Vorsicht Baustelle: In der Kulturpolitik gibt es einige schwierige Projekte. Foto: dpa

Stuttgarts Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann wird Kultusministerin der neuen grün-schwarzen Koalition, Stuttgarts Akademierektorin Staatssekretärin im Wissenschaftsministerium. Die Wechsel fallen in eine Zeit zahlreicher kulturpolitischen Richtungsentscheidungen.

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Stuttgart - Elf Jahre ist Susanne Eisenmann (CDU) Bürgermeisterin für Schule, Sport und ­Kultur in Stuttgart, sechs Jahre lenkt Petra von Olschowski die Kunstakademie Stuttgart. Von diesem Donnerstag an gehören Eisenmann und von ­Olschowski der neuen Landes­regierung an. Eisenmann kam mit dem Gewicht von elf Stadtratsjahren ins Bürgermeisteramt, von Olschowski avancierte noch als Geschäftsführerin der Kunststiftung Baden-Württemberg zur Beraterin politischer und struktureller Entscheidungen. Beide Wechsel markieren einen Verlust an kulturpolitischem Gewicht für die Stadt und die Metropol­region Stuttgart. Auch die Kulturpolitik im Land sortiert sich neu und sieht sich mit zahlreichen Baustellen konfrontiert.

Stadt Stuttgart

Der Gemeinderat in der Landeshauptstadt ist zuletzt in entscheidenden Fragen der Finanzierung der für Stuttgart prägenden Stadttheater nicht den Vorschlägen der Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann gefolgt. „Die Förderung neuer Initiativen ist immer wünschenswert“, hatte Eisenmann hierzu gesagt und gewarnt: „Man muss aber auch immer die Rolle einer Kultureinrichtung für die Stadtgesellschaft im Blick haben.“ Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) hatte seinerseits wiederholt eigene Akzente gesetzt, und so wird an diesem Donnerstag auch der Gemeinderatsentscheid zum Umfang der Sanierung der Wagenhallen mit Spannung erwartet. OB Kuhn könnte bald grundsätzlich eine gewichtige ­Rolle spielen – sollte er die Kultur direkt zu sich ziehen. Vorerst registriert Stuttgarts Kulturszene, dass ausschließlich heftig über die künftige Verantwortung für die Eisenmann-Themen Schule und Sport gestritten wird. Weiter untersucht wird das Projekt eines Hauses für Film und Medien – Finanzierung offen.

Kunstakademie Stuttgart

Der Wechsel der Rektorin Petra von Olschowski ins Wissenschaftsministerium bringt für die Kunstakademie Stuttgart mit ihren Fachbereichen Gestaltung, Architektur, Freie Kunst/Kunstwissenschaft/Restauration neue Fragen zur Gewichtung von Themen und Ressourcen. Und so wird für die Nachfolge eine Persönlichkeit gesucht, die einerseits die Akademie-Stränge zusammenhält und andererseits in der Lage ist, die Interessen des Hauses gegenüber der Landespolitik entschieden zu vertreten.

Staatstheater Stuttgart

Europas größtes Dreispartenhaus (Oper, Ballett, Schauspiel) steht in seiner baulichen Struktur vor einer grundlegenden Neuordnung. Ausgangspunkt ist die dringend notwendige Sanierung des Opernhauses. Nach dem jüngsten Beschluss des Verwaltungsrats der Staatstheater Stuttgart soll eine „Kreuzbühne“ eingebaut werden, wie sie in zahlreichen Opernhäusern bereits seit Jahrzehnten in Betrieb ist. Dort lassen sich Kulissen aufgebaut „fahren“. In Stuttgart verlangt jeder Kulissenwechsel einen Ab- und Aufbau von Hand.

Zudem soll das zur Konrad-Adenauer-Straße orientierte Kulissengebäude abgerissen und neu gebaut werden. In diesem Zug könnten auch seit Jahrzehnten überfällige Räumlichkeiten für die Musiker des Staatsorchesters und für das Stuttgarter Ballett entstehen. Zudem sollen alle Service-Bereiche der Staatstheater zeitgerecht strukturiert und aufgewertet werden.

Auf bis zu 400 Millionen Euro werden die Gesamtbaukosten geschätzt. Darin eingeschlossen: eine bauliche Zwischenlösung, die einen Spielbetrieb mit 1400 Plätzen sichert. Einen Grundsatzbeschluss für das Vorhaben gibt es. Zugleich sind Pläne für den möglichen Neubau eines Opernhauses vom Tisch.

