Die Zukunft des Großen Hauses am Eckensee bleibt weiter ungewiss. Foto: dpa

Die Debatte um Sanierung oder Neubau der Stuttgarter Staatsoper kommt nicht voran. Im Zentrum der Kontroverse steht weiterhin der Umgang mit dem historischen Littmann-Bau. Der Verein Aufbruch Stuttgart und die Mehrheit im Gemeinderat haben sehr unterschiedliche Vorstellungen.

Stuttgart - Die Diskussion um die Sanierung oder aber einen Neubau der Stuttgarter Oper hat sich erneut verhärtet. Entgegen der Beschlusslage im Verwaltungsrat der Württembergischen Staatstheater zur Sanierung des Großen Hauses sowie der Untersuchung des geplanten Operninterims bei den Wagenhallen will die Bürgerinitiative Aufbruch Stuttgart den Bau einer dritten Spielstätte in der City durchsetzen. Am Dienstag hat der Verein um den TV-Moderator Wieland Backes und den Architekten Arno Lederer im Rathaus erneut für seine Vorstellungen geworben – wenn auch mit mäßigem Erfolg.

Wie ist der derzeitige Stand?

Im November 2018 hat der Verwaltungsrat, in dem sowohl Vertreter der Stadt als auch Vertreter des Landes als Träger der Staatstheater sitzen, gegen die Stimme von SÖS-Stadtrat Hannes Rockenbauch beschlossen, ein Konzept für die Sanierung und Erweiterung des historischen Littmann-Baus auf Basis der von der Intendanz angemeldeten 10 450 Quadratmeter zusätzlichen Nutzfläche zu erarbeiten und bis Ende 2019 eine Kostenschätzung vorzulegen. Zuständig dafür ist zunächst die Landesbauverwaltung. Die Sanierung selbst soll allerdings auf Wunsch der Stadt durch einen externen Projektsteuerer begleitet werden, um etwaige Kostenexplosionen zu vermeiden. Zugleich begrüßte der Verwaltungsrat den Vorschlag einer städtischen Taskforce unter Leitung von OB Fritz Kuhn (Grüne) für eine Interimspielstätte bei den Wagenhallen und gab den Weg frei für eine detaillierte Machbarkeitsuntersuchung. Baubeschlüsse haben bisher aber weder Gemeinderat noch Landtag gefasst.

Wie hoch sind die Kosten?

Für die Sanierung der Staatsoper, die neben dem Neubau des Kulissengebäudes an der Konrad-Adenauer-Straße unter anderem auch den Umbau oder Abriss des sogenannten Böhm-Pavillons sowie den Einbau einer Kreuzbühne beinhaltet, kursieren inklusive des Baus einer Interimsoper bisher Summen zwischen 400 und 600 Millionen Euro, die von Land und Stadt jeweils zur Hälfte geschultert werden müssten. Belastbar ist diese Schätzung allerdings bisher nicht. Für den Bau einer aus modularen Bauelementen bestehenden Übergangsspielstätte, deren Bestandteile nach der siebenjährigen Interimszeit für 24 Millionen Euro weiter verkauft werden sollen, haben vorläufige Berechnungen des städtischen Hochbauamts eine Summe von knapp 90 Millionen Euro ergeben. Herausgerechnet wurde dabei auch ein Bürogebäude, das ohnehin als Lärmschutzriegel zwischen Wagenhallen und dem geplanten Rosensteinquartier gedacht ist und zunächst der Opernverwaltung und -technik Unterschlupf bieten könnte.

Was wollen Backes & Co?

Der Aufbruch fordert – gestützt auf die Ergebnisse eines von ihm initiierten Ideenworkshops renommierter Architekturbüros – den Stopp des Sanierungsplans und der Untersuchung des Interimsstandorts. Die Sanierung des Großen Hauses sei ein teurer Irrweg, der Einbau einer Kreuzbühne und der dafür erforderliche Teilumbau der südlichen Opernfassade zum Landtag hin verändere die Proportionen des historischen Baudenkmals. Stattdessen soll eine dritte Spielstätte im Kulturquartier gebaut, der maßvoll sanierte Littmann-Bau anschließend nur noch als Bühne fürs Ballett und kleinerer Opernaufführungen genutzt werden. Der Aufbruch sagt, eine solche Konzeption sei billiger, nennt aber selbst keine Summe. Der Aufbruch behauptet auch, ein Neubau lasse sich zügiger realisieren, nennt aber kein angepeiltes Fertigstellungsdatum.

Welche Flächen sind im Gespräch?

Neben den vom Gemeinderat bereits mehrfach abgelehnten Standorten Akademiegarten und Königin-Katharina-Stift favorisiert der Aufbruch den Innenhof des Neuen Schlosses sowie ein der LBBW gehörendes, rund 19 000 Quadratmeter großes Areal an der Königstraße 1 bis 3. Der Bau soll abgerissen, ein städtebaulicher Wettbewerb dafür ausgeschrieben werden. Der erste Vorschlag kontrastiert mit den Plänen des Landes für eine Öffnung des neuen Schlosses, und das LBBW-Areal dürfte für weniger als 100 Millionen Euro kaum zu haben sein, hinzu kämen die Kosten für Abriss und Neubau. Ob die LBBW überhaupt Interesse an einer kulturellen Nutzung der Fläche hat, bleibt dahingestellt.

Wie ist die Haltung der Politik?

OB Fritz Kuhn und Kunstministerin Theresia Bauer (beide Grüne) haben dem Königin-Katharina-Stift eine Standortgarantie gegeben. Kuhn wirft dem Aufbruch zudem vor, sich mit seinen Forderungen „frontal“ gegen den Beschluss des Verwaltungsrats zu stellen. Die Mehrheit im Rathaus (CDU, Grüne, Freie Wähler) sieht vorbehaltlich der Konkretisierung der Sanierungskosten keine Notwendigkeit für einen Neubau und verweist auf die anfallenden Betriebskosten einer dritten Spielstätte. SÖS/Linke-plus dagegen stellen sich auf die Seite des Aufbruchs – auch weil sie gegen den Interimsbau auf dem Areal des Container-Künstlerdorfs bei den Wagenhallen sind. Und die SPD? Obwohl sie im Verwaltungsrat der Weiterentwicklung des Sanierungskonzepts zugestimmt haben, wollen die Genossen nun, dass sich die Stadt die Option eines Neubaus zumindest offen hält. OB Kuhn sagte zu, die Aufbruch-Vorschläge erneut untersuchen zu lassen.

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