Noch ist unklar, ob der Garten der Kulturinsel Stuttgart fortbestehen kann. Dabei zeigt ein aktuelles Forschungsprojekt, wie viel ein urbaner Garten wert ist.
Joachim Petzold spricht über Pflanzen, als wären sie gute Bekannte, die er einem im Vorbeigehen vorstellt. „Das da ist übrigens Kiwi“, sagt er und zeigt auf ein korkenzieherartig verdrehtes Gewächs an einem Rankstab: „Man braucht immer eine männliche und eine weibliche Pflanze.“ Dann schlendert er weiter, zwischen Hochbeeten und Eimern, Gießkannen und Blumenkästen hindurch: Minze, Zitronenmelisse, Rosmarin, Basilikum – den urbanen Garten der Kulturinsel in Bad Cannstatt kennt Petzold blind. Und er weiß, wofür man die Pflanzen verwenden kann. „Oft braucht man für ein Gericht gar nicht viel“, sagt er, „nur ein Zweigchen Rosmarin.“ Oder: „Die Stiefmütterchen kann man super im Salat essen.“ Oder: „Das an der Klotür ist übrigens lebendes Moos.“ Seit zehn Jahren betreibt Petzold die Kulturinselund den dazugehörigen Garten Inselgrün auf dem Gelände des alten Cannstatter Güterbahnhofs; der anliegende Club Zollamt, von dem immer noch ein Schriftzug auf der Backsteinfassade zu sehen ist, musste im Jahr 2016 seine Pforten schließen. Doch inzwischen ist auch das Fortbestehen des Gartens nicht mehr sicher: Das Neubauprojekt Neckarpark, das auf dem Gelände entsteht, droht Inselgrün zu verdrängen. „Als wir 2017 Sanierungsgebiet wurden, hat man den Garten weggeplant“, sagt Petzold. Der langfristige Erhalt der Kulturinsel sei zwar mittlerweile gesichert. Für den Garten aber habe er auch nach mehreren Monaten keine Planungssicherheit.
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Der Garten ist mobil konstruiert
Bereits 2019 musste Inselgrün verlegt werden. Seitdem lagern die Beete und Gewächshäuser an einem behelfsmäßigen Standort – auf Rollbrettern und Europaletten. „Alles ist so konstruiert, dass wir theoretisch innerhalb von achtundvierzig Stunden umziehen könnten“, sagt Petzold. Dabei wäre das Angebot seiner Ansicht nach gerade auch für die zukünftigen Bewohner des Neckarparks ein Gewinn, nicht nur im Hinblick auf den biologischen Gemüse- und Kräuteranbau. Ein Garten – das sei ein Ort niederschwelliger Begegnung, so Petzold, ein Ort, „wo Schatten für alle da ist“. Der soziale Aspekt, das Miteinander bei der gemeinsamen Gartenarbeit, wiegt für ihn mindestens genauso schwer wie der ökologische.
IÖW: Inselgrün ist 200 000 Euro wert
Ein Garten ist mehr wert als die Lebensmittel, die er abwirft – das ist auch die zentrale These des Projekts „GartenLeistungen“ des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW). „Ausgangspunkt des Projekts war, dass wir beobachtet haben, dass urbane Gärten in ihrer Existenz bedroht sind“, sagt Lea Kliem. Sie ist seit fünf Jahren wissenschaftliche Mitarbeiterin beim IÖW und betreut Projekte für Landwirtschaft und Ernährung. „Wir haben uns überlegt, wie wir der Stadtverwaltung Argumente dafür liefern können, dass urbane Gärten viel wert sind. Wir haben versucht, die Leistungen sichtbar und greifbar zu machen.“ Zu diesem Zweck haben Kliem und ihre Kollegen eine Methode entwickelt, um die Gesamtleistungen von Gärten – sowohl in Bezug auf die Lebensmittelproduktion als auch auf das soziale Miteinander – mit einem Geldbetrag zu beziffern. Im Fall von Joachim Petzolds Inselgrün ist herausgekommen: Der Garten erbringt einen jährlichen Nutzen von mehr als 200 000 Euro.
„Es geht ja dabei nicht nur um uns“
„Das machen wir, damit die Städte auch Argumente haben in den Gremien“, sagt Petzold, „um zu zeigen: Das ist nicht nur Kraut und Rüben und nicht nur eine Wellness-Oase für Bienen, sondern auch für die Anwohner.“ Am 13. Mai fährt er zur Abschlusspräsentation von „GartenLeistungen“ nach Berlin. Die Teilnahme an dem Projekt ist ihm wichtig, selbst wenn das Ergebnis seinem eigenen urbanen Garten nicht mehr helfen sollte. „Die Mühlen mahlen langsam“, sagt Petzold: „Es geht ja dabei nicht nur um uns, sondern auch darum, dass sich in Zukunft etwas ändern kann.“