Die Haushaltskürzungen treffen die Zentrale Schuldnerberatung hart. Sandra Meyer erzählt, was das für Hilfesuchende bedeutet – und warum jeder in eine Schuldenspirale geraten kann.
„Wir waren geschockt und haben bis zum Schluss gehofft, dass es nicht eintritt.“ So beschreibt Sandra Meyer von der Zentralen Schuldnerberatung Stuttgart ihre Reaktion auf den am 19. Dezember 2025 beschlossenen Sparhaushalt. Die Auswirkungen würden die gesamte Gesellschaft betreffen, denn eine finanzielle Schieflage und die Notwendigkeit der Schuldnerberatung kann jeden treffen.
Sandra Meyer und ihre Kollegen beraten etwa 1000 verschuldete Menschen pro Jahr, die Tendenz ist steigend. Ihre Klienten sind sehr unterschiedlich – Ältere, aber auch Jüngere, arbeitende und nicht arbeitende Personen oder Leute, die krank oder suchtbelastet sind. „Es sind einfach Menschen, die durch bestimmte Lebensereignisse in die Überschuldung geraten sind“, erklärt die Fachdienstleiterin für Schuldner- und Insolvenzberatung beim Caritasverband Stuttgart.
Als Gründe nennt Sandra Meyer neben Arbeitslosigkeit und körperlichen und psychischen Erkrankungen folgende: „Es kann sein, dass man vielleicht unvorhergesehen arbeitslos wird, vorher aber Verbindlichkeiten eingegangen ist, weil man dachte, man hat einen sicheren Job“, sagt sie und fügt hinzu: „Oder man lässt sich scheiden oder ein Partner verstirbt“.
Bei betagteren Klienten spiele außerdem die Altersarmut eine Rolle. Jüngere Leute verlieren laut der 52-Jährigen oft den Überblick über ihre Finanzen „aufgrund von Konsumentscheidungen, die vielleicht nicht so glücklich waren“. Das liege auch an dem erweiterten Angebot, unter anderem an dem „Buy now, pay later“-Prinzip („Kauf jetzt, zahle später“).
So sieht der Job eines Schuldnerberaters aus
Kontakt zur Schuldnerberatung nehmen Menschen zuerst im Rahmen der Sprechzeiten auf. Dann verschaffen sich Sandra Meyer und ihre Kollegen einen Überblick über die finanzielle Situation ihrer Klienten – etwa ob es Miet- oder Stromschulden oder Probleme mit dem Bankkonto gibt. Bei diesen existenziellen Nöten wird die Schuldnerberatung sofort tätig, andernfalls werden die Hilfesuchenden auf eine Warteliste gesetzt.
In der weiterführenden Beratung gehe es dann um die Schuldenregulierung. „Wir nehmen mit den Gläubigern Kontakt auf und gehen in die Verhandlung über die Schulden“ erklärt die Beraterin. „Wir versuchen, Ratenzahlungen zu vereinbaren und Ratenvergleiche zu schließen.“ Ziel sei, eine außergerichtliche Einigung mit den Gläubigern zu finden. Sollte das nicht zustande kommen, wird ein Insolvenzverfahren eingeleitet. Getragen wird das Angebot vom Caritasverband, der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart und PräventSozial.
Auswirkungen der Haushaltskürzungen
Die beschlossenen Haushaltskürzungen treffen die Schuldnerberatung laut Sandra Meyer „enorm hart“. Im Bereich Soziales, Gesundheit und Integration sollen in den nächsten beiden Jahren jeweils zehn Prozent eingespart werden. Die Zentrale Schuldnerberatung rechnet mit Kürzungen in Höhe von etwa 192.500 Euro.
Das wirkt sich zum einen auf das Personal aus. Es wird weniger Berater geben und somit können weniger Menschen unterstützt werden. Die Wartezeit beträgt schon jetzt neun Monate, die Schuldnerberatung rechnet zukünftig mit einer noch längeren Zeit.
Sandra Meyer befürchtet, dass durch die hohe Wartezeit auch der „Boden für unseriöse Angebote“ wächst. Diese werben mit Schuldenfreiheit ohne Wartezeit. Das sei im ersten Moment zwar verlockend, führe aber dazu, dass Schuldnerberatungsverträge abgeschlossen werden, bei denen wieder zuerst eine Vorleistung erbracht werden muss.
Zum anderen wirken sich die Haushaltskürzungen auch auf die verschuldeten Menschen aus: Sie verschulden sich immer weiter. „Es gibt eine höhere Zinsbelastung, höhere Kosten, teure Zwangsvollstreckungsmaßnahmen werden in der Wartezeit durchgeführt, weil man noch nicht in die Verhandlung mit den Gläubigern einsteigen konnte“, sagt Sandra Meyer. „Der Worst Case, der passieren kann, ist, dass ein Mensch sich von seinen Schulden so unter Druck gesetzt fühlt, dass er Raten von dem bezahlt, was er eigentlich nicht hat. Der Klassiker ist dann, dass man seine Miete nicht mehr bezahlen kann und daraufhin vom Vermieter gekündigt wird.“
Auch der Leidensdruck und die Belastung seien sehr hoch. „Die Menschen können nicht mehr schlafen, sie werden depressiv, fühlen sich überfordert und schaffen es im schlimmsten Fall nicht mehr, Briefe zu öffnen“, erzählt die Schuldnerberaterin.
Wie es mit dem Angebot weitergeht, ist noch offen. Bestehen bleibt es auf jeden Fall, zumal es auch im Gesetz verankert ist. Von der Stadt Stuttgart hätte Sandra Meyer erwartet, die Pauschalkürzungen nochmals zu überdenken und sich genau zu überlegen, wo gespart werden muss. „Mit dem ‚Rasenmäher-Prinzip’ über alles drüber zu gehen, ist natürlich einfach, aber ob das sinnvoll ist, ist eine andere Frage“, merkt sie kritisch an.
Netzwerk vermittelt Hilfe
Hilfe finden
Neben anerkannten Stellen wie der Zentralen Schuldnerberatung oder einer Anwaltskanzlei können sich Betroffene auch Hilfe bei der allgemeinen sozialen Lebensberatung oder der Fachstelle zur Wohnungssicherung suchen. Durch den Trägerverbund mit dem Caritasverband, der Evangelischen Gesellschaft und PräventSozial besteht ein großes Netzwerk, wo Betroffenen gegebenenfalls weitere Hilfe vermittelt werden kann.