Jaroslav Rudiš (rechts) und Jaromir 99 beim fulminanten Konzert der Kafka Band in der Fellbacher Schwabenlandhalle. Foto: Gottfried Stoppel

Pointenreiche Reden und Bonmots eines tschechischen Charmeurs: Die Verleihung des Mörike-Preises an Jaroslav Rudiš und an die Förderpreisträgerin Alice Horáčková sowie der Auftritt der Kafka Band erfreuen Veranstalter und Publikum gleichermaßen.

An Kurzsichtigkeit kann zwar mancher Kindheitstraum scheitern. Mangelhafte Sehschärfe hat aber gelegentlich für den weiteren Lebenslauf auch Vorteile – wie der aktuelle Träger des Fellbacher Mörike-Preises, Jaroslav Rudiš, jetzt vergnügt mit Blick auf seine eigene Jugend schilderte. Denn eigentlich wollte der 1972 im nordböhmischen Turnov geborene Eisenbahnfan bereits als Steppke Lokomotivführer werden. Das verhinderte dann allerdings seine Brille mit den dicken Gläsern, die er bis heute mit ebenso dickem, modischem Gestell trägt. So wurde Jaroslav eben der erste Akademiker in seiner Familie, studierte Germanistik, Geschichte und Journalistik – und ist mittlerweile als Schriftsteller eine Berühmtheit. In Tschechien wie in Deutschland, wo er seit einem Stipendium „in meiner neuen Heimatstadt Berlin“ lebt.

 

Der Preisverleihung folgt der fulminante Auftritt der Kafka Band

Viele amüsante Anekdoten lieferte Rudiš im Rahmen der Feiern zum 12. Mörike-Preis der Stadt Fellbach, der ihm dank einer Auswahl des FAZ-Feuilletonredakteurs Jan Wiele verliehen wurde. Der Höhepunkt war ein doppelter: Zunächst mit dem Festakt und der Urkundenübergabe für den mit 15 000 Euro dotierten Preis an Rudiš und dann mit der Aushändigung des mit 3000 Euro dotierten Mörike-Förderpreises an die von Rudiš auserkorene, ebenfalls aus dem Riesengebirge stammende Alice Horáčková. Dem passionierten Biertrinker Rudiš überreichte Oberbürgermeisterin Gabriele Zull zwar Wein aus den besten Fellbacher Lagen – doch auch für diesen Genuss wird der Autor sicher eine passende Gelegenheit finden. Später am Abend folgte das fulminante Konzert der legendären Kafka Band mit den beiden Frontmännern Rudiš und seinem Kumpel Jaromir 99.

Zull verwies auf die „Schönheit der Sprache“ und die „Kraft der Literatur“, die durch den Mörike-Preis gefördert würden. Und sie erwähnte auch das Alleinstellungsmerkmal in der Preisträger-Auswahl, die nicht in einen von einer Jury zu findenden „Konsenskandidaten“ münde, sondern in der Regel auf die „überraschende, radikale“ Wahl einer ausgewählten Vertrauensperson hinauslaufe. Der Fellbacher Preis habe überdies fast „den Ruf eines Orakels“, weil die Ausgezeichneten in der Folge oft „eine große literarische Karriere“ hinlegten.

Ein Autor, gelegentlich melancholisch, aber immer gewitzt

Der jetzt auserkorene Jaroslav Rudiš „spielt zwischen den Grenzen der Genres“, würdigte Zull dessen gleich „dreifache Vielseitigkeit“ mit seiner Literatur, die eine „deutsch-tschechische Brücke“ und „ein Mittel gegen Hass und Borniertheit“ darstelle, mit seinem Beitrag zur am Vortag eröffneten Ausstellung mit der Graphic Novel „Alois Nebel“ über seinen Großvater, sowie als Sänger und Rezitator der Kafka Band.

Seit 2018 schreibt Rudiš auf Deutsch. Und zwar, wie Jan Wiele es treffend umschreibt, „melancholisch, manchmal drastisch, immer gewitzt“. Dass der Dramatiker, Hörspielautor, Opernlibrettist, Journalist, Musiker und ehemalige Lehrer trotz Lokführer-Sackgasse weiterhin ein Eisenbahnmensch ist und sich so auch zum versierten Reiseschriftsteller entwickelte, wurde ebenso offenkundig. Denn in Fellbach war er bereits: Vor einigen Jahren wohnte Rudiš wegen eines Stipendiums im Stuttgarter Schriftstellerhaus. „Da musste ich natürlich die ganze Stadt mit allen U-Bahnen abfahren, und so eben auch mit der U1 auf der schönen Strecke bis Fellbach.“

In seinen Erläuterungen, Plaudereien und Redebeiträgen während seiner aktuellen drei Tage in Fellbach reihte Rudiš – dem man die Herkunft zwar anhört, der sich aber grammatikalisch tadellos präsentiert – ein Bonmot ans andere. So verblüffte er nicht nur die OB mit der Erkenntnis, dass die tschechische Sprache viel knapper sei, weshalb deutsche Übersetzungen rund 25 Prozent Buchseiten extra erforderten.

Rudiš dankt als „noch lebender Autor“

Amüsant geriet an diesem begeisternden Abend im Uhlandsaal der Schwabenlandhalle auch Rudiš Mörike-Preis-Rede, die eher eine vermutlich aus realen Erlebnissen und reichlich Erfindungsreichtum gespeiste Erzählung unter der Überschrift „Die toten Dichter“ war. Darin berichtete er von einem älteren Freund, der ihn im Frühjahr beim Stipendium im Hermann-Hesse-Haus in Calw besucht habe. Der Freund kam mit Rucksack und Schlafsack – um dann auf Friedhöfen neben Gräbern bekannter, aber eben toter Schriftsteller zu schlafen. Etwa Hesse in Calw: „Ich wollte in der Nacht mit ihm ins Gespräch kommen; so wie ich es immer mache.“ Mit der weiteren Station war der Bogen zum Fellbacher Literaturpreis gefunden – das Grab von Eduard Mörike auf dem Stuttgarter Pragfriedhof, wo der Freund sogleich aus „Mozart auf der Reise nach Prag“ des toten Dichters Mörike vorlas, mit der prägnanten Stelle: „Denk es, o Seele.“ Rudiš Schlusspointe: „Ich freue mich, diese Förderung noch als lebender Autor zu erhalten.“

Mit seinem Fellbacher Gastspiel hat der charmante Jaroslav Rudiš Maßstäbe gesetzt für all die ihm im Dreijahresrhythmus noch folgenden Mörike-Preisträgerinnen und -Preisträger.

Ausstellung Die Graphic Novel „Alois Nebel“ von Jaroslav Rudiš und Jaromir 99 ist noch bis Sonntag, 21. Juli, bei freiem Eintritt in der Galerie der Stadt Fellbach zu sehen – täglich außer montags von 14 bis 18 Uhr.