Michael Russ will die Konzertregion Stuttgart in der ersten Liga halten Foto: Horst Rudel

Vier mal in Folge führte Stuttgart bis 2018 das Kulturhauptstadt -Rankimg für Deutschland an – droht mit Corona der Absturz? Konzertveranstalter Michael Russ und Staatstheater-Finanz-Chef Marc-Oliver Hendriks warnen.

Stuttgart - Vier mal in Folge führte Stuttgart bis 2018 das Kulturhauptstadt -Rankimg für Deutschland an – droht mit Corona der Absturz? Konzertveranstalter Michael Russ und Marc-Oliver Hendriks, Geschäftsführender Intendant der Staatstheater Stuttgart warnen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. Russ sucht in einem den „Stuttgarter Nachrichten“ vorliegenden Brief direkt Hilfe durch Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), Hendriks hofft auf neue Corona-Verordnungen für September.

Russ will Stuttgart in der ersten Konzert-Liga halten

75 Jahre ist Michael Russ jüngst geworden – und mancher Jubilar würde sich über ein nobles Wort freuen. Russ, der als Konzertveranstalter auch auf der nationalen Bühne spielt, aber hat für voreilige Kränze wenig übrig. Mit fast jugendlichem Charme, dem Selbstverständnis des Grandseigneurs und einer guten Portion Beharrlichkeit bearbeitet er sein Thema – die Erstligatauglichkeit der Konzertregion Stuttgart.

Die Zahlen trügen

„Man muss schon auch etwas wagen“ – hinter solchem Satz steckt eine klare Haltung: Vor allem in der Klassik ist Russ das international Beste gerade gut genug – auch, um immer wieder Aufbauarbeit leisten zu können.

Für beides braucht es Konzerte, braucht es Räume, Säle und aufmerksame Zuhörerinnen und Zuhörer. Selbstverständlichkeiten, die nicht mehr gelten, seit die Corona-Pandemie ihre eigene Realität erzwingt. Bis hin zum Stillstand der Industrie, bis hin zur Stille in den Konzertsälen. Die gute Nachricht: Seit 1. Juli sind Konzerte mit 250 Personen möglich und von 1. August an Veranstaltungen bis 499 Besucherinnen und Besuchern. Die schlechte Nachricht: Die Zahlen trügen.

1800 Plätze für 500 Zuhörer – unwirtschaftlich

Michael Russ formuliert dies in einem den „Stuttgarter Nachrichten“ vorliegenden Brief an Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann so: „Bei bis zu 250 Personen benötigen Sie eine Raumkapazität von 600 möglichen Plätzen, bei 499 Besuchern von rund 1500 Plätzen“.

Wirtschaftlich? Kann dies nicht sein. „Wenn wir in der Stuttgarter Liederhalle einen Kammermusikabend mit 499 Besuchern veranstalten möchten“, schreibt Russ, der seine Zeilen auf Anfrage nicht kommentieren will, „müssen wir anstatt des üblichen Mozart-Saales den Hegel-Saal mit rund 1800 Plätzen anmieten, um diese Veranstaltung durchführen zu können“.

Sarkasmus im Staatstheater

Das Zahlenmissverhältnis, trifft auch die Staatstheater Stuttgart. 127 Plätze (von 670) dürfen aktuell im Schauspielhaus belegt werden, 330 (von 1400) im Opernhaus, der Bühne von Oper und Ballett. Marc-Oliver Hendriks, Geschäftsführender Intendant der Staatstheater, verweist auf ein „altes, aber gültiges Sprichwort: „Am billigsten ist das Theater, das nicht spielt“.

In weiter Ferne: Eigenerwirtschaftung von 20 Prozent

20 Prozent seiner Ausgaben erwirtschaften die Staatstheater Stuttgart mit Auslastungen zwischen 85 und 95 Prozent im Regelfall selbst. „Davon“, sagt Hendriks, „sind wir weit entfernt“. Gerüchte um aktuelle zwei Prozent Eigenerwirtschaftung will Hendriks nicht kommentieren. Lieber formuliert er ein Ziel: „Unser Anspruch“, sagt er, „müssen 20 Prozent sein“.

Platzt die Konzertsaison 2020/2021?

Für Konzertveranstalter Michael Russ geht es nicht um Eigenerwirtschaftungsquoten, es geht um die Existenz. Nicht nur ökonomisch. „Wenn wir nicht“, schreibt Michael Russ an Ministerpräsident Kretschmann, „bis Anfang September eine bindende Zusage für Konzerte mit wenigsten bis 1000 Besucher bekommen, wird für jeden privatwirtschaftlichen Veranstalter die Konzertsaison 2020/2021 undurchführbar“.

Die Zeit drängt

Die Zeit drängt: Bereits jetzt, so Michael Russ, „haben wir für die kommende Saison rund 400 Abonnenten verloren“. Mit welchen Programmen sollte Russ das Publikum auch locken, wenn nicht klar ist, wie von Oktober an welche Säle genutzt werden können.

Staatstheater verschiebt Spielplanvorstellung

An der Staatstheater-Spitze hat man sich derweil zur Vollbremsung entschlossen und die für Freitag, 3. Juli, angesetzte Spielplanvorstellung von Oper, Ballett und Schauspiel am Donnerstag abgesagt. Am 22. Juli wollen die Staatstheater-Intendanten einen neuen Anlauf nehmen Noch, so scheint es, hat die Corona-Pandemie auch die großen Kulturbühnen fest im Griff.

Bühne und Corona in Kürze

Abstand
Grundlage der Nutzung aller Veranstaltungsräume ist die (seit 1. Juli) aktuell geltende Corona-Verordnung des Landes Baden-Württemberg. Zentrale Kennziffer der Verordnung ist der geforderte Abstand von 1,5 Meter in alle Richtungen. Die Einschränkungen für die Besetzung von Sitzreihen sind erheblich.

Maskenpflicht Sie besteht auf allen Wegen zum jeweils nummerierten Sitzplatz. Wer auf seinem ausgewiesenen Platz sitzt, kann den Mund-Nasen-Schutz abnehmen.

Alternativen Die Salzburger Festspiele kündigen eine Platzierung nach dem Muster eines Schachbrettes an. Danach soll jeder zweite Platz frei bleiben, die Maskenpflicht bleibt je nach Saal und Veranstaltung auch auf den jeweils genutzten Plätzen bestehen. Das „Salzburger Modell“ wird heftig diskutiert, erlaubt es doch die Anwesenheit von 50 Prozent der jeweils vorgesehenen Besucherinnen und Besucher.

Perspektive Zum 1. September könnte eine neue Verordnung in Kraft treten, die die jetzt gültigen Einschränkungen für Besuchrerinnen und Besucher weitgehend aufhebt.

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