Zisis Ziagliavos hat mit 13 Jahren angefangen zu arbeiten, und seitdem kaum einen Tag Urlaub gemacht. Jetzt ist er 75 – und gibt nach fast 40 Jahren seine kleine Kneipe in Stuttgart-Botnang auf. Zur Ruhe setzt er sich aber immer noch nicht.
Als die Kneipe um 12 Uhr öffnet, sitzen schon einige Stammgäste am Tresen, das Bier vor sich halb leer. Zwischen Aschenbechern steht ein leeres Ramazzotti-Glas. Die Männer sprechen laut über das Radio hinweg, der Rauch ihrer Zigaretten klebt an den Wänden, den Tischen, überall. An der Wand läuft ein Fernseher ohne Ton, irgendein Tennisspiel auf Sky-Sport.
Es ist eine kleine, urige Kneipe, die vielen Botnangern zu einer zweiten Heimat geworden ist: die Waldklause in der Beethovenstraße, gegenüber vom Tennisplatz. Seit fast 40 Jahren betreibt der 75-jährige Zisis Ziagliavos den Laden mit viel Herzblut. Am 22. Dezember hört er auf. Ein Abschied, der nicht nur ihm schwerfällt.
Eigentlich wollte er arbeiten, bis er 80 ist
„Eigentlich hatte ich immer Lust, zu arbeiten, bis ich 80 bin“, sagt Zisis mit griechischem Akzent. Jetzt hört er schon mit 75 auf. Er lacht. Sein kleiner, schmaler Körper huscht hinter dem Tresen hin und her. An der rechten Hand trägt er einen Handschuh, das letzte Überbleibsel des Schlaganfalls, den er vor etwa eineinhalb Jahren hatte. Die Hand ist empfindlich, wenn sie Kaltes berührt. Wegen der Gesundheit gibt er sein Lokal auf. Er schafft es einfach nicht mehr.
Gearbeitet hat er sein ganzes Leben lang. Mit 13 Jahren fängt er im Restaurant seines Onkels in Athen an. In die Schule geht er abends. Arbeiten mit 13 – war das normal? „Ach, da hat keiner so genau geguckt“, sagt er. Er lacht. Später arbeitet er als Zimmermann mit seinem Vater zusammen in seinem Heimatdorf.
Mit 17 Jahren heiratet er ein Mädchen aus der Schule. Er lacht wieder. Mit 17 heiraten! Ein Jahr später – kurz, nachdem er den Militärdienst angetreten hat – bekommt er einen Sohn. „Ich habe eine Woche frei bekommen, um ihn zu sehen“, erzählt er. Dann sieht er seine Familie drei Jahre lang nicht mehr. Eigentlich geht der Militärdienst zwei Jahre. Doch weil es damals Spannungen mit der Türkei gibt, verlängert sich sein Dienst immer um drei Monate. Nach drei Jahren ist er endlich fertig.
Er arbeitet wieder mit seinem Vater, als seine Schwester ihn aus Deutschland anruft. Sie will, dass er auch herkommt. Also zieht er mit seiner Frau nach Baden-Baden, den Sohn holen sie kurz darauf nach. Im Kurhaus bekommt der 24-Jährige einen Job. Zur gleichen Zeit wird seine Tochter geboren. Später zieht die Familie nach Fulda. Er heuert in einem Hotel an, kümmert sich um alles. Service, Disco, Restaurant – Zisis kann man überall einsetzen.
Die Waldklause war früher auch Zisis’ Stammkneipe
Doch da ist er nicht zufrieden. Nach einem Jahr zieht er mit der Familie nach Stuttgart und beginnt, im Zugrestaurant der Deutschen Bahn zu arbeiten. 17 Jahre lang ist er dort Oberkellner. Wenn er nicht arbeitet, geht er in seine Stammkneipe in Botnang. Die Waldklause. Irgendwann kündigt er seinen Job im Zugrestaurant und übernimmt den Laden. 39 Jahre ist das her.
Inzwischen ist die Waldklause zur absoluten Legende geworden. Als er sie übernommen hat, hat er ein bisschen etwas renoviert. Er schaut sich um, sieht die alten Bilder an den rauchverhangenen Wänden, die dunklen Möbel, die Pokale über dem Tresen. Er lacht. Jetzt ist das auch alt.
So richtig kann er sich noch nicht vorstellen, wie sein Leben nach der Waldklause werden soll. „Ich werde ganz traurig sein“, sagt er. Bis März kümmert er sich um Papierkram, Versicherungen und so weiter. Dann geht er zurück nach Griechenland. Vor zwei Jahren hat er sich dort eine Wohnung gekauft, unten drunter ist ein Lokal. Vielleicht macht er dort noch mal eine Kneipe auf, so wie hier. Nur mit besserem Wetter. Er greift sich an die Stirn und lacht. Er kann es einfach nicht lassen.
