Christine Radtke vor dem Afrika-Haus. Schon an der Fassade zeigen sich die Schäden. Foto: Emanuel Hege

Ein Bürgerverein erhebt schwere Vorwürfe gegen die Freiberger Stadtverwaltung. Das Erbe des Abenteurers Artur Benseler habe man sehenden Auges verkommen lassen, jetzt scheut man Kosten. Es ist die erste große Probe für Bürgermeister Jan Hambach.

„Wegen Wasserschadens vorerst geschlossen“ steht an der Tür des Freiberger Afrika-Hauses. Im weitläufigen Garten der ehemaligen Kulturstätte liegt sinnbildlich eine Krokodilfigur im Gras, Zähne sind herausgebrochen, eine Moosdecke breitet sich über den schuppigen Rücken aus. Zwei Massaikultpuren aus Mahagoni liegen derweil flach unter einer Plane direkt neben Müllereimern. Die Teiche, in denen einmal Fische schwammen, sind bis zur Kante mit Erde gefüllt. Hier geht nichts mehr. Wo früher Feste gefeiert wurden, sollen nach dem Willen der Stadtverwaltung bald Wohnungen entstehen – wie konnte es so weit kommen?

 

Das fragt sich Christine Radtke. Sie wohnt in der Nachbarschaft des Afrika-Hauses und hat mit 19 Mitstreitern in der vergangenen Woche den Bürgerverein „Pro Afrikahaus- Kunst und Park“ gegründet. Die Gruppe will aufstehen, auf den Verfall der Kulturstätte aufmerksam machen und diese erhalten. Für sie steht fest, dass die Stadt und der Gemeinderat das Afrika-Haus loswerden wollen – der gehe es vor allem ums Geld, so der Vorwurf.

So entstand das Afrika-Haus

Doch von vorne: 1970 gründete der Freiberger Abenteurer und Schriftsteller Artur Benseler ein Zentrum für afrikanische Kunst und Kultur mitten in seiner Heimatstadt. Dort stellte er Gegenstände aus, die er von seinen Reisen durch den Kontinent mitgebracht hatte. In den darauffolgenden Jahrzehnten entwickelte sich das Afrika-Haus weiter, es fanden Seminare und Konzerte statt, es wurde zu einem interkulturellen Treffpunkt der Stadt. Der Ort habe Persönlichkeiten aus ganz Afrika angezogen und Toleranz gefördert, sagt die Bürgerinitiative.

Entdecker Artur Benseler in seinem Afrika-Haus in Freiberg. /Kuhnle

Nach dem Tod Benselers im Jahr 2010 gingen das Haus und die Exponate als Erbe an die Stadt Freiberg über. Die hatte von da an die Aufgabe, das Museum und den Veranstaltungsort weiterzuführen. Passiert sei jedoch nichts, die Stadt habe das Afrika-Haus verrotten lassen, so die Kritik der Bürgerinitiative. Die Kulturstätte sei in den Dornröschenschlaf gefallen, einfach weil es kostengünstiger war, so Christine Radtke.

In den vergangenen Jahren war das Haus nur noch unregelmäßig geöffnet, auch Veranstaltungen gab nur selten, die aufwendige Gartenanlage verwilderte. Vor einem Jahr brach ein Rohr, die Feuchtigkeit in den Wänden beschädigte Kunstgegenstände – das Haus wurde geschlossen. „Wenn ehrliches Interesse an dem Ort bestünde, hätte man sich schon längst darum gekümmert“, sagt Christine Radtke. „Aber es kam nichts, null Komma null.“

Das Afrika-Haus habe man schleifen lassen, sagt auch Willi Zimmer, langjähriger Fraktionsvorsitzender der CDU im Gemeinderat. Die Räte hätten seit 2010 immer wieder nachgehakt, was die Stadtverwaltung mit dem Haus vorhabe, es habe immer geheißen, eine Sanierung sei zu teuer. „Wer ein Erbe hat, muss auch den Verpflichtungen nachkommen“, sagt Zimmer.

Das Afrika-Haus während seiner besseren Zeiten. /Kuhnle

Bürgermeister Jan Hambach ist erst seit Juni im Amt, angebliche Fehler der Vergangenheit wolle er nicht bewerten. Für ihn steht jedoch fest, dass das Haus nicht mehr zu retten ist. Eine Million Euro könnte die Restaurierung mittlerweile kosten, schätzt Hambach. In dieser Woche veröffentlichte die Verwaltung deshalb einen Beschlussvorschlag für den Verwaltungsausschuss kommende Woche – der weitreichende Folgen haben könnte. Das Grundstück soll verkauft werden, um es mit Wohnungen zu bebauen, die Kunstgegenstände sollen restauriert und an einen sicheren Lagerort gebracht werden. Laut Testament sei das zulässig, wenn das Gebäude wirtschaftlich nicht mehr haltbar ist, so Hambach.

Der Bürgermeister beteuert, dass das Grundstück nicht zugebaut werden soll, sondern die Gartenanlage mit den alten Bäume teilweise erhalten bleibt. Dafür solle ein städtebaulicher Entwurf sorgen. Der Erlös aus dem Grundstücksverkauf soll darüber hinaus in die Restaurierung der Kunstgegenstände und in eine zukünftige Ausstellungsfläche im neuen Freiberger Zentrum fließen, das sich noch in der Planung befindet.

Für die Bürgerinitiative ist der Beschlussvorschlag ein Eklat. 14 Jahre habe man die Kultureinrichtung und der Grünanlage beim Untergang zugesehen und nun spare man sich einerseits teure Sanierungskosten und verdiene zudem etwas dazu. Bis ein neues Afrika-Haus im Großbauprojekt Freiberger Zentrum eröffnen wird, werden Jahrzehnte vergehen, glaubt die Initiative – die Sammlung werde in Vergessenheit geraten.

Besonders verärgert ist die Initiative über das aktuelle Vorgehen, es würden keine Alternativen aufgezeigt oder Anwohner einbezogen werden. „Es wird sich wieder keine Mühe gegeben, das zieht sich wie ein roter Faden durch“, sagt Radtke. „Mir geht immer wieder die Frage durch den Kopf: Was ist der Stadt so ein Lebenswerk eigentlich wert?“

Zukunft der Afrika-Ausstellung

Kleine Ausstellungen
Um die Zeit zu überbrücken, bis es einen Ausstellungsort im neuen Freiberger Zentrum gibt, macht die Stadt um Bürgermeister Jan Hambach ein Angebot. Teile der Kunstgegenstände des Afrika-Hauses sollen im Wechsel in einem Raum des Museums im Schlössle ausgestellt werden. So soll die Sammlung nicht in Vergessenheit geraten.

Reaktion
Für die Bürgerinitiative ist das keine zufriedenstellende Lösung. Der vorgeschlagene Raum sei zu klein, die Ausstellung der Sammlung ergebe nur als Gesamtwerk wirklich Sinn. Für die Bürgerinitiative ist dieses Angebot ein Feigenblatt.