Alicia Amatriain als Teufel in Demis Volpis „Geschichte vom Soldaten“ Foto: Stuttgarter Ballett

Im Herbst wird Bilanz gezogen. Nach den Auszeichnungen von „Theater heute“ hat der deutsche Bühnenverein am Dienstag die Nominierungen für seinen Theaterpreis Faust bekannt­ gegeben – mit viel Lorbeer auch für Stuttgarts Theater.

Ballett:

Noch eine Nominierung? Das Stuttgarter Ballett darf sich über anhaltende An­erkennung seiner Arbeit freuen. Mit Alicia Amatriain ist im Bereich der Tanz-Inter­preten nicht nur eine der vielseitigsten Künstlerinnen der Kompanie unter den Faust-Nominierten; sie ist es auch zum zweiten Mal in Folge. 2014 stand die Spanierin für ihre Auftritte beim Ballettabend „Fort/Schritt/Macher“ im Faust-Ring.

Damals hatte es nicht für den Preis ­gereicht, obwohl es keine Grenzen zu geben scheint, wenn sie ihren Körper aufs Äußerste verwindet. Dieser extreme Bewegungs­spielraum fasziniert auch immer wieder Choreografen wie zuletzt Demis Volpi. Er machte Alicia Amatriain zum Teufel in ­seinem Strawinsky-Ballett „Die Geschichte vom Soldaten“ und ließ sie Akrobatisches ins Dämonische verkehren, wofür die ­Stuttgarter Solistin nun erneut nominiert ist.

Daumen drücken werden die Stuttgarter Ballettfans aber auch ihr: Bridget Breiner, die im Bereich Choreografie mit „Charlotte Salomon. Der Tod und das Mädchen“ ­nominiert ist. Schon in Stuttgart verblüffte die amerikanische Solistin erst bei einem Noverre-Abend, dann bei der Zusammenarbeit mit Kunstmuseum und Cranko-Schule mit klugen Tanzstücken. Den mutigen Blick über die Grenzen des eigenen Genres hinweg setzt sie auch als Ballettchefin in Gelsenkirchen fort – mit Erfolg. (ak)

Oper:

Die Saison 2014/15 war eine bärenstarke an der Oper Stuttgart; dass jetzt eine der ­Premieren für den Faust nominiert wurde, ist deshalb folgerichtig. Im Februar 2015 ­bejubelte das Publikum Andrea Breths ­Inszenierung von Wolfgang Rihms „Jakob Lenz“ so lange und so laut wie schon lange nicht mehr. Andrea Breth inszenierte diese Kammeroper im Trauerton als Passion. Um eine Handlung im klassischen Sinne geht es der Regisseurin dabei (ganz im Sinne des Komponisten) nicht – auch wenn am Ende des Stücks die Zwangsverwahrung des schizophrenen Titelhelden steht. Gezeigt werden vielmehr Bilder des Verfalls, und darin sind Komponist und Regisseurin der Vorlage zur Oper, Georg Büchners „Lenz“-Erzählung, ganz nah.

Exzellente Darsteller prägen den Abend mit, allen voran Georg Nigl als Lenz. Mit Franck Ollu hält ein sicherer Dirigent die musikalischen Fäden zusammen, und Martin Zehetgrubers verschachtelter, ineinander verschobener, hermetischer, dunkler und rückwärtig verspiegelter Bühnenkasten hat ebenfalls großen Anteil an der beeindruckenden ­Wirkung des Abends. Die Produktion hat gute Chancen, auch bei der noch ausstehenden Saisonbilanz der Zeitschrift „Opernwelt“ ein Stück Lorbeer abzubekommen.

Weitere nominierte Operninszenierungen sind Tobias Kratzers Transfer der „Meistersinger von Nürnberg“ in ein Internat (Badisches Staatstheater Karlsruhe) und Lydia Steiers Regie bei Pascal Dusapins „Perelà – Uomo di fumo“ am Staatstheater Mainz. Wobei auch dieser wundervoll bunte, märchenhafte Opernabend ein wenig Glanz nach Stuttgart zurückwirft, denn Lydia Steier hat auch an der Oper Stuttgart gearbeitet – als Regieassistentin. (ben)

Schauspiel:

Immer werden nur Renommier-Theater ­eingeladen: So mokiert man sich gern über die Einladungen zu Dramatikertagen oder Theatertreffen. Der Jury des Faust ist dies nun nicht vorzuwerfen. Aus Stuttgart ist nicht etwa Armin Petras’ Schauspielhaus mit einer Produktion dabei, sondern das ­Alte Schauspielhaus – für die Adaption von George Orwells Roman „1984“.

Die düstere, actionlastige ­und visuell überzeugende Inszenierung des Briten Ryan McBryde hatte auch auf aktuelle Überwachungs- und Folter­skandale angespielt. Keine leicht goutier­bare, dafür eine engagierte Arbeit.

Und vor allem eine Bestätigung für Intendant ­Manfred Langner, künstlerische Wagnisse einzugehen, die es auch mal schwer haben dürfen, was den Publikumszuspruch ­betrifft. Langner formuliert es so: „‚1984‘ war eine außergewöhnliche, mutige, eindring­liche und viel diskutierte Inszenierung am Alten Schauspielhaus. Ich freue mich ­wirklich außerordentlich über die Nominierung und drücke Ryan McBryde von Herzen die Daumen.“

Außerdem eingeladen ist eine Landestheaterproduktion, inszeniert von Gernot Grünewald. In Friedrich Schirmers ­Intendanz am Schauspiel Stuttgart noch als Darsteller verpflichtet, ist Grünewald längst unter die Regisseure gegangen. Jetzt wurde er mit einer Regiearbeit für das Landestheater Tübingen nominiert: „Palmer – Zur Liebe verdammt fürs Schwabenland“. Eine Arbeit über den sogenannten Remstal-Rebellen Helmut Palmer, die im Oktober auch wieder auf dem Spielplan steht und auch in Schorndorf gastiert.

Ganz ohne die Renommiertheater geht aber doch nicht: Regisseurin Jette Steckel ist mit Shakespeares „Romeo und Julia“ vom Thalia-Theater Hamburg beim Faust mit von der Partie. (golo)

www.buehnenverein.de/de/netzwerke-und-projekte/der-faust