Bleibt ein Publikumsmagnet: Stuttgarter Ballett (Szene aus „Endstation Sehnsucht“) Foto: Stuttgarter Ballett

Zum ­dritten Mal in Folge erreicht Baden-Württembergs Landeshauptstadt den Spitzenplatz im Ranking deutscher Kulturmetropolen. „Kultur ist­ ­elementar für eine gute Stadt-Entwicklung“, sagt OB Fritz Kuhn im Gespräch mit den „Stuttgarter Nachrichten“.

Stuttgart - Zieht Fritz Kuhn leicht die ­Augen zusammen, weiß man: Der nächste Satz wird knapp und eher scharf ausfallen. Am Dienstagvormittag zeigte sich Stuttgarts Oberbürgermeister jedoch ausnehmend entspannt – der Grünen-Politiker freute sich, „wie schon 2014!“ über das aus „wunderbare Ergebnis“ einer aktuellen Studie zum bundesweiten Städteranking.

Nirgendwo in Deutschland werden so ­viele kulturelle Angebote gemacht wie in Stuttgart. Platz eins bei der Kulturproduktion sichert Baden-Württembergs Landeshauptstadt denn auch zum ­dritten Mal in ­Folge nach 2012 und 2014 den Spitzenplatz im Ranking deutscher Kulturmetropolen. Das ist das Ergebnis einer am Dienstag ­offiziell vorgestellten Studie des Hambur­gischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) und der Privatbank Berenberg.

OB Kuhn: „Elementar für eine gute Stadtentwicklung“

„Was hier in der Spitze und in der Breite geboten wird“, freut sich Kuhn, „stößt weit über die Stadt und die Region hinaus auf Anerkennung, ja Begeisterung. Einzigartig ist die Dichte an kulturellen Einrichtungen und Veranstaltungen: Bei Tanz und Ballett, Theater, Oper, klassischer Musik, Jazz, ­Literatur, Kunst, Varieté, Clubs und vielem mehr.“ Und der OB ergänzt: „Kultur ist­ ­elementar für eine gute Stadt-Entwicklung. Das Ergebnis erfüllt mich deshalb mit ­Freude und wird uns weiter Ansporn sein. Denn die Stadt und ihre Bürger müssen sich im Kulturangebot wiederfinden und brauchen die Kultur als Anstoß und Korrektiv. Das wissen gerade auch Stuttgarter Unternehmen, die sich vielfältig kulturell ­engagieren.“

Seit Jahren verzeichnet Stuttgart steigende Übernachtungszahlen, Tourismus, früher eher ausschließlich mit Städten wie ­Hamburg, München und Berlin in Verbindung gebracht, ist ein wichtiger Faktor ­geworden. Zahlt sich hier die Investition in Kulturagebote aus? „Die Kulturwirtschaft“, sagt Hans-Walter Peters, Sprecher der ­persönlich haftenden Gesellschafter von ­Berenberg, „ist ein wichtiger Wirtschaftszweig und ein bedeutender Treiber für die dynamische Entwicklung einer Stadt.“ Und er ergänzt: „In Städten wird Kultur geschaffen und erlebt. Sie zieht vor allem hoch­qualifizierte und kreative Menschen an und ist auch ein wichtiger Entscheidungs­parameter bei der Wahl des Wohn- und Arbeitsortes.“ Peters’ Fazit: „Die Kulturwirtschaft beeinflusst die Position von ­Städten im Wettbewerb.“

Das Hamburgische WeltWirtschafts­Institut sieht die Kulturwirtschaft in den 30 größten deutschen Städten als „bedeutenden“ Arbeitgeber. „In den vier deutschen Millionenstädten sind derzeit in Berlin 5 Prozent, in Hamburg 5,1 Prozent, in Köln 5,9 Prozent und in München 7,0 Prozent der ­sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in diesem Wirtschaftszweig angesiedelt – Tendenz steigend.“ Auch in diesem Vergleich überrascht Stuttgart – und liegt mit 7,6 Prozent bundesweit an der Spitze.

Kultusministerin Susanne Eisenmann: „Offene Türen für frühe Kulturerfahrungen“

Stuttgart im Ranking der deutschen ­Kulturmetropolen ganz vorne – das freut auch die langjährige Stuttgarter ­Kultur­bürgermeisterin und jetzige baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU). „Dieses tolle Ergebnis“, sagt Eisenmann auf Anfrage, „unterstreicht die Richtigkeit und Nachhaltigkeit unserer Investitionen in die ganze Vielfalt ­­kultu­reller Angebote und belegt zugleich die ­herausragende Attraktivität der Metro­polregion Stuttgart insgesamt.“ Eisenmann verweist zugleich auf einen aus ihrer Sicht „ganz zentralen Punkt“: „Persönlich freue ich mich auch ganz besonders über die ­Hinweise auf die Qualitäten im Bereich ­Bibliotheken und Theater, bieten sich doch dadurch im ganzen Kreislauf von der ­Vorschul- bis zur Hochschulbildung weit ­offene Türen für frühe und nachhaltige ­Kulturerfahrungen.“

HWWI-Expertin Dörte Nitt-Drießelmann fasst die Ergebnisse für Stuttgart so zusammen: „Ob bei den laufenden Aus­gaben für Bibliotheken (Platz 1), bei der Zahl der Plätze in Opern und Theatern (Platz 1) oder im Hinblick auf die Theaterbesucher (Platz 2) – Stuttgart erzielt wieder Top-Platzierungen.“

Nachholbedarf bei Galerien und Ateliers

Ablesbar ist der Studie aber auch, an ­welchen Stellen Baden-Württembergs Landeshauptstadt noch Nachholbedarf hat. „Die deutschen Millionenstädte“, summiert Nitt-Drießelmann, „sind für Künstler besonders attraktiv“. Tatsächlich verfügt das im neuen Kulturmetropolen-Ranking viertplatzierte Bundeshauptstadt Berlin mit mehr als 37000 Künstlern über die höchste Künstlerdichte (Künstler je Einwohner) – gefolgt von Köln, München und Hamburg. 36 Prozent der Künstler in den 30 Städten haben ihren Schwerpunkt in der bildenden Kunst, 27 Prozent im Bereich Wort, 22 ­Prozent in der Musik und 16 Prozent in der darstellenden Kunst. So erwartbar wie ernüchternd: In Berlin leben knapp doppelt so viele bildende Künstler wie in Stuttgart. Eine Quote mit Folgen – ist doch auch die ­Bedeutung der privaten Galerien und des Kunsthandels insgesamt in Berlin ent­sprechend hoch.

