Sascha Mölders soll die SG Sonnenhof Großaspach als spielender Co-Trainer zum Klassenverbleib in der Regionalliga führen. Was treibt den Kultstürmer an? Ein Ortsbesuch.
Stuttgart - Ob der spielende Co-Trainer weiß, dass er mit seinem Kommando kurz vor Anpfiff sein Fußballerleben zusammenfasst? „Männer, das ist hier eine Vollgasveranstaltung“, brüllt Sascha Mölders vor dem Spielbeginn auf der Waldau bei den Stuttgarter Kickers. Und der Neue im Sturm der SG Sonnenhof Großaspach zeigt dann vor einer Woche beim Testkick beim Oberligisten zumindest vom Elfmeterpunkt aus, was Vollgas bedeutet. Mölders trifft mit seiner linken Klebe zum 1:0. Halbhoch, knallhart. Das Tornetz der Bezirkssportanlage auf Degerlochs Höhen hat wohl schon lange nicht mehr so einen satten Schuss abfangen müssen.
So soll es weitergehen mit Mölders beim Regionalligisten, der als Tabellenvorletzter alles auf null drehen will. Um die Krise zu meistern, holte die SG Sonnenhof Großaspach den 36-Jährigen – und damit jenen Mann, der seit seiner Zeit bei 1860 München unter dem Kultnamen „Die Wampe von Giesing“ firmiert. Als solche ging er für die Löwen auf Giesings Höhen auf Torejagd, ehe ein Streit das Engagement beendete.
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Jetzt ist die Mission des so genannten Kultstürmers vor dem ersten Ligaspiel dieses Jahres am Sonntag (14 Uhr) gegen Schott Mainz klar: Mit dem auf der Fautenhau-Alm bestens bekannten neuen Chefcoach Hans-Jürgen Boysen, den er aus gemeinsamen Zeiten beim FSV Frankfurt kennt, soll Mölders die SGS zum Klassenverbleib führen.
Keine Wampe mehr?
Die zweite Hälfte im Test bei den Kickers verfolgt der ausgewechselte Mölders nach einem eher unauffälligen Auftritt von der Holzbank vor der Kabinentür aus. Zu hören ist vom Co-Trainer wenig. Er gibt die Kommandos offenbar lieber, wenn er auf dem Platz steht. Klare Ansagen gibt es dann aber wieder nach dem Schlusspfiff, als Mölders im Gespräch eines schnell klarstellt: Die Wampe von Giesing, die gibt es nicht mehr!
Dabei hat er mit seinem Kultnamen ein gutes Geschäft gemacht. Auf seiner Internetseite betrieb Mölders einen Shop. Es gab T-Shirts mit Mölders-Motiven und Sprüchen. „Der Bauch Gottes“, „Bauch, Beine, Bier“, „Lauf’, Dicker!“ – so lautete eine Auswahl des breiten Sortiments. Alles vorbei, denn: Von nun an will Mölders, passend zur SGS, nur noch der Dorfkicker sein. Sein Internetshop wird gerade überarbeitet.
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Aber immerhin: die Wampe bleibt ein Bauchmensch. Das wird klar, als Mölders die Kapuze seines Pullis runterzieht und nach dem Test bei den Kickers Klartext spricht – über sich und das Fußballgeschäft, mit dem der Mann, der in 92 Bundesligaspielen für den FC Augsburg 18 Tore erzielte, nie warm wurde. Denn einige Male wollte Mölders seine Karriere beenden – das erste Mal bereits, als sie noch gar nicht angefangen hatte.
So plante der gebürtige Essener nach der Jugendzeit mit dem Fußball aufzuhören. Er ließ sich jedoch vom Stadtteilverein Wacker Bergeborbeck überreden, schoss 34 Tore in einer Saison und fand den Spaß wieder. Diese Geschichte wiederholte sich so ähnlich ein paarmal, zuletzt bei 1860 im Oktober 2019. Das Drumherum gehe ihm „auf den Sack“, das mache „keinen Spaß mehr“, sagte Mölders. Irgendwann aber machte es wieder Spaß – der, so Mölders, immer der einzige Antrieb für ihn gewesen sei. Er schoss also Tore und machte weiter.
Legendäre Szene
Im April 2021 wird er zur Kultfigur. Beim Drittliga-Spiel gegen Verl liegt Mölders bei einem Seitfallzieher in der Luft, das hochgerutschte Trikot gibt den Blick auf den Bauch frei. Die Sportschau nutzt das Foto als Vorschaubild für die Zusammenfassung des Spiels, der Schnappschuss geht viral – und die Wampe von Giesing taugt fortan als Sinnbild für einen unangepassten Profi, der sich selbst einen Spaß daraus macht und sein Image kultiviert. Der Stürmer macht Absätze mit seinem Ansatz, die Fanartikel gehen steil.
Im Dezember aber ist der Spaß vorbei. Trainer Michael Köllner stellt Mölders frei und begründet das mit nicht zufriedenstellenden Leistungen. Die Wampe bebt. Man einigt sich auf eine Vertragsauflösung. „Es wurde mir mitgeteilt, dass ich in den nächsten beiden Spielen nicht dabei bin – da habe ich gesagt, dass ich das nicht einsehe, weil ich fit bin“, sagt Mölders heute. Es werde von ihm aber kein böses Wort geben, denn: „Ich habe bei 1860 sechs tolle Jahre erlebt.“
Dorn im Auge
Was bleibt, ist Mölders’ Einstellung zum Leben und jene zum Fußballgeschäft, die sich auch bei der SGS nicht ändern wird. Die Nachwuchsleistungszentren der Proficlubs etwa sind ihm ein Dorn im Auge, denn: „Die Jungs, die da rauskommen, sind top geschult – aber denen fehlt oft das Durchsetzungsvermögen.“ Er selbst, so Mölders weiter, hätte da nie drin wohnen wollen.
Klar, der Speiseplan hätte ihm da womöglich nicht immer so ganz gepasst. Und so mancher Dauerlauf, nun ja, der hätte Mölders sicher auch auf den Magen geschlagen. Wie ist das jetzt also, mit der Ernährung, der Fitness und dem Bauch? Mölders muss nach dem Test bei den Kickers nicht lange überlagen. „Ganz austrainiert“, sagt er, „werde ich wohl nicht mehr in diesem Leben. Aber keine Sorge, es ist ganz in Ordnung – ich bin fit.“
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Dann betont er noch, dass er nicht jeden Tag Pizza oder Leberkässemmeln esse. „Es gibt aber bei mir sicher Tage, an denen man schon mal anders isst – nach dem Spiel zum Beispiel, da wird immer dreckig gegessen.“ Und dann streichelt er sich vor der Abfahrt mit dem Mannschaftsbus über den Bauch, der nun offiziell keine Wampe sein mehr soll. „Wohlstandsbauch“, sagt Mölders und blickt nach unten: „Das klingt doch ganz gut.“