Beim interkulturellen Adventssingen in Sindelfingen treffen Menschen aus aller Welt aufeinander. Warum Menschen, die eigentlich gar kein Weihnachten feiern, Adventslieder singen.
Als ihre Geigenlehrerin auf Melek Kilicaslan zukommt und sie fragt, ob sie beim Adventssingen der Sindelfinger Schule für Musik, Theater und Tanz (SMTT) mitmachen möchte, ist die 15-Jährige erst einmal überrascht. „Ich dachte zuerst, das widerspricht sich doch ein bisschen“, sagt sie. Ihre Familie feiert schließlich kein Weihnachten – warum also Adventslieder singen?
Trotzdem geht sie zum ersten Kennenlerntreffen mit Alon Wallach, dem Chorleiter. Dort merkt sie schnell, dass dies kein gewöhnliches Adventssingen werden soll. Nach und nach lernt sie die anderen Teilnehmenden kennen. Menschen aus ganz Sindelfingen, aus verschiedenen Ländern und mit unterschiedlichen Geschichten.
Es wird nicht nur gesungen
Da ist zum Beispiel die 33-jährige Alla Reshetnikova, die vor zwei Jahren zusammen mit ihrem Mann und ihrem zwölfjährigen Sohn Tymofii aus der Ukraine nach Deutschland gekommen ist. Oder der 42-jährige Ahmad Vanoush ist Teil des interkulturellen Adventssingens; er lebt seit acht Jahren in Deutschland, ist damals aus Syrien geflüchtet.
„Natürlich geht es auch ein wenig um Weihnachten, aber vor allem geht es um Gemeinschaft und darum, verschiedene Perspektiven wiederzugeben“, sagt Wallach. Die geplante Vorführung am 30. November in der SMTT setze sich aus vielen kleinen Mosaiksteinchen zusammen. Konkreter wird er nicht – die Aufführung lebt auch von der Überraschung. So viel ist jedenfalls klar: es wird nicht nur gesungen. Auch Tanz und Theater ist Teil des Programms. Wallach, Vorsitzender des Vereins Trimum, veranstaltet solch ein interkulturelles Adventssingen nicht zum ersten Mal. „Wir als Verein veranstalten das schon seit vielen Jahren“, erzählt der 45-Jährige. Dieses Jahr findet das Event jedoch zum ersten Mal in Sindelfingen statt.
Wird das interkulturelle Adventssingen fest an der SMTT etabliert?
Dass die Wahl des Standorts auf die SMTT gefallen ist, ist kein Zufall: „2009 habe ich dort als Musiklehrer angefangen“, erinnert sich Wallach. Mehr als zehn Jahre unterrichtete er in Sindelfingen. Maria Wunder, Leiterin der SMTT, zeigt sich erfreut über das bevorstehende Event. Ob das Ganze eine feste Größe im Programm der Schule werden soll, stehe noch nicht fest. „Wenn wir das interkulturelle Adventssingen fest hier etablieren könnten, wäre das schon schön“, sagt Wunder. „Wenn eine Stadt Potenzial dafür hat, dann Sindelfingen.“ Seit April laufe die Akquise der Teilnehmenden. „Wir gehen auch proaktiv auf unsere Schüler zu und versuchen sie zu motivieren, mal etwas anderes auszuprobieren.“
Im Falle der 15-jährigen Melek Kilicaslan war die Akquise jedenfalls erfolgreich. Die Schülerin nimmt nicht nur Geigenunterricht, seit sie neun Jahre alt ist – sie tanzt auch leidenschaftlich gerne. „Das bringt mir inneren Frieden“, sagt sie. Tanzen wird sie auch am 30. November. Mögen die Teilnehmer auch aus den unterschiedlichsten Kulturen kommen, eine Sache eint sie alle: die Liebe zur Musik und zum Tanz. Die 33-jährige Alla Reshetnikova zum Beispiel ist „eine begnadete Pianistin und Sängerin“, wie Wallach es überschwänglich formuliert. Zusammen mit ihrem Sohn Tymofii will sie bei der Aufführung den Menschen ukrainische Musik näherbringen.
„Musik ist wie Therapie für mich“
Für Reshetnikova sei die Teilnahme an dem Event eine Möglichkeit, sich in ihrer neuen Heimat mehr zu Hause zu fühlen, sagt sie. „Als wir nach Deutschland gekommen sind, wusste ich erst einmal nicht, wo ich hier Musik machen kann“, so Reshetnikova. Dann habe sie im Sprachcafé Wallach getroffen, der sie zum Adventssingen eingeladen hat. „Und jetzt haben wir hier Menschen gefunden, die auch Musik lieben. Die uns ein Gefühl von Familie geben.“ Auch für Ahmad Vanoush ist Musik ein wichtiger Teil seines Lebens. „Musik ist wie Therapie für mich“, sagt der 42-Jährige, der vor acht Jahren aus Syrien geflüchtet ist. Beim Adventssingen wolle er den Menschen etwas von seiner Kultur zeigen.
Das interkulturelle Adventssingen wird im Rahmen eines Workshops am ersten Adventswochenende an der SMTT vorbereitet. Der Termin für den ersten Workshop ist am Samstag, 29. November, von 10 bis 17, und der zweite unmittelbar vor der Aufführung am 30. November – von 13 bis 16 Uhr. Da fügt Wallach zusammen mit Mitkoordinatorin Monika Heber-Knobloch dann jene Mosaiksteine zusammen, die sie seit April emsig gesammelt haben.
Eine Anmeldefrist für die Workshops gibt es keine; jeder, der gerne singt, tanzt, ein Instrument spielt oder einfach gerne etwas mit anderen Menschen zusammen auf die Beine stellen möchte, kann sich unter smtt@sindelfingen.de bei den Verantwortlichen melden.