Klaus-Gerrit Friese, langjähriger Vorsitzender des Bundesverbandes deutscher ­Galerien und jetzt Vorsitzender des Zentralarchivs des internationalen Kunsthandels, sieht Berlin weiter auf Wachstumskurs. „Es gibt hier eine ausgeprägte Kultur des Galeriebesuchs“, sagt Friese, der vor einem Jahr mit seiner Galerie selbst von Stuttgart nach Berlin gezogen ist. Und er sagt weiter: „Das Wahrnehmen von zeitgenössischer Kunst auf das Programm der Berlin-Reisenden zu bekommen: Das hat Berlin mit seinem Weekend, seiner gelebten Kunstbegeisterung für die Kunst und die Künstler ­geschafft.“ Frieses Fazit: „Das also ist der Humus für Galerien: Wahrgenommen ­werden, nicht Last im manchmal Absonderlichen der Präsentation des Neuen zu sein. Im Gegenteil, das wird geradezu erwartet, verlangt: Heute machen wir den Gang durch die Galerien in Wilmersdorf, morgen in ­Mitte, das gehört dazu.“

Kunstvermittlerin Susanne Nusser-Baumgart: „Dialog mit der Wirtschaft wichtig“

Ein gutes Stück Kunstbegeisterung begründet – neben einem besonders intensiven Konzertleben und einer hohen Opernnachfrage – auch die Aufholjagd der in der Kunstmetropolenstudie in diesem Jahr zweitplatzierten bayerischen Hauptstadt. „München“ sagt denn auch die Kunstvermittlerin ­Susanne Nusser-Baumgart, „bietet eine wunderbare, breitgefächerte Museumslandschaft, spannende kuratorische Projekte und eine Vielzahl von engagierten Sammlern gerade auch der jüngeren Generation, die das Kunstgeschehen – teilweise in eigenen Plattformen – fördern und unterstützen.“

Wie auch Stuttgarts OB Fritz Kuhn, macht Nusser-Baumgart hier auf das Zusammenspiel der Kultur mit der Wirtschaft aufmerksam. In einer als attraktiv empfundenen Stadt investiert man eher auch in die Kulturangebote. Umso wichtiger sind Erfolgs­geschichten. Internationale Ehrungen für die Tänzerinnen und Tänzer des Stuttgarter Balletts wie jüngst der Premio Benois-Massine Mosca-Positano für die bereits im Mai mit dem Prix Benois de la Danse ausgezeichnete Erste Solistin Alicia Amatriain und auch die Bestnoten bei der jährlichen bundesweiten Kritikrumfrage für die im Theaterhaus Stuttgart beheimatete Kompanie von Eric Gauthier schaffen die notwendige Aufmerksamkeit.

Steigendes Interesse erhofft sich auch Stuttgarts Kunstszene. Voraussetzung wäre dafür unter anderem ein Erfolg für das ­Galerienwochenende am 24. und 25. September. Unter dem Titel „Art Alarm“ laden 22 Galerien zum Rundgang – auswärtige ­Besucher dürften vor allem die Ausstellungen mit Werken von Patrick Angus in der Galerie Thomas Fuchs und von Josephine Meckseper in der Galerie Reinhard Hauff anlocken.

Künstliche Filmwelten schaffen Arbeitsplätze

Ein Hinweis von Oliver Holtz, Berenberg-Niederlassungsleiter in Stuttgart, dürfte zuletzt die Film- und Animationsszene in der Metropolregion aufhorchen lassen. „In Stuttgart ist der Anteil der Beschäftigten in der Kulturwirtschaft der höchste im Vergleich“, sagt Holtz – und, noch wichtiger: „Die Umsätze je Einwohner liegen nur knapp hinter denen des erstplatzierten Köln“. Eine Umsatzstärke, die sich wesentlich der Produktion für die in der Domstadt ansässigen Rundfunk- und Fernsehsender verdankt. Doch schon jetzt liegt Stuttgart hier auf Rang zwei – und die Erfolge junger Firmen für das Schaffen künstlicher Filmwelten liegen allesamt im digitalen Zukunftsmarkt.

Die Kulturproduktion könnte also weiter steigen. Und die Kulturrezeption? Hier musste zuletzt etwa das Schauspiel Stuttgart mit einem Minus von 30 000 Besuchern gegenüber der Saison 2014/2015 einen Rückschlag hinnehmen. In der neuen Saison 2016/2017 will Intendant ­Armin Petras ­wieder deutlich mehr Besucher in die ­Vorstellungen locken – mit einem „Feuerwerk“ schon zur Eröffnung von 23. bis 25. September.

Gute Zahlen dürfte demnächst auch die Staatsgalerie Stuttgart melden: Mit einer Schau zum Werk des 1992 gestorbenen britischen Malerstars Francis Bacon will Direktorin Christiane Lange von 7. Oktober an den Erfolgskurs des Museumsflaggschiffs des Landes fortsetzen.

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