Wissenschaftsministerin Bauer sagte unserer Zeitung am Mittwoch: „Der Verwaltungsrat lässt sich jetzt in seiner neuen ­Zusammensetzung vom Denkmalschutz belastbare Beurteilungen vorlegen, was baulich möglich ist. Gleichzeitig werden auch die Stadt und die staatliche Hochbauverwaltung bauliche Optionen für das Kulissengebäude, die Seitenbühne und den Böhm-Pavillon vorstellen. Wenn das vorliegt, können wir fundiert über Kosten ­reden.“

Und weiter: „Klar ist, das eine solch umfassende Sanierung des Staatstheaters nur dann Sinn macht, wenn dadurch sowohl eine entscheidende Verbesserung der Bühnensituation, der Arbeitsbedingungen im Theater und auch der Besucherattraktivität gewährleistet ist.“

Stadt-Land-Finanzierung

Für anhaltende Aufregung sorgen Pläne der Stadt Karlsruhe, im Zuge der Haushaltskonsolidierung auch die Zuschüsse für das Badische Staatstheater und das Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) zu reduzieren. Da beide Einrichtungen – wie auch die Staatstheater Stuttgart – hälftig durch die Stadt und das Land finanziert werden, hätte dies erhebliche Konsequenzen. „Kürzungen der Stadt“, warnte Theresia Bauer (Grüne), ­Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst jüngst, „bedeuten automatisch ­Kürzungen beim Landesanteil in gleicher Höhe.“ Unserer Zeitung sagte Bauer am Mittwoch: „An der paritätischen Finanzierung halten wir aus gutem Grund fest, denn wir haben landesweit langfristige Finanzierungsvereinbarungen, die als Ganzes gedacht werden müssen. Sie sind sorgfältig austariert und bilden die Grundlage für eine faire und verlässliche Partnerschaft zwischen Land und Kommunen.“

Nach einer Rechnung des Landes ergäben die strukturellen und dauerhaften Kürzungen in Höhe von 3,6 Prozent für das Badische Staatstheater eine Einsparsumme bis 2022 von rund elf Millionen Euro, beim ZKM von 4,2 Millionen Euro. Für Theresia Bauer ist klar: „Eine solche Einsparsumme erschüttert das Badische Staatstheater in seinen Grundfesten und beschädigt es nachhaltig und schwer in seiner Leistungsfähigkeit.“ Nicht weniger hart würden die Einschnitte das Zentrum für Kunst und Medien treffen.

Kunstgebäude Stuttgart

Pünktlich zur Regierungsbildung in Baden-Württemberg sind die Parlamentarier zurück im Stuttgarter Landtag. Während ­dessen Sanierung waren wesentliche Teile des Kunstgebäudes am Schlossplatz in Stuttgart Sitz des Parlaments.

Im Juli 2014 skizzierte der nun scheidende Kunststaatssekretär Jürgen Walter (Grüne) unserer Zeitung seine Hoffnungen für das Kunstgebäude nach 2016. „Ich denke an diesem exponierten Ort an eine multifunktionale Nutzung“, sagte Walter, „in der wichtige Kunst- und Kultureinrichtungen netzwerkartig eingebunden sind.“ Und weiter: „Das Kunstgebäude besitzt durch seine exponierte Lage am zentralsten Ort in Stuttgart das momentan ungenutzte Potenzial, ein Haus für spartenübergreifende Gegenwartskunst von bildender Kunst über Tanz, Theater und Film bis hin zur Literatur zu werden.“

Ob es dazu kommt? Ein Konzept haben wesentlich Armin Petras, Intendant des Schauspiels Stuttgart, und Iris Dressler und Hans D. Christ, Direktoren des Württembergischen Kunstvereins, erarbeitet. Zunächst laufen diverse Rückbauten und die klimatechnische Sanierung der historischen Gebäudeteile.

Ein Ganzjahresbetrieb in dem Sinn, wie ihn Jürgen Walter 2014 skizziert hatte, dürfte bis zu zwei Millionen Euro kosten – und wohl nur sinnvoll sein, wenn sich Stadt und Land daranmachen, die ­Attraktivität der räumlich eng benachbarten ­Kultureinrichtungen in der Landeshauptstadt unter dem Stichwort „Kulturquartier“ zu ­bündeln.

Musikhochschulen

Für heftige Diskussionen und Proteste hatten Impulse der Landesregierung für eine Schwerpunktbildung im Bereich der fünf Musikhochschulen gesorgt. Hierzu sagt Ministerin Bauer jetzt: „Inzwischen sind, wie bei den Zukunftskonferenzen vereinbart, die Landeskompetenzzentren am Start, die jeden Musikhochschulstandort ein besonderes Profil und Alleinstellungsmerkmal ausprägen lässt. Das ist mithilfe finanzieller Unterstützung des Landes und durch die Begutachtung externer Gremien erfolgt.“

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