Dass seine Arbeit sein Leben ist, hat er in den fast 40 Jahren Waldklause immer wieder bewiesen. Nur einmal nahm er sich zwei Wochen frei, fuhr mit seiner Frau nach Griechenland. Nach einer Woche brach er ab. Er konnte seine Kneipe nicht alleine lassen. Sonst nahm er nie Urlaub. Seine Kneipe war 365 Tage im Jahr geöffnet. Erst seit seinem Schlaganfall hat er den Montag als Ruhetag eingeführt und macht – zumindest theoretisch – nicht mehr um 10 Uhr, sondern erst um 12 Uhr auf.
Die Kneipe ist sein Leben
Trotzdem ist das Arbeitspensum enorm. Wenn es am Abend bis um 3 Uhr geht, steht er um 8 Uhr wieder auf. „Bleib mal im Bett“, hat seine Frau an diesem Morgen gesagt. Doch er konnte nicht. Er musste einkaufen. Wie er das macht? „Ich weiß es nicht“, sagt er und lacht. Die Kneipe ist sein Leben.
In den fast 40 Jahren ist viel passiert. Ihm fällt zuerst die Corona-Pandemie ein, wenn er die Zeit Revue passieren lässt. In Botnang habe es davor 16 Lokale gegeben. „Die haben alle zugemacht, außer mir“, sagt er. Darüber ist er wirklich traurig. Auch der Gedanke an Stammgäste, die gestorben sind, kommt ihm. „Oje, wenn ich daran denke“, sagt er. Es wirkt, als seien es keine Gäste gewesen, sondern gute Freunde.
Doch Zisis hat auch lustige Geschichten. Ganz früher, als ihm die Räume der Waldklause noch nicht selbst gehörten, wollte der Vermieter die Miete erhöhen. Also ging Zisis über die Straße und übernahm das Lokal am Tennisplatz. „Alle sind mitgekommen“, sagt er. Selbst die Frau, die die Waldklause so lange betrieben hat. „Sie hat die Gäste einfach mitgebracht“, sagt er und lacht. Ein Jahr lang war er am Tennisplatz – dann habe der Vermieter gebettelt, er möge doch wieder in die Waldklause zurückkommen. Zisis zieht einfach. „Ich merke, dass die Leute mich mögen“, sagt er.
Das liegt nicht nur daran, dass man bei ihm ein kleines Pils für 3 Euro und ein großes Hefeweizen für 3,80 Euro bekommt. Es liegt am Wirt selbst. Bei Zisis gibt es immer einen Begrüßungsschnaps zum Bier. Früher hat er umsonst für junge Leute gekocht, wenn er wusste, dass sie nicht viel Geld haben.
Die Waldklause ist eine Kneipe für drei Generationen
Ein Gast kommt rüber zu dem Tisch, an dem Zisis sitzt. Er werde sich 20 Euro aus der Kasse nehmen und das aufschreiben, sagt er. Zisis nickt, geht hinter den Tresen, gibt ihm die 20 Euro. „Das machen wir immer so“, sagt er. „Ich kenne die Leute ja.“ Solche Szenen machen ihn aus.
Bruno, Ingo und Lars, die mit ein paar anderen am Tresen sitzen, kommen schon seit vielen Jahren, teilweise seit Jahrzehnten her, um bei Zisis ihr Bier zu trinken. „Es ist eine Kneipe für drei Generationen“, sagt Ingo. Die Rentner kämen um 12 Uhr, nach Feierabend stoße das arbeitende Volk dazu und abends ab 22 Uhr die Jungen. „Sein Wohnzimmer macht er für andere auf“, sagt Lars Hitl. Dabei trinke er selbst selten. „Zisis ist der einzige, der auf dem Hocker schlafen kann, ohne runterzufallen“, sagt Lars.
Trotzdem wollen die Stammgäste dem neuen Inhaber eine Chance geben. Der Betreiber des Botnanger Kebap-Hauses Marasch übernimmt die Waldklause. Damit er klarkommt, bleibt Zisis’ langjährige Servicekraft noch drei Monate im Laden. Sie soll den Übergang sicherstellen, damit die besondere Atmosphäre in der Waldklause auch nach Zisis’ Abschied bleibt. Dann geht auch sie in Rente.
Emotional ist der Abschied für alle. In den letzten beiden Wochen, bevor Zisis aufhört, schmeißt er einige Veranstaltungen. Bei einer Lesung in der vergangenen Woche seien Tränen geflossen, sagt Ingo am Bartresen. „Und am letzten Tag werden wieder Tränen fließen.“
Am letzten Wochenende müssen die Flaschen leer werden
An Zisis’ letztem Wochenende vom 20. bis zum 22. Dezember müssen die Flaschen leer werden. „Austrinken“ nennt er das auf seinem Abschiedsplan. Auf seine treuen Gäste kann er sich dabei sicherlich verlassen. Obwohl er am vorletzten Wochenende noch einmal Nachschub besorgen muss – die Gäste haben einfach so viel getrunken.