Kultusminister Andreas Stoch über soziale Effekte des Sports, Bewegung in der Schule und den Kampf gegen Doping. Foto: dpa-Zentralbild

Er selbst kommt kaum mehr zum Tennisspielen, dessen ungeachtet preist er die Vorzüge des Sports. In den Schulen plant der SPD-Politiker seit kurzem eine Bewegungs-Offensive.

Er selbst kommt kaum mehr zum Tennisspielen, dessen ungeachtet preist er die Vorzüge des Sports. In den Schulen plant der SPD-Politiker seit kurzem eine Bewegungs-Offensive.
Stuttgart - Herr Stoch, haben Sie heute schon ein wenig Sport getrieben?
(Hebt nachdenklich die Augenbrauen) Jetzt erwischen Sie mich gleich auf dem linken Fuß. Ich war zur Vorsorgeuntersuchung beim Arzt. Ich bin kerngesund, aber er hat mir geraten, wieder mehr Sport zu treiben.
Und?
Es reicht nur noch für einmal in zwei Wochen, viel zu wenig.
Dabei sind Sie doch ein guter Sportler.
Ich habe von klein auf im Verein Tennis und Fußball gespielt. Später kam Handball dazu. Dann habe ich mich in der Schule durch einen tollen Trainer für Basketball begeistert. Wir beide haben dann in meinem ­Heimatverein eine Basketball-Abteilung gegründet. Ich habe den Trainerschein ­gemacht, eine Frauenmannschaft trainiert und mich in der Vereinsleitung engagiert.
Das volle Programm.
Ja, in fast allen Funktionen. Und ich kann sagen: Der Sport hat mir sehr viel gegeben. Ich habe das Miteinander immer sehr genossen.
Welche Position hatten Sie denn in den Mannschaften?
Im Fußball entweder Linksaußen oder Mittelstürmer, immer an der Spitze, sozusagen. Zwischendurch war ich auch mal als Torwart mit meiner Schulmannschaft beim baden- württembergischen Landesfinale.
Und im Basketball . . .
. . . war ich der wuselige Spielmacher, der die langen Kerls mit Pässen gefüttert hat und dem ab und zu mal ein Dreipunktewurf gelang.
Und heute?
Spiele ich noch aktiv Tennis mit meinen Freunden. Vergangene Saison sind wir mit der Mannschaft von der Verbands- in die Oberliga aufgestiegen. Ich war allerdings nur bei einem Punktspiel dabei.
Haben Sie Zeit, um zu trainieren?
Leider nein, letzten Sommer stand ich nur sechs-, siebenmal auf dem Platz.
Sitzen Sie auch mal am Fernseher, um Sport zu schauen?
Ja, klar. Wenn ein gutes Fußballspiel kommt, schaue ich mir das gern an, wenn es geht. Ich bin auch gern mal im Stadion. Und meine Kinder lieben es, gemeinsam mit mir Biathlon anzugucken. Da gab es mal ein superspannendes Rennen. Danach waren die ­Kinder plötzlich weg. Sie haben sich in die Winterklamotten gestürzt, Langlaufstöcke und Blechbüchsen besorgt und sind im Schnee ums Haus gerannt.
Und womit haben sie geschossen?
(Lacht) Mit Tennisbällen!
Das zeigt, was Sport kann. Was gibt er unserer Gesellschaft noch?
Die Vereine sind ein ganz wichtiger Kitt unserer Gesellschaft. Der Sport unterscheidet nicht zwischen Reich und Arm oder zwischen Jung und Alt. Er versucht alle nach ihrer jeweiligen Leistungsfähigkeit einzubinden. Und er fördert das Miteinander und die soziale Kompetenz. Man ist immer nur so stark wie die Mannschaft, in die man sich einordnet.
Passt das noch in eine Gesellschaft, die sich zunehmend individualisiert?
Es ist sicher so, dass Sport immer öfter individuell betrieben wird, beispielsweise in den Fitnessstudios. Da fallen viele soziale Komponenten aus dem Vereinssport weg. Wir müssen insgesamt aufpassen, dass die Gesellschaft nicht weiter auseinanderdriftet und die Menschen nicht mehr zusammenfinden. So gesehen gewinnt der Sport im Verein noch zusätzlich an Wert.
Sportliche Großereignisse werden immer öfter kritisch gesehen. Was sagt Ihnen das Nein der Bayern zur Bewerbung um Olympische Winterspiele?
Das war ein demokratischer Akt, den es zu respektieren gilt. Dennoch kann man die Entscheidung hinterfragen. Man hört oft, dass solche Großereignisse als hochgezüchtete Kunstprodukte empfunden werden, die nur noch dem Kommerz dienen, während sie die eigentlichen Werte des Sports nicht mehr transportieren.
Was ist falsch daran?
Es ist ja immer die Frage der Alternative. Man sollte schon abwägen, wem geholfen ist, wenn etwa die Olympischen Spiele dann an Orten stattfinden, an denen die Eingriffe in die Natur noch um einiges höher sind, als sie es bei uns gewesen wären. Denken Sie nur an Sotschi. Das Konzept von München war eines der nachhaltigsten der olympischen Geschichte. Die meisten Sportstätten haben doch schon existiert.
Was lernen wir daraus?
Die Sportverbände und wir alle sollten in Zukunft intensiv die Konzepte erläutern und darlegen, warum Großveranstaltungen auch in Deutschland nach wie vor begeistern und sinnvoll sein können. Dann erreicht man mit Sicherheit auch eine größere Akzeptanz. Aber auch das IOC sollte sich überlegen, weshalb die wichtigste Sportveranstaltung der Welt von einer demokratischen Gesellschaft abgelehnt wird.
Wie stehen Sie zur Entscheidung von Bundespräsident Gauck, nicht nach Sotschi zu reisen?
Aus politischer Sicht ist es nachvollziehbar. Die Haltung der russischen Politik etwa bei den Menschenrechten oder bei der Homo­sexualität kollidiert mit dem westeuropäischen Wertegerüst. Für die Sportler tut es mir aber leid, weil es Ausdruck der Wertschätzung ihrer Leistungen gewesen wäre, wenn das Staatsoberhaupt sie in Sotschi besucht hätte. Ich hätte mich im Interesse der Sportler anders entschieden und vor Ort nach Mitteln und Wegen gesucht, meine kritische Haltung zum Ausdruck zu bringen. Deshalb ist es gut, dass der Innenminister hinfährt.
Vielleicht wäre der Bundespräsident ja zu einer Fußball-WM gereist. Fußball dominiert mittlerweile fast alles.
Unsere mediale Welt ist an den Produkten interessiert, die hohe Werbeeinnahmen generieren. Der Fußball bietet das. Dadurch entsteht eine Art Monokultur. Ich würde mir deshalb wünschen, dass wir dazu im öffentlich-rechtlichen Fernsehen öfter mal einen Kontrapunkt setzen. Es gibt tolle und spannende Veranstaltungen in anderen Sportarten wie zum Beispiel Basketball, Handball oder Hockey, die im medialen Vergleich öfter mal hinten runterfallen.
So ist der Markt . . .
. . . im privaten Fernsehen ist das richtig. Aber die mediale Wahrnehmung löst bei unseren Kindern Nachahmungseffekte aus. Und sie sollen sich eben in unterschiedlichen Sportarten ausprobieren.
Mit freundlichen Grüßen an den Rundfunkrat.
In dem ich selbst mal saß. Er unterliegt natürlich gewissen Zwängen. Und manche Sportarten interessieren eben nur einen kleinen Kreis von Zuschauern. Trotzdem sollten gerade die öffentlich-rechtlichen Sender ihre Verantwortung für die Vielfalt des Sports deutlicher wahrnehmen.
Die Probleme beginnen schon in der Schule. Zu viele Sportstunden fallen aus. Häufig unterrichten fachfremde Lehrer. Schwimmunterricht findet bisweilen gar nicht mehr statt.
Der Schulsport spielt schon deshalb eine wichtige Rolle, weil er für manche Kinder die einzige sportliche Aktivität bedeutet. Deshalb wollen wir mehr Sport und Bewegung an den Schulen. Beim Ausbau der Ganztagsschule sollen diese Elemente deshalb stärker umgesetzt werden.
Aber die Fachkräfte dafür fehlen.
Der Sport hat unbestritten einen hohen pädagogischen Wert, weil er soziale Kompetenzen, Motorik, Fitness und die geistige Leistungsfähigkeit unterstützt. Wir wollen deshalb im Rahmen des Ganztagsausbaus für eine Rhythmisierung sorgen. Das heißt: Lernphasen sollen sich abwechseln mit sportlichen Bewegungs- und kreativen Phasen. Dafür brauche ich natürlich gut ausgebildete Sportlehrer, aber zur Ergänzung auch Übungsleiter, die über die Vereine an die Schulen kommen.
Davon gibt es aber noch zu wenig.
Wenn wir den Sport an der Schule forcieren, brauchen wir natürlich die entsprechenden Fachkräfte. Wir wollen erreichen, dass die Prüfungsanforderungen für angehende Lehrer entsprechend angepasst werden. Außerdem gibt es ja auch schon in den Vereinen pädagogisch qualifizierte Sportfachkräfte. Die Sportverbände verfügen über die erforderlichen Ausbildungskapazitäten. Wir brauchen am Ende ein Miteinander von qualifizierten Lehrern und fähigen Übungsleitern aus den Vereinen.
Für Sport in der Schule steht auch „Jugend trainiert für Olympia“. Kritiker sehen darin nicht mehr als einen Schulausflug.
Ich bin als Kultusminister Kuratoriums-Vorsitzender der Deutschen Schulsport-Stiftung, die das organisatorische Rückgrat von „Jugend trainiert für Olympia“ und „Jugend trainiert für Paralympics“ bildet. Das ist nach wie vor ein erfolgreiches Konzept, an dem jedes Jahr bundesweit 800 000 Schüler teilnehmen. Man kämpft dort nicht nur für sich, sondern auch für seine Schule. Das schafft Identifikation. Ich war vergangenen Winter beim Bundesfinale der Wintersportarten in Schonach. Das war begeisternd. ­Jeden, der den Wettbewerb kritisiert, lade ich ein, so etwas mal mitzuerleben.
Sport ist Teil unserer Alltagskultur. Wie ernst nehmen Sie die Doping-Seuche?
Sehr ernst. Nicht ohne Grund steht Baden-Württemberg beim Kampf gegen Doping bundesweit an der Spitze.
Hat die Initiative von Justizminister Rainer Stickelberger ein Umdenken auf breiter Front bewirkt?
Sie hat jedenfalls mitgeholfen. Sie ist nach Abschluss der Koalitionsverhandlungen das Leitbild bei den Überlegungen für ein neues Anti-Doping-Gesetz.
Die Politik hat in dieser Frage den Sport vor sich hergetrieben.
Der organisierte Sport hat jedenfalls zu lange gezögert und sich zu sehr auf seine eigenen Anti-Doping-Maßnahmen und Sanktionsmöglichkeiten beschränkt.
Was kann das Land noch tun?
Doping ist ja nicht nur ein Problem des Spitzensports. Leistungs­manipulationen finden auf verschiedenen Ebenen statt. Es geht ja nicht nur um saubere Wettkämpfe, es geht um den Schutz der Gesundheit, es geht um Werte wie Ehrlichkeit und Fairness, und es geht um den Stellenwert des Sports insgesamt.
Wo wollen Sie ansetzen?
Die Vorbeugung beginnt im Kopf. Wir müssen dort ansetzen, wo sich Kinder und Jugendliche zu Leistungssportlern entwickeln.
Das klingt wohlfeil.
Es gibt konkrete Maßnahmen. Wir legen Lehrmaterialien für den Schulunterricht auf. Jede Mannschaft, die als Landessieger von „Jugend trainiert für Olympia“ oder „Paralympics“ zum Bundesfinale nach Berlin fahren darf, muss ein E-Learning-Programm zum Thema Doping und seine Gefahren durchlaufen. Damit erreichen wir viele sportbegeisterte Kinder und Jugendliche.
Und wenn es dumm läuft, hat der Lehrer von der Problematik keine Ahnung.
Die Thematik wird Bestandteil der Lehrer-aus- und -fortbildung. Klar ist aber: Es gibt keine Garantie. Wir sind aber sicher, dass wir so frühzeitig das Bewusstsein der Kinder und Jugendlichen schärfen.
Im Anti-Doping-Kampf ist das Land ein Vorreiter, im Hinblick auf die Effizienz der Strukturen in den Sport-Organisationen vorsintflutlich. Sportbünde in Württemberg, Nord- und Südbaden und der Landessportverband speisen sich aus Steuergeldern. Ist das verantwortbar?
Letztlich ist die Organisation dem Zweck untergeordnet. Und der Zweck ist, gute Bedingungen für die sportliche Betätigung vor Ort zu schaffen. Das gelingt jedenfalls mit unserer Vereinsstruktur sehr gut.
Und die Vereine brauchen vier Dachorganisationen, die in Teilen das Gleiche machen?
Was auf Bezirks-, Regional- oder Landesebene als Steuerungsinstrument Sinn ergibt, ob man nicht schlagkräftiger wäre, wenn man mehr gemeinsam macht, das muss der Sport selbst entscheiden.
Wieder ein Politiker, der sich nicht traut, die Vier-Faltigkeit im Sport-Land zu beenden.
Wie gesagt, hier ist zunächst einmal nicht die Politik gefragt, sondern jeder einzelne Sportverband. Es gibt eben auch Traditionen. Und ein gewisses Besitzstandsdenken. Das ist im Sport nicht anders als etwa in der Kultur.
Der Sport kassiert jährlich 64 Millionen Euro aus dem Landeshaushalt. Der sogenannte Solidarpakt läuft 2016 aus. Wird er in dieser Höhe verlängert?
Ich möchte die gesellschaftliche Bedeutung des Sports auch dadurch hervorheben, dass wir die notwendigen Gelder auch in Zukunft zur Verfügung stellen wollen. Der laufende Solidarpakt ist ja besser ausgestattet als sein Vorgänger. Der Sport blieb von aktuellen Einsparungen bisher verschont. Aber er muss bereit sein, uns gegenüber darzulegen, wofür diese Gelder sinnvoll eingesetzt werden. Dazu gehört auch die Frage, ob schlankere Strukturen Geld einsparen könnten.
Sie werden Schreie der Empörten hören.
Wir wollen alle Fragen gut partnerschaftlich diskutieren. Ich bin mir ganz sicher, dass wir uns mit den Sportverbänden auf eine von Vertrauen getragene Fortsetzung unserer Zusammenarbeit einigen werden.