Ein bayerischer Almbauer zeigt eine Kuhglocke mit GPS-Sender am Hals seiner Kuh. Ein GPS-Sender anstatt Kuhglocken sollen Hirten zu ihren Rindviechern führen. Foto: dpa

Kuhglocken – das klingt nach Heidi, Heimat und Romantik. Dass die Kühe das etwas anders sehen könnten, hat bereits eine Studie der ETH Zürich gezeigt. Große Glocken sind nämlich so laut wie ein Presslufthammer und können Kühe den Appetit verderben und das Gehör schädigen.

Zürich/Stuttgart - Zu einer Alpenwanderung gehören klingende Kuhglocken wie Enzian und Edelweiß. Doch was halten die angeblich so glücklichen Schweizer Kühe davon, dass ihnen ständig eine Glocke am Hals hängt? Leiden sie unter der Last und dem Gebimmel? Sind Almwiesen Schauplätze von Tierquälerei?

„Für Kühe sind die Glocken in etwa so laut, als wenn wir uns einen Presslufthammer ans Ohr halten würden“, wettert Nancy Holten, eine dreifache Mutter und Veganerin. Mit Medienauftritten und der Facebook-Gruppe „Kuhglocken out“ kämpft Holten seit Jahren dafür, den Schweizer Nationaltieren das Glockentragen zu ersparen.

„Kuhglocken out“ vs „Pro Kuhglocken“

Damit stößt die gebürtige Holländerin, die seit März 2018 einen Schweizer Pass hat, in ihrer Wahlheimat auf taube Ohren. Ein Verbot des „Soundtracks der Alpen“, wie Schweizer das Kuhglockengeläut auch nennen, ist undenkbar. Die als Reaktion auf Holtens Social-Media-Kampagne geschaffene Facebook-Gruppe „Pro Kuhglocken“ hat mittlerweile mit über 20 000 Followern mehr als fünf Mal so viele Mitstreiter wie „Kuhglocken out“.

Das Kuhglocken-Gebimmel war der „Einheit für Ethologie und Tierwohlwert“ an der renommierten Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich sogar eine dreijährige Studie wert, die 2015 veröffentlicht wurde. 2090 bis 110 Dezibel laut, etwa so wie ein Presslufthammer, ist eine Kuhglocke in einem Abstand von 20 Zentimeter.

Die Forschungsarbeit beweise, dass Wiederkäuer in unvertretbar starkem Ausmaß unter dem Gewicht und dem Lärm litten, machten die Glockengegner geltend und beriefen sich auf die Studie.

Auswirkungen des Glockentragens für Kühe

Doch bei genauerem Hinsehen zeigte sich, dass die Ergebnisse der Untersuchung längst nicht so dramatisch waren, wie in manchen Blättern dargestellt. Da sei wohl einiges nicht richtig kommuniziert worden, sagt damals eine ETH-Sprecherin.

Zudem weisen die ETH-Forscher darauf hin, dass umfangreiche weitergehende Untersuchungen erforderlich seien, ehe Aussagen über Art und Ausmaß einer Beeinträchtigung des Kuhwohlseins durch Glocken möglich wären. Die Studie sei lediglich ein erster Versuch gewesen, sich wissenschaftlich exakt mit möglichen Auswirkungen des Glockentragens für Kühe zu beschäftigen. „Um den Effekt von Ton und Gewicht der Glocke genau unterscheiden zu können, wären weitere Untersuchungen notwendig“, heißt es in der Studie.

„Mein Gott, sind diese Forscher weltfremd“

Allerdings weisen die Zürcher Tests bereits darauf hin, dass Kühe das Glockentragen zumindest beschwert: An sechs Messtagen bewegten dabei 19 Kühe mit 5,5 Kilogramm schweren Glocken ihre Köpfe seltener als glockenlose Artgenossinnen. Zudem fraßen und ruhten sie weniger.

Die Wiederkaudauer war pro Tier mit Glocke um 2,5 Stunden reduziert. Unklar sei geblieben, ob dies durch ein bestimmtes Gewicht oder den Ton der Glocken beeinflussbar sei, sagte die Projektleiterin

„Mein Gott, sind diese Forscher weltfremd“, schimpfte Markus Ritter, der Präsident des Schweizer Bauernverbands, im Züricher „Tages-Anzeiger“. Im wirklichen Leben würden Bauern meist leichtere Glocken verwenden als die Forscher in ihrem Versuch. Zudem seien Glocken nun einmal notwendig, um in den weitläufigen Hochtälern der Alpen die Herden zusammenzuhalten und die Tiere bei Nebel zu finden.

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