Bernd Möbs und Sergio Vesely (rechts) spannten bei ihrem Spaziergang einen weiten Bogen. Foto: Martin Bernklau

Reingeschmeckte Freunde bieten am Bopser eine „Schwabenserenade zweier Hinterweltler“.

Degerloch - Da ist eine schöne Freundschaft. Da ist die Herkunft von weit her. Und da ist schon so etwas wie Liebe zur gemeinsamen neuen schwäbischen Heimat, speziell zu Stuttgart. Der aus dem Rheinland stammende literarische Stadtführer Bernd Möbs und der exil-chilenische Musiker Sergio Vesely unterhielten am Samstag eine stattliche Spaziergänger-Gruppe zwischen Santiago-de-Chile-Platz auf dem Haigst, Wald, Weinbergen und dem Weißenburgpark mit einer weltläufig originellen „Schwabenserenade zweier Hinterweltler“.

Zuerst gab es etwas Sekt und etwas Jux von den Rei’gschmeckten. „Am Bopser „blüh’n wieder die Bäume“ stimmte das Duo mit Robert Stolz wienerisch an. Der gebürtige Rheinländer Möbs („ein Karnevals-Flüchtling“) erinnerte dann mit ein paar Pointen an Willy Reichert und verglich Häberle & Pfleiderer mit den rheinischen Humor-Ikonen Willy Millowitsch und Lukas Podolski. Für Sergio Vesely hat Flucht einen viel ernsteren Hintergrund. Er kam nach seiner politischen Haft unter der Pinochet-Diktatur 1976 aus Chile ins deutsche Exil – und blieb. Mit zweisprachigen Liedern zu Bandoneon oder Gitarre, mit Gedichten, Berichten und Anekdoten, mit Kultur und Politik zwischen Santiago, Köln und Stuttgart war dann auch der Rahmen für sieben Stationen und drei unterhaltsame Stunden abgesteckt.

Dem Bruder in Chile ein Lied gewidmet

Mitten im Bopserwald, am seltsamen Brückles-Stumpf, genehmigte sich die Gruppe dann das nächste Schlückle und ließ sich an Justinus Kerner erinnern, dessen gastfreies und weinseliges Weinsberger Dichterhaus vor allem die unersetzliche Friederike Kerner für die vielen prominenten Freunde in Schwung hielt. Kerners „Wandererlied“ erklang. Dessen älterer Bruder Georg wurde französischer Revolutionär und Pariser Gesandter in Hamburg. Dem Bruder von Sergio Vesely, als Sozialbeamter in Chile geblieben, widmete der Liedermacher, Schriftsteller und Künstler das dort populäre Sängerlied „Trova Trovador!“. Gewürdigt und auch ein bisschen verspottet wurden dann die anderen großen Schwabendichter Eduard Mörike und Gustav Schwab, der „Sagen-Schwab“ als früher Rock’n’Roller. Und Ulk dann noch: die „Bopsinger Wälder“ auf die Ohrwurm-Melodie von „Guantanamera“.

An der Bopser-Hütte wurde es wieder nachdenklicher. Vom „fremd gemachten“ Nürtinger Vertriebenen-Kind Peter Härtling und Schuberts „Winterreise“ ging Vesely, der Enkel tschechischer Chile-Einwanderer, über zu einer traurig bitteren Liebeserklärung an seine Heimatstadt Santiago, die Möbs in freier Übertragung mit dem ostpreußischen „zauberhaften Masuren, Land der dunklen Wälder“ verband, aus dem sein Großvater vertrieben wurde, was dieser auch im frohsinnigen Rheinland nie ganz verwand.

Auch an Schiller wurde gedacht

Die rekultivierten Weinberge der Stadt Stuttgart gaben einen weiteren Halt ab und eine gute Gelegenheit, die „Trollinger Weinsteige“ zu verkosten. Vergessene Überschwang-Dichterle wie Friedrich Matthisson oder Arthur Rehbein sorgten für weitere Heiterkeit, ein Vesely-Chanson über eine türkisch-französische Freundin hingegen für Liebesflair. Und Karl Geroks Zeilen über sein geliebtes Stuttgart („Da liegst du nun im Sonnenglanz“) sind allemal für echte, tiefe lokalpatriotische Rührung gut.

An der 1865 gepflanzten Schiller-Eiche wurde der „Räuber“-Rezitation des jugendlichen Dramatiker-Genies gedacht, aber mit der Huldigung des Heilbronner Dichters Karl Ludwig Pfau auf „Die deutschen Flüchtlinge“ auch all jener, die sich nach der 1848er Revolution – unter anderem – nach Chile retteten.

Erich Honecker bekam dann viel später dort auch Sterbe-Asyl, weil seine DDR damals viele Pinochet-Flüchtlinge aufgenommen hatte. So schloss sich immer wieder ein Bogen, zuweilen verblüffend in den Sprüngen von Zeiten, Welten und Gestalten, aber immer anregend. Er endete im wunderbaren Weißenburg-Park, den Ernst von Sieglin kurz vor dem Ersten Weltkrieg im Jugendstil umgestalten ließ.

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