Steht stellvertretend für ein ganzes Team hoch motivierter Ehrenamtlicher: Gerhard Gamp, Theaterleiter bei den Kultourmachern vom Alten Amtsgericht. Foto: Stefanie Schlecht

Was die Kultourmacher vom Alten Amtsgericht leisten, ist enorm. Wo nehmen die Böblinger Kleinkunstveranstalter nur diese Energie und Begeisterung her?

Wer sehen will, was das Ehrenamt alles leisten kann, der sollte sich das Böblinger Comedy-Festival anschauen. Die Gala vor bis zu 1300 Zuschauern in der Kongresshalle ist jedes Jahr kurz vor Weihnachten ein gewaltiger Kraftakt für den Verein Die Kultourmacher vom Alten Amtsgericht. Allerdings ist diese Großveranstaltung nur ein Teil des prallen Programms, das die Böblinger Kleinkunstspezialisten Jahr für Jahr im Theater Altes Amtsgericht oder beim Böblinger Sommer am See auf die Bühne bringen.

 

Wie ist das möglich? Wo nehmen die Mitglieder nur diese Begeisterung, diese Energie und Ausdauer her – zumal in einer Zeit, in der das Ehrenamt zunehmend an Motivationsmangel und Mitgliederschwund krankt? Zur Antwort genügt ein Besuch im Alten Amtsgericht auf dem Böblinger Schlossberg an einem x-beliebigen Kabarettabend. Dabei kann man selbst sehen und erleben, mit wie viel Herzblut Einsatz und Herzlichkeit jeder und jede dazu beiträgt, dass Künstler und Publikum sich rundum wohlfühlen – und dann versteht man, was diese Menschen antreibt und so eng miteinander verbindet.

Nach dem Auftritt sitzt der harte Kern noch bis spät in die Nacht zusammen

Gerade ist wieder einmal so ein Abend, an dem nach einem gelungenen Kabarettauftritt unten im Künstlercafé alle noch auf ein Gläschen und ein feines Süppchen oder ein paar Lachs- und Schmalzbrötchen noch bis spät in die Nacht zusammensitzen: der Künstler, der mit Theaterleiter und Agenturchef Gerhard Gamp über die Tops und Flops des Auftritts fachsimpelt, das Küchenteam um Erika Winograd, die Licht- und Tontechniker um Vereinschef Maigg Wieczorek und natürlich Pianomann Roland Graner, der seit acht Jahren die Gäste im Theatercafé unterhält.

„Eigentlich sind wir gar kein Verein, sondern ein Team“, fasst die stellvertretende Vorsitzende Margarete Kissling in Worte, was wohl auch die anderen Kultourmacher so empfinden. „Ich kenne kaum einen Kulturverein, der so viele Mitglieder hat“, sagt Mischpult-Mann Wolfgang Henschke, einer von mittlerweile 260 Kultourmachern. So wie wohl alle hier, ist er über sein Interesse für Comedy und Kabarett zu den Kultourmachern gekommen – anfangs als Schnupperbesucher, dann als Stammgast und schließlich als aktives Mitglied.

So war das auch bei Sabine Schmidt, die anfangs ebenfalls nur als Gast ins Alte Amtsgericht gekommen war. Weil es ihr dort so gut gefiel, unterschrieb sie einen Mitgliedsantrag – offenbar genau zur rechten Zeit, denn wie sich herausstellte, war sie das 100. Mitglied. „Dafür habe ich eine Jahreskarte gewonnen“, erzählt sie, wie sie sich schon bald immer enger mit dem Verein und seinen Menschen verbunden fühlte. Irgendwann sei sie zu einer Mitgliederversammlung gegangen und habe sich dann dem harten Kern von mittlerweile 13 Personen angeschlossen.

Alleine im Alten Amtsgericht bringt es die Mannschaft rund um das Vorstandstrio mit Vereinschef Maigg Wieczorek, Theaterleiter Gerhard Gamp und Margarete Kissling jedes Jahr an rund 16 Kabarettabenden auf zahllose Arbeitsstunden. Darüber hinaus holt der Verein in Kooperation mit dem Kulturamt hochkarätige Gäste zum Fischsuppenessen oder zum „Sommer am See“ nach Böblingen und stemmt seit 2003 die aufwendige Organisation des Comedy-Festivals in der Kongresshalle.

Hier engagieren sich außergewöhnliche Charaktere mit „Ehrenamt-Gen“

Dass eine ehrenamtlich geführte Gruppe eine Veranstaltung dieser Größenordnung und Qualität Jahr für Jahr auf die Beine stellt, ist schon außergewöhnlich. Allerdings sind es auch außergewöhnliche Charaktere – offenbar ausgestattet mit einer Art „Ehrenamt-Gen“ – die sich hier einbringen. Roland Graner spielt zum Beispiel seit 15 Jahren regelmäßig Klavier für die Menschen im Pflegeheim Haus am Maienplatz. Für sein Engagement verlieh ihm die Stadt Böblingen 2023 den Sozialpreis. Und Erika Winograd wurde 2024 als „Böblingerin des Jahres“ ausgezeichnet, weil sie sich unter anderem als Hausbeauftragte des Altes Amtsgerichts mit allen dort beheimateten Vereinen seit Jahrzehnten mit Leib und Seele für die lokale Kultur einsetzt.

„Da müssen einfach ein paar Verrückte zusammenkommen. Logisch kann man das nicht erklären“, beschreibt Tontechniker Wolfgang Henschke, was das Zusammengehörigkeitsgefühl bei den Kultourmachern für ihn ausmacht. „Man will die anderen nicht hängen lassen“, sagt Roland Graner, „man fühlt sich einfach verpflichtet, auch wenn man es gar nicht ist“, sagt der Mann, der mittlerweile 88 Lebensjahre zählt – genausoviele wie sein Klavier Tasten hat.

Wenn dann oben im Theater schon längst das Licht aus und der Applaus verklungen ist, und Roland Graner zu später Stunde unten im Künstlercafé noch „As Time Goes By“ auf dem Piano anstimmt, dann legt sich ein Lächeln auf die Gesichter der kleinen Runde. In diesem Moment wissen sie ganz genau, warum sie sich einander nicht nur verpflichtet, sondern ganz eng verbunden fühlen.

Termine und Karten

Altes Amtsgericht
Die nächsten Auftritte in dem Kleinkunsttheater auf dem Böblinger Schlossberg sind Frank Fischer (29. Oktober, ausverkauft), Tina Häussermann (12. November), Thomas Nicolai 26. November) sowie Ulrike Mai und Lutz Gerlach (10. Dezember).

Kongresshalle
Das Comedy-Festival findet am Samstag, 20. Dezember, um 19 Uhr im Böblinger Europasaal statt. Es treten auf: Stefan Waghubinger, Andreas Langsch, Yasmine & Uwe sowie die Showband Sistergold. Moderator: Thomas Schreckenberger, Gewinner der Böblinger Mechthild von 2007.

Vorverkauf
Karten für sämtliche Veranstaltungen sind über die Homepage des Vereins erhältlich: https://www.diekultourmacher.de/