Kultur in Stuttgart-Nord Vom Lokdepot steht nur noch das Gerippe

Von Eva Funke 

Das Dach und die Tore sind weg, die Wagenhalle im Inneren Nordbahnhof ist ausgebeint.  Nur  Stahlträger und   die historische Fassade stehen noch. Foto: Eva Funke
Das Dach und die Tore sind weg, die Wagenhalle im Inneren Nordbahnhof ist ausgebeint. Nur Stahlträger und die historische Fassade stehen noch. Foto: Eva Funke

Die Wagenhalle in Stuttgart-Nord soll das künstlerische Zentrum des neuen Quartiers werden. 2019 soll sie fertig saniert sein. Die Künstler bekommen langfristige Mietverträge.

S-Nord - Nach Regen versinkt die Baustelle im Matsch. Von der Wagenhalle im Inneren Nordbahnhof, in der Stuttgarter Kreative ihre Werkstätten und Ateliers hatten, stehen nur noch die Fassade und das imposante Skelett aus Stahl. Das Dach ist weg und die Tore, durch welche die Loks einst in die Halle rollten, sind es ebenfalls. 60 Künstler sind ein paar Meter weiter in Container gezogen. Dort bleiben sie, bis die Wagenhalle für etwa 30 Millionen Euro saniert ist.

„Ein an die Halle angedockter Neubau ist bereits im Rohbau fertig. Zwischen Oktober 2018 und Januar 2019 sollen dort 28 Kollegen auf 800 Quadratmetern ihre neuen Ateliers und Werkstätten beziehen können“, sagt Robin Bischoff, Geschäftsführer des Kunstvereins Wagenhalle. Die denkmalgeschützte Halle, die 1895 als Reparaturwerkstatt für Loks und Waggons der Württembergischen Staatsbahn gebaut und später bis 2003 von der Bahn als Depot genutzt und von der Stadt übernommen wurde, soll im Sommer 2019 fertig werden und weitere 42 Ateliers bieten.

Die Spuren der verschiedenen Epochen herausarbeiten

„Die historischen Elemente der Halle haben wir allesamt erhalten“, sagt Michel Casertano vom Stuttgarter Atelier Brückner. Der Architekt leitet das Projekt Wagenhalle. Sein Ziel bei der Sanierung ist es, die verschiedenen Zeitebenen sichtbar zu machen. „Es geht nicht darum, das Gebäude so zu rekonstruieren wie es 1895 war, sondern die Spuren der verschiedenen Epochen herauszuarbeiten.“ Das Dach, das nach heutigen Standards aus viel zu schwerem Beton war und in den 60er Jahren auf die Halle gesetzt wurde, wird durch ein schwarzes Trapezblechdach ersetzt, das so den Farbton des Ziegeldachs von 1895 bekommt. Außerdem wird die Halle energetisch saniert: „Dadurch, dass wir dann eine Mindesttemperatur von zwölf Grad und eine maximale Luftfeuchtigkeit von 60 Prozent garantieren können, müssen wir die Stahlkonstruktion und Rohre nicht abstrahlen und neu beschichten“, sagt Casertano. Der Vorteil: der morbide Charme des Gebäudes wird erhalten.

Bei den Nutzertreffen einmal pro Monat tauschen sich Kunstverein, Hochbau- und Liegenschaftsamt der Stadt und die Projektleitung aus: „Selbst bei strittigen Themen finden wir gute Lösungen, so dass es keine hängenden Köpfe gibt“, sagt Robin Bischoff.

Künftig gibt es einen Multifunktionsraum

Strittig war aus Kostengründen der Bau des neuen Gebäudetrakts gewesen: Die Lösung war, dass Kunstverein und Kunstschaffende einen Eigenanteil von drei Millionen Euro an den Gesamtkosten von 30 Millionen Euro übernehmen. Von diesen drei Millionen Euro übernimmt der Kunstverein Wagenhalle zwei Millionen Euro. Als Gegenleistung hat die Stadtverwaltung eine Bankbürgschaft übernommen. Außerdem lässt sie sich auf einen Mietvertrag ein, der mehr als 30 Jahre gilt. Die Miete kostet 4,50 bis 5,50 Euro pro Quadratmeter. „Dadurch haben wir Planungssicherheit“, stellt Bischoff fest.

Eine Neuheit im 2019 sanierten Objekt wird ein Multifunktionsraum sein. Dort können Ausstellungen und Filme gezeigt werden und Veranstaltungen stattfinden. Bischoff: „Bisher ging so etwas nur im Außenbereich. „Wenn alles fertig ist, werden 100 Kulturschaffende 6000 Quadratmeter belegen. 3000 Quadratmeter sind für Kulturbetrieb inklusive Café vorgesehen. Casertano: „Ich bin überzeugt, dass die Wagenhalle das künstlerische Zentrum des neuen Quartiers wird“.

In dem Bildband „Mehr Hallen wagen“ werden auf 385 Seiten Arbeit und Umzug der Künstler aus der Wagenhalle beschrieben und ein Ausblick in die Zukunft gegeben. Preis: 39,90 Euro, erhältlich in den Buchhandlungen: Rita Limacher, Karl Krämer, Walther König, Osiander und Wittwer.

Redaktion Stuttgart-Nord

Ansprechpartnerin
Dr. Eva Funke
s-nord@stz.zgs.de

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