Joachim Petzold fürchtet um das Weiterleben der Kulturinsel. Foto: Lichtgut - Oliver Willikonsky

Es ist ein Mysterium: Angeblich lieben alle die Kulturinsel und wollen sie erhalten. Und doch fürchtet Gründer Joachim Petzold bald den Laden zumachen zu müssen. Weil den Worten keine Taten folgen.

Stuttgart - Ein Poesiealbum könnte ­Joachim Petzold anlegen. Und darin all die wohlmeinenden Sprüche und Liebesbekundungen sammeln, die man ihm und der Kulturinsel gewidmet hat. Stadträte, Bürgermeister, Bezirksbeiräte, zuletzt Die Anstifter schwärmten in den höchsten Tönen, „das soziokulturelle Herz“ oder „unverzichtbarer kultureller Baustein“ des Neubaugebiets mit seinen 850 Wohnungen sei die Kulturinsel mit ihrem Garten Inselgrün, dem Biergarten, den unzähligen Veranstaltungen und Projekten. Eigentlich müsste Petzold frohlocken, doch im Gegenteil, selten in den sieben Jahren des Bestehens war die Kulturinsel bedrohter als im Moment. Das hört sich zunächst absurd an. Doch Absichtserklärungen alleine helfen Petzold nicht. „Wir wissen nicht, wie es im nächsten Jahr weitergeht“, sagt er, „wir können momentan nicht planen.“ Auch weil zu viele Akteure über die Kuturinsel reden, aber nicht mit ihr.

Die Kulturinsel wurde 2012 gegründet

Doch was ist überhaupt die Kulturinsel? 2012 hat Petzold sie gegründet. Sie wird von einer gemeinnützigen GmbH betrieben und nutzt die Räume im Alten Zollamt. Es gibt den Inselgrün-Garten, um den sich die Nachbarn vom Quartier am Veielbrunnenweg kümmern; im Innenhof gibt es im Sommer einen Biergarten, wo Anwohner zur Hälfte des Preises einkehren können; die ­Gebäude kann man mieten, soziale Projekte dürfen sie auch umsonst nutzen; ein Waggon und eine Güterhalle künden noch von der ­alten Funktion, als hier Züge hielten, be- und entladen wurden. Eine grüne Insel inmitten der Ödnis des ehemaligen Güterbahnhofsgeländes.

So war es bisher. Doch 2019 soll der Bau der Wohnungen beginnen. Das Gebiet verändert sich. Und damit auch die Kulturinsel. Geplant war zunächst, dass das gesamte Zollamt plattgemacht werden soll. Für Petzold und seine Mitstreiter war eigentlich klar, wenn gebaut wird, ist Schluss, „dann müssen wir uns etwas anderes suchen“. Nun soll die Kulturinsel erhalten werden, „dafür sind wir zutiefst dankbar“. Doch wie das ­gelingen soll, hat ihm noch keiner erklärt.

Im Januar kommen die Bagger

Denn der Stand bislang ist: Im Januar wird die Güterhalle abgerissen. Sie muss Platz machen für eine Straße, die das neue Areal erschließen soll. Ein neues schmaleres Gebäude mit drei Stockwerken soll dort entstehen und den Hof wieder einrahmen. Der Westflügel soll um eine Etage aufgestockt werden. Der Garten muss aber für Wohnungen weichen. Zumindest ein Jahr lang also werden Büros und Veranstaltungsräume wegfallen. Was für Petzold bedeutet: Er weiß nicht, wie er 330 000 Euro Kosten decken soll. Und wie er seine bis zu zwölf Mitarbeiter und bis zu 54 Minijobber beschäftigen und bezahlen kann. „Wir können die Kulturinsel nicht um jeden Preis halten“, sagt Petzold, er habe für dieses Herzensprojekt „meine seit 23 Jahren erfolgreiche Agentur aufs Spiel gesetzt“. Die hilft nämlich immer wieder mit Arbeitskraft und Geld aus.

Nun weckt so ein saniertes Ensemble auch Begehrlichkeiten. Die Stadt möchte gerne die Außenstelle der Volkshochschule dort unterbringen, die Grünen fänden es schick, wenn das Kulturkabinett mit einem Theater einziehen könnte. Wie viel Platz der Kulturinsel bliebe? Das steht in den Sternen.

Die Anstifter möchten die Güterhalle erhalten

Und nun ist auch der Verein Die Anstifter auf den Plan getreten. Die engagierten ­Bürger möchten die Güterhalle erhalten, „sie macht den Charme des Ensembles aus“, betonen sie. Setzen sie sich durch, müsste man die Baupläne ändern. Alles würde sich verschieben, auf unbestimmte Zeit.

Doch das ist nicht alles. Weil die Kulturinsel künftig von Wohnungen umgeben sein wird, hat die Stadt ein Lärmgutachten ­erstellen lassen. Über dessen Ergebnis hat noch niemand mit Petzold gesprochen. Gleichwohl hat Martin Holch vom Amt für Stadtplanung im Bezirksbeirat Bad Cannstatt vor Kurzem verlauten lassen: Die Kulturinsel müsse mit Restriktionen rechnen.

Was bedeutet das nun?, fragt sich Petzold. „Dass wir nichts mehr machen dürfen? Keinen Biergarten mehr, kein Open-Air-Kino?“ Petzold: „Man soll uns endlich ehrlich sagen, was man will!“ Und dann könne man entscheiden, „ob wir damit leben können“.

Die Stadt versichert, sie will die Kulturinsel erhalten

Baubürgermeister Peter Pätzold versichert, „wir wollen die Kulturinsel dort haben, und wir wollen sie weiterentwickeln“. Man werde dem Gemeinderat empfehlen, dies genau so zu fixieren. Wie es dann weitergehe, auch und gerade während des Umbaus, müsse man gemeinsam überlegen. Da werde man sicher zu einer Lösung kommen.

Das wird Joachim Petzold gerne hören. Er sagt: „Wir müssen uns anpassen und sind zu fast allem bereit.“ Aber man müsse sich auch ­fragen: „Ist das dann noch die Kulturinsel? Oder nur noch ein Abklatsch?“ Gut möglich, dass er bald auf die letzte Seite seines Poesiealbums schreibt: Es war einmal.

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