Der Kulturförderverein von Heiningen möchte einen ausrangierten Waggon nutzen. Für Veranstaltungen geht das nur beschränkt, wegen fehlender Infrastruktur. Es wäre auch einiges zu richten. Aber der Verein ist tatendurstig und hat schon nach Sponsoren Ausschau gehalten.
Eine neue Zukunft zeichnet sich für den alten Eisenbahnwaggon ab, der in Heiningen noch auf dem Gleis des Boller Bähnles steht, das längst nicht mehr fährt. Der Kulturförderverein von Heiningen hat Interesse, ihn zu nutzen. Mit dieser Überraschung wartete Bürgermeister Norbert Aufrecht im Gemeinderat auf. Der Waggon soll aus dem Dornröschenschlaf erwachen. Er erinnert seit mehr als 20 Jahren an die Geschichte der Boller Bahn, viel mehr auch nicht. Der Verein der Didgeridoo-Freunde aus Heiningen wollte ihn für Schönes nutzen. Aber er musste feststellen: Als Veranstaltungsraum eigne er sich nicht. Und so wurde er ein Lager für Didgeridoos, lange und sperrige Blasinstrumente der Ureinwohner Australiens. Das passte. Und ist jetzt Vergangenheit. „Wir haben dem Verein gekündigt“, teilte der Schultes mit. Das sei schon voriges Jahr geschehen. Der Waggon sei ausgeräumt worden und sauber übergeben. Jetzt kann es einen Neustart geben.
Fehlende Wasserleitung schränkt Möglichkeiten ein
Darüber hat man im Gemeinderat schon vor Jahren nachgedacht. Matthias Kreuzinger (Bürgerliste/ CDU) hatte das Augenmerk drauf gelenkt, die damalige Gemeinderätin Claudia Schlürmann (Frauenliste) riet, nach Interessenten zu fragen. Jetzt hat der Kulturförderverein geradezu „unzählige Ideen“ gesammelt, weiß Bürgermeister Aufrecht. Kleine Kulturveranstaltungen. Lesungen. Ein kleines Konzert. Ausstellungen. Man könnte doch auch eine Modelleisenbahn reinsetzen, nichts passt besser zu einem Eisenbahnwaggon. Oder als Highlight für einen Kindergeburtstag nehmen. Oder oder.
Der Schultes kennt auch eine Idee aus der Nachbarschaft, die ganz anders gelagert ist: Vermietung als Ferienwohnung. „Eigentlich eine tolle Idee“, findet Aufrecht, und verweist auf den Schäferwagen der Erlebnisregion Schwäbischer Albtrauf, der für Übernachtungen bei Jung und Alt beliebt ist. Aber Aufrecht sieht Hindernisse. „Wir haben dort kein Wasser, keine Abwasserleitung.“ Das wäre auch nicht eben mal so zu machen, „das würde sehr viel Geld kosten“, betont er. Auch Matthias Kreuzinger kann sich dort keine Camping-Toilette vorstellen. Immerhin: Eine Stromversorgung scheine machbar, sagt Aufrecht. Aber es bleibe dabei: Die eine oder andere Nutzung sei nicht möglich. Was auch das Problem für die Didgeridoo-Freunde war. Kein Wasser, kein Abwasser. Kein Veranstaltungsraum.
Doris Röhm (Frauenliste) findet es eine schöne Sache, wenn sich der Verein dessen annimmt und denkt: „Es müsste schon funktionieren.“ Bei Veranstaltungen müsste man halt ein Dixie-Klo oder so was aufstellen. Ja, kleine Veranstaltungen, meint der Schultes, von einer halben Stunde oder einer Stunde, das sollte durchführbar sein.
Es wäre allerdings erst mal einiges zu richten an dem Waggon, kündigt Aufrecht an. „Es regnet ein Stück weit rein.“ Das Graffiti sei nicht schön. Die Didgeridoo-Freunde hatten’s mal entfernt, nach ein paar Jahren kam es wieder. „Egal wer’s übernimmt, er hat Arbeit damit und es kostet Geld“, sagt der Schultes. Darauf ist der Kulturförderverein vorbereitet. Denn: „Es gibt Sponsoren“, weiß Aufrecht. Und wenn da mal der Name eines Sponsors draufstehe, aus der Gleisbaubranche vielleicht, hätte er damit wenig Probleme. „Es ist ein gewisses Kapital da, und der Verein hat seine Arbeitskraft.“ Der Kulturförderverein habe vor, die historische braune Farbe in eine ebenso historische grüne Farbe umzustreichen. Mit dem Effekt, dass Graffiti hoffentlich leicht wieder zu entfernen sind.
Wir die alte Strecke doch noch wiederbelebt?
Beschlossen ist noch nichts, wegen eines formellen Umstands. In der Kürze der Zeit konnte der Schultes keine schriftliche Beschlussvorlage bringen. Er bat um eine Probeabstimmung, und die fiel einstimmig aus.
Den Eisenbahnwaggon umgibt auch ein Geheimnis. Wer weiß es, wie er vor mehr als 20 Jahren nach Heiningen kam? Die Strecke war schon stillgelegt. „Ich weiß es auch inoffiziell nicht“, sagt Aufrecht. Ein Blick in die Zukunft: Sollten irgendwann wieder Züge fahren von Göppingen nach Bad Boll oder weiter bis Kirchheim, stünde der Waggon im Weg. Aber Aufrecht glaubt, dass dies die nächsten 15 Jahre nicht der Fall sein wird.
Gemeinderat schritt zur Hörprobe von Didgeridoo-Klängen
Nebel
Im herbstlichen Nebel kam er nach Heiningen. Eines Morgens, im September 2002, stand plötzlich ein Eisenbahnwaggon am früheren Bahnhof.
Denkmal
Die Idee des damaligen Bürgermeisters Martin Weissbrodt, dem früheren Bähnle damit ein „Denkmal“ zu setzen, löste unterschiedliche Reaktionen aus. Der Plan, den Waggon Vereinen zur Nutzung zur Verfügung zu stellen, rief Anwohner auf den Plan. Sie fürchteten Lärm- und Müllbelästigungen. Übrig blieben zwei Brüder, die den Wagen zum Didgeridoospielen nutzen wollten.
Protest
Nachbarn protestierten: Das Instrument der australischen Ureinwohner höre sich an wie ein „brüllender Stier“. Der Gemeinderat billigte es nach einer Hörprobe vor Ort.