnasium. Landesweit liegt der Schnitt bei 47 Prozent.

Schick hatte die Verdreifachung der Bildungshäuser vorangetrieben. Das Konzept, das sie als integrierten Bildungsraum bezeichnet, begeistert sie. Doch die Politikerin weiß auch, dass ihr noch viel Arbeit bevorsteht, wenn Bildungshäuser eines Tages zur Normalität gehören sollen.

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