Sandra Hartmann und Oliver Prechtl am Fenster des Theaters Foto: Marion Brucker

Das Theater La Lune in Stuttgart-Gablenberg hat einige Monate lang trotz Corona Live-Programm am Fenster geboten und geht jetzt in den Hofbetrieb über. Die Sehnsucht nach einem Liveauftritt und Publikum ist groß.

S-Ost - Giovanna Thiery hat sich Stück Nummer drei gewünscht. Die Mutter dreier Kinder ist mit ihrem Fahrrad aus Bad Cannstatt die Gablenberger Hauptstraße hochgeradelt und sitzt mit Maske auf einer Bank vor einem geöffneten Fenster des Theaters La Lune. 3,50 Meter von ihr entfernt steht Sandra Hartmann auf der Bühne im Innenraum des Theaters, neben ihr sitzt Oliver Prechtl am Klavier und greift in die Tasten. Mit nonchalanter Leichtigkeit interpretiert Hartmann den Abschiedsbrief von Erich Kästner, den Kurt Weill vertont hat. Fast scheint es, als ob Thiery mit ihrer Wahl aus den sechs Stücken, die das Duo für ihren Auftritt im La Lune an diesem Chansonabend unter dem Titel „Liebe ist hart - Mann“ im Repertoire haben, der Zukunft vorgegriffen hat, dem Abschied von – „Kunst&Cuisine am Fenster“. Ab Samstag, 29. Mai, wird es abgelöst durch „Kunst&Cuisine im Hof“.

Die Menschen wollen wieder etwas erleben

Seit Februar gab es das von La Lune entwickelte Format. Es ist Corona geschuldet. Weil kein Zuschauer die Räume des im Januar 2021 in die Gablenberger Hauptstraße 130 umgezogenen Theaters betreten durfte, bieten Julianna Herzberg und Maria Stötzler vom Café Cuisin’le, dem Bistro im Theater, an den Wochenenden für Hungrige Essen und Kultur. Zu den geplanten Terminen erscheint der jeweilige Künstler für Menschen, die ihr Essen durch das Ausgabefenster im La Lune abholen, beim Abendprogramm von 18 bis 19 Uhr am Künstlerfenster. „Zunächst haben die Künstler nur vier bis fünf Minuten einen Ausschnitt aus ihrem Programm als „Vorspeise“ gespielt, aber dann haben wir gesehen, dass es zu kurz ist, gerade bei den Nachmittagsvorstellungen für Kinder“, erklärt Herzberg.

Von Februar bis April war die Nachfrage sehr groß. Im Mai ging sie zurück. „Die Menschen sind einfach müde geworden und wollen raus. Sie wollen was erleben“, erklärt Herzberg. „Manche waren schon dreimal bei uns“, sagt sie.

Am Ausgabefenster gibt’s die fertige Suppe mit selbst gebackener Seele

Thiery ist zum ersten Mal da. „Man hat diese Sehnsucht nach einem Liveauftritt. Das ist eine großartige Möglichkeit und coronakonform“, schwärmt sie und fügt hinzu: „Ein Paradies in Gablenberg“. Sie hört aufmerksam Hartmann zu, wie sie ihren Gesang durch Mimik und Gestik unterstreicht, ganz alleine für Thiery den Abschied von der Liebe interpretiert, während diese auf ihre Suppe wartet. Stötzler ist derweil in der Küche des Theaters verschwunden, um zehn Minuten später am Ausgabefenster die fertige Suppe mit selbst gebackener Seele in einer Papiertüte zu verstauen.

Die nächsten an Kulinarik und Kunst interessierten Gäste kommen zehn bis 15 Minuten später, damit keine Warteschlange entsteht. Die meisten sind alleine oder zu zweit. „Die Leute waren so begeistert und so berührt, es war so herrlich, was live zu erleben“, meint Herzberg. Für Hartmann und Prechtl ist es der erste gemeinsame Liveauftritt in diesem Jahr. „Wir vermissen es, das Publikum nah zu haben“, meint Hartmann. Es sei belastend, wenn immer wieder Liveauftritte verschoben würden. Aber im Herbst seien sie ziemlich ausgebucht.

Zum Auftakt gibt es ein deutsch-französisches Stück

Für Julianna Herzberg dagegen ist ihr Konzept auch eine Chance, sich im Stuttgarter Osten am neuen Standort nach dem Umzug von der Hausmannstraße bekannter zu machen. Dort war das Theater in einer ehemaligen Bäckerei von 2013 bis 2020 untergebracht.

Doch jetzt freut sie sich schon darauf, wenn ab Samstag, 29. Mai, Künstler und Künstlerinnen vor mehr Publikum auftreten können bei „Kunst&Cuisine im Hof“. Zum Auftakt gibt es ab 20 Uhr „Marthe und Mathilde“, ein deutsch-französisches Stück nach der biografischen Erzählung von Pascale Hugue. Für die Theatergäste stehen 35 Stühle draußen im Hof und weitere 25 innen für die Gastronomie. Feinwürzige Erbsensuppe mit Ziegenkäse und Croûtons kann bestellt werden. Die Gäste werden platziert und müssen sich vorher anmelden. Wenn es regnet, will Herzberg die Riesensonnenschirme aufspannen oder Regenschirme anbieten – wie sie es bereits seit Februar gemacht hat. Jeder Gast, der vor dem Fenstertheater saß und dem Programm folgte, konnte im Notfall zum Regenschirm greifen, der an der Bank hing und sich in eine Decke hüllen.

„Marthe und Mathilde“ stehen am Samstag, 29. Mai, auf dem Programm. Reservierungen unter Telefon 0177/2382888 oder per E-Mail an reservierung@theaterlalunestuttgart.de.

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