Auf dem Platz Konkurrenten, unterstützen sich Lasse Schulz (links) und Tizian Lauria seit Jahren gegenseitig. Foto: IMAGO/Beautiful Sports

Mit Tizian Lauria und Lasse Schulz gehen zwei hochtalentierte Kugelstoßer aus Stuttgart bei der U-23-Leichtathletik-Europameisterschaft in Bergen an den Start.

Wenn zwischen dem 17. und 20. Juli im norwegischen Bergen die U-23-Europameisterschaften der Leichtathletik stattfinden, treten Tizian Lauria und Lasse Schulz das letzte Mal bei einer Jugend-EM an. Im Gespräch verraten die beiden Kugelstoßer ihre Ambitionen, erzählen vom gemeinsamen Zusammenleben und dem ganz besonderen Reiz dieser Sportart.

 

Herr Schulz, denken Sie, Sie können bei der Europameisterschaft Tizian Lauria als amtierenden Titelträger angreifen?

Lasse Schulz: Das wird schwer. Er ist ja als Erster in der Meldeliste gemeldet und der Favorit. Ich bin zufrieden, wenn ich eine neue persönliche Bestleistung stoße – aber dann bin ich immer noch einen halben Meter hinter Tizi.

Tizian Lauria: Ich glaube, es ist in Bergen alles möglich, Lasse könnte mich auch schlagen. Dort sind die Wetterbedingungen schlechter als in Deutschland, es regnet viel und das Wetter schlägt oft um. Das heißt, falls während des Wettkampfs ein Platzregen kommt, wird es für die späteren Teilnehmer schwierig, noch mal eine Bestleistung zu stoßen. Es kann also alles passieren, aber ich werde mein Bestes geben, um meinen Titel zu verteidigen.

Ihr habt schon früher bei Wettkämpfen und Trainingslagern zusammengelebt und werdet wahrscheinlich auch in Bergen im selben Zimmer schlafen. Wie kommt ihr miteinander klar?

Lauria: Ich kann mich nicht beschweren, Lasse ist ein super Zimmerkollege. Ich selbst bin da schlimmer, weil ich nachts immer wieder Anfälle hab‘ und plötzlich anfange im Schlaf zu reden oder zu lachen (lacht). Wenn ich tief schlafe, kommt wildes Zeug aus meinem Mund.

Schulz: Das wird am nächsten Morgen natürlich erst mal alles hinterfragt (lacht). Also Tizi ist auch ein sehr angenehmer Zimmerkollege, das klappt wunderbar.

Abseits des Sports seid ihr Freunde, aber wie sieht euer Verhältnis im Training und bei Wettkämpfen aus?

Schulz: Wir pushen uns immer gegenseitig. Als bei den Deutschen Meisterschaften dieses Jahr Tizi wusste, dass er quasi schon sicher für die EM qualifiziert ist und sehr wahrscheinlich auch die Goldmedaille holen wird, hat er zu mir gesagt: ‚Falls ich dich unterstützen kann, werde ich dich anschreien und dich pushen.’ Nach dem Wettkampf hat er mir erzählt, er war eher aufgeregt, ob ich es schaffe, als ob er selber es schafft. Am Ende gewann Lauria Gold und Schulz Silber und beide lösten das Ticket für die U23-EM. (Anm.d. Red.)

Wie kamt ihr zum Kugelstoßen?

Lauria: Ich kam als Frühgeburt zur Welt und hatte Sauerstoffmangel. Die Ärzte haben damals gesagt, dass ich nie Sport machen kann, weil mein Körper das nicht verkraften würde. Ich war drei Wochen lang in einem Brutkasten und bin mit nur zwei Kilogramm auf die Welt gekommen. Jetzt wiege ich 122 Kilogramm (lacht). Jedenfalls habe ich dann mit Turnen angefangen bis ich mit meinem Vater eine Drei-Kilo-Kugel gekauft habe. Er war früher mal Mehrkämpfer und hat mit mir im Stadion Kugelstoßen gemacht. Ich wurde dann selbst Mehrkämpfer, aber das Laufen hat mir nie Spaß gemacht. Deswegen habe ich mich schließlich auf das Kugelstoßen konzentriert, auch weil ich fürs Diskuswerfen zu klein war.

Schulz: Ich habe allgemein immer viel Sport getrieben, unter anderem Judo und Handball. Dann hat mein Judo-Club dichtgemacht, ehe mich ein guter Kumpel ins Leichtathletik-Training mitgenommen hat. Da habe ich erst mal alle Disziplinen ausprobiert und gemerkt, dass mir Kugelstoßen am meisten Spaß macht und ich darin am besten bin. Mit 15, 16 Jahren bin ich also beim Kugelstoßen gelandet und wurde bald auch an den Olympia-Stützpunkt (OSP) eingeladen.

Habt ihr Vorbilder, mit denen ihr aufgewachsen seid?

Lauria: Ich glaube, ich kann für uns beide sprechen, dass eines unserer Vorbilder auf jeden Fall Tobias Dahm ist. Er ist ein ehemaliger Kugelstoßer vom VfL Sindelfingen, war unter anderem bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro. Das Erste, was ich am OSP gehört habe, war er. Ich kam damals mit 13, 14 Jahren in die Halle und hab’ einen Riesenschrei von Tobias Dahm gehört und dachte mir: So will ich auch mal schreien! (lacht) Beeindruckt hat mich auch immer, wie er seinen Vollzeitjob bei Mercedes mit dem Sport unter einen Hut gebracht hat: Achteinhalb Stunden arbeiten, danach 20 Minuten im Auto schlafen und dann fünf Stunden trainieren – das ist wirklich atemberaubend, wenn man das so hinbekommt.

Schulz: Ja, Tobias Dahm ist auch mein großes Vorbild. Er war mein erster richtiger Trainingskollege als ich an den OSP kam. Es war damals schon immer etwas ganz Besonderes, wenn er einen beim Kraft- oder Techniktraining unterstützt hat, und das ist es auch heute noch, wenn er beim Wettkampf zuschaut. Er ist ein sehr großes Vorbild, gerade auch was seine Trainingsmentalität angeht.

Was ist für euch das Besondere am Kugelstoßen?

Lauria: Es ist eine sehr komplexe Sportart, die viele verschiedene Komponenten vereint. Zum einen braucht man eine extreme Schnelligkeit und Schnellkraft im Ring um die Kugel nach vorne raus zu befördern. Man braucht eine gute Sprungkraft. Da ist zum Beispiel Lasse sehr stark. Er springt, glaube ich, aus dem Stand 70 Zentimeter. Außerdem braucht man eine extreme Rumpfstabilität und generell eine große Maximalkraft, weil die Kugel eben über sieben Kilogramm wiegt. Dann kommt natürlich noch die Drehbewegung dazu. Da braucht es mehrere 10 000 Stöße, um die annähernd zu perfektionieren.

Schulz: Diese vielfältigen Komponenten machen das Kugelstoßen für mich auch so spannend. Außerdem kann man mit der Drehschusstechnik von heute auch mit weniger Körpermasse weit stoßen. Davon profitiere auch ich, weil ich für einen Kugelstoßer immer relativ leicht war, auch wenn ich mittlerweile zugelegt habe und 111 Kilogramm wiege. Jeder kann individuell seine eigene Technik finden und seine Stärken nutzen. Manche sind extrem stark, andere extrem schnell, und trotzdem kommen beide auf das gleiche Ergebnis. Man kann also mit verschiedenen Fähigkeiten dasselbe erzielen.

Was sind eure Stärken und Schwächen?

Schulz: Meine größte Stärke ist die Schnelligkeit. Das war vor allem bisher von Vorteil, weil man zum Beispiel bei der U-20-Europameisterschaft noch die leichtere Sechs-Kilo-Kugel stößt. Damals war ich noch ein bisschen leichter, brachte etwa 98 bis 100 Kilogramm auf die Waage, und konnte mit meiner Schnelligkeit noch wesentlich leichter die Weite holen. Mittlerweile merke ich, dass ich noch ein bisschen an Kraft zulegen muss, damit ich mit der Sieben-Kilo-Kugel mithalten kann.

Lauria: Meine größte Stärke ist meine Mentalität. Ich kann im Wettkampf eigentlich immer kontern. Wenn zum Beispiel jemand vorlegt und 20 Zentimeter weiter stößt und ich hab’ nur noch einen Versuch, kann ich mich relativ gut auf mich selber verlassen und die Weite noch mal angreifen. Außerdem habe ich mittlerweile viel Erfahrung gesammelt, was meinem Körper guttut. In diesem Jahr habe ich meinen Weg gefunden, wie ich an die Weltspitze herankommen kann.

Jetzt nehmt ihr also das erste Mal gemeinsam an einer EM teil. Wie seid ihr aktuell in Form?

Schulz: Mein Jahr war bisher eher schwierig. Ich hatte nach der Winterpause Probleme, wieder in die Wettkämpfe reinzukommen und war dann nicht so zufrieden mit meinen Leistungen. Ich habe selten gezeigt, was ich eigentlich kann. Aber bei den deutschen U-23-Meisterschaften lief es besser und ich konnte wieder in Richtung meiner Bestweite stoßen. Das ist mein Ziel bei der EM: Ich will meine Bestleistung angreifen und das müsste auch machbar sein.

Lauria: Ich hatte Anfang des Jahres einen Bandscheibenvorfall und musste das Training dann ein paar Tage aussetzen. Abgesehen davon konnte ich seit der letzten Saison richtig gut durchtrainieren, das war in den zwei Jahren davor nicht der Fall. Dementsprechend bin ich sehr fit und heiß auf die Europameisterschaften und werde dort eine neue Bestleistung angreifen.

Was sind eure Ziele über die Europameisterschaft hinaus?

Lauria: Ich will noch ein paar Mal die 20 Meter bestätigen und zeigen, dass ich die Weite konstant stoßen kann. Dieses Jahr will ich außerdem noch mal den deutschen Meistertitel holen, dieses Mal bei den Aktiven in Dresden. Langfristig will ich bei den Olympischen Spielen 2028 unter den Top Acht landen und 2032 sowie 2036 auf dem Podest und vielleicht Gold holen. Außerdem bei den Weltmeisterschaften und Europameisterschaften Medaillen gewinnen.

Schulz: Aktuell ist das Niveau im Kugelstoßen sehr hoch. Es gibt viele Leute, die über 22 Meter stoßen. Ich will die Möglichkeiten haben, in solche Sphären zu kommen und da mithalten zu können. Und mein erstes großes Ziel ist ebenfalls die Teilnahme bei den Olympischen Spielen. Ich will in der Weltspitze ankommen und mich dort etablieren. Ich will zumindest die Fähigkeiten haben, konstant unter den Top Acht zu landen.

Über die Athleten

Tizian Lauria
Der 22-Jährige stammt aus Leinfelden-Echterdingen und gilt als eines der vielversprechendsten Talente der Welt. Der Kugelstoßer des VfL Sindelfingen gewann bei der U-20-Weltmeisterschaft in Kolumbien 2022 die Bronzemedaille, ehe er ein Jahr später seinen bislang größten Triumph feierte: In Finnland errang er mit einer damaligen persönlichen Bestmarke von 19,80 Metern den Sieg bei der U-23-Europameisterschaft. Jüngst gewann er die deutschen U-23-Meisterschaften. Seine bisherige Saisonbestleistung ist gleichzeitig seine persönliche Bestweite: 20,09 Meter. Aktuell ist er Student und will Polizist werden.

Lasse Schulz
Er ist 21 Jahre alt und tritt für den TV Plieningen an. Der 1,85 große Kugelstoßer gewann bereits die deutschen U-20-Hallenmeisterschaften 2023 und trumpfte bei der U-20-Europameisterschaft in Jerusalem im selben Jahr ganz groß auf: Mit einer Weite von 20,21 Metern holte er sich den Titel mit der Sechs-Kilo-Kugel und das bei seinem Debüt für den Deutschen Leichtathletik-Verband. Mit der 7,26 Kilogramm schweren Kugel der Aktiven beträgt seine aktuelle persönliche Bestleistung 19,09 Meter, während er in der aktuellen Saison maximal auf 18,98 Meter kam. Schulz studiert in Esslingen IT-Sicherheit.