Roboter und Künstliche Intelligenz wachsen zusammen. Und die Entwicklung schreitet immer schneller voran. Was sind die Folgen für Wirtschaft, Gesellschaft und das Leben jedes Einzelnen?
Gerade hat Horst einen Elefanten gezeichnet. „Bekommt er auch eine Mona Lisa hin?“, will eine Dame mittleren Alters wissen. Nach einer kurzen Internetsuche ist auf dem Monitor eine Auswahl von Mona Lisas zu sehen. Ein Klick auf die gewünschte Variante, und schon schwingt Horst wieder den Pinsel. Horst – die Abkürzung steht für Highly Optimized Robotics System Technology – ist ein Industrieroboter des Konstanzer Herstellers Fruitcore.
Horst hat einen in alle Richtungen beweglichen Arm, an dessen Ende etwa Greifelemente, Saugnäpfe oder Werkzeuge angebracht werden können. Das mit dem Zeichnen sei eher Spielerei, sagt ein Fruitcore-Mitarbeiter. Normalerweise wird der Roboter unter anderem eingesetzt, um Bauteile aus einem Lager zu holen oder Maschinen zu beschicken. Je nach Aufgabe gibt es ihn in unterschiedlichen Größen.
Programmieren lässt sich Horst über die grafische Benutzeroberfläche einer App für Smartphone oder Tablet. Das sei einfacher als das Schreiben von Programmcode und daher auch für kleinere Unternehmen interessant, meinen die Firmenvertreter. Wenn beim Programmieren Fragen auftauchen, beantwortet diese ein Copilot, der dazu Künstliche Intelligenz (KI) nutzt. Die Entwicklung gehe dahin, „dass man dem Roboter einfach sagen kann, was er tun soll“.
Tiefgreifende Veränderungen
Roboter und KI werden in den nächsten Jahren in nahezu allen anderen Lebensbereichen für tiefgreifende Veränderungen sorgen. Darüber sind sich die Experten beim 15. Europäischen Roboterforum (ERF) in Stuttgart einig. Bei dem Branchentreff führen Hersteller aus dem In- und Ausland vor, was ihre Maschinen heute schon können und woran ihre Entwickler arbeiten.
Ein Ziel ist dabei, Robotern den Tastsinn und die Feinfühligkeit von Menschen beizubringen. Dadurch können sie immer filigrane Arbeiten übernehmen und auch mit empfindlichen Dingen hantieren – etwa mit weichen Früchten. Sensoren melden dem Roboter dabei permanent zurück, wie fest er zupacken kann, ohne Schaden anzurichten. Zu einem immer besseren Tastsinn kommen je nach Einsatzgebiet Sensoren für optische und akustische Reize.
Manche Roboter können mit Hilfe von Wärmebildkameras oder Radarsensoren auch Dinge „sehen“, die menschlichen Augen verborgen bleiben. Andere Sensoren erkennen Chemikalien oder ausströmende Gase. Derart ausgerüstet sucht etwa der vierbeinige Laufroboter Lars nach Gaslecks. Er hat die Größe eines mittleren Hundes und kann mit diversen Werkzeugen bestückt werden. Solche Roboter sollen unter anderem Arbeiten in für Menschen gefährlichen Umgebungen erledigen und sich dabei zunehmend auch autonom fortbewegen.
KI macht Roboter lernfähig
Industrieroboter sehen heute nicht viel anders aus als noch vor ein paar Jahren. In ihrem Inneren ist aber gerade eine Revolution im Gange. Während Roboter lange Zeit nur fest vorgegebene Programme abgearbeitet haben, können Sie mit Hilfe von KI ihre Fertigkeiten mit der Zeit verfeinern und zum Beispiel lernen, mit bisher unbekannten Bauteilen umzugehen. Ein Industrieroboter des Metzinger Unternehmens Neura erfasst zunächst Form und Größe eines Teils, das geschliffen oder poliert werden soll – das kann etwa ein Autokotflügel sein. Dann entscheidet der Roboter selbst, wohin er sein Werkzeug bewegt und wie viel Druck er beim Schleifen oder Polieren ausübt.
Bisher greifen KI-Programme wie ChatGPT nur auf im Internet verfügbare Informationen zurück. Sie haben keine körperliche Wahrnehmung und damit auch kein echtes Verständnis der Welt, was auch erklärt, warum sie manchmal Unsinn von sich geben. Mit der Verbindung von KI und Robotern könnte sich das grundlegend ändern.
Roboter nehmen mit Hilfe von Sensoren ihre Umgebung immer besser wahr. Dabei sammeln sie jede Menge Daten in der realen Welt, aus denen KI-Algorithmen lernen können. Das soll die Maschinen in die Lage versetzen, flexibel auf neue Situationen zu reagieren – wie Menschen das seit jeher tun. Dazu passt, dass Neura und andere Hersteller auch intensiv an humanoiden Robotern arbeiten, deren Körper ähnlich aussehen wie die von Menschen.
ChatGPT-Moment in der Robotik
Bei KI-gesteuerten Robotern schreitet die Entwicklung so rasant voran wie bei KI-Sprachmodellen. „Die Robotik läuft gerade auf ihren ChatGPT-Moment zu“, sagt Wieland Brendel vom Max-Planck-Institut für Intelligente System in Tübingen. Roboter entwickelten sich von Spezialisten zu Generalisten. Es werde nicht mehr allzu lange dauern, bis man seinem Haushaltsroboter einfach sagen könne „Räum doch bitte mal die Waschmaschine aus!“ Noch tiefgreifender sind die möglichen Auswirkungen auf die Arbeitswelt. Zum einen sollen Roboter Menschen von monotonen und anstrengenden Arbeiten entlasten, zum anderen könnten sie bald auch anspruchsvollere Tätigkeiten übernehmen – etwa im Handwerk. Roboterhersteller verweisen denn auch gerne auf das Rationalisierungspotenzial ihrer Produkte.
Dabei geht es nicht nur um Kostensenkung. Wegen des Fachkräftemangels bleibe Unternehmen gar nichts anderes übrig, als die Arbeitseffizienz weiter zu steigern, sagt Susanne Herre, Hauptgeschäftsführerin der IHK Stuttgart. Die Themen Roboter und KI müssten daher bereits in der Ausbildung stärker berücksichtigt werden. „Wir brauchen diese Effizienzgewinne“, sagt auch Maximilian Locher von der IG Metall. Doch wenn die Beschäftigen mitziehen sollen, müssten sie mit eingebunden werden: „Ein Maschinenanwender weiß am besten, worauf es bei seiner Arbeit ankommt.“
Bitte mit Notknopf zum Ausschalten
Klar scheint: In Zukunft wird so gut wie jeder in irgendeiner Form mit KI und Robotern zu tun haben. Die Veranstalter des Roboterforums haben daher auch Laien zu einem sogenannten Public Engagement Event eingeladen. In einer der Diskussionsrunden meint ein älterer Herr, dass er es ganz praktisch fände, wenn ein Roboter die Gartenarbeit für ihn übernehmen könnte oder im Urlaub die Blumen im Haus gießen würde. „Und wenn ich abends unterwegs bin, könnte er mich begleiten. Dann würde ich mich sicherer fühlen“, fügt er hinzu. „Aber irgendwo muss ein Notknopf zum Ausschalten sein“. Man wisse ja nicht, ob so ein KI-gesteuerter Helfer auch mal etwas Falsches lerne und dann zur Gefahr werde.
Eine Dame sieht etwa den Einsatz von Robotern in der Pflege skeptisch: „Wo bleibt da die menschliche Wärme?“ Ein anderer Teilnehmer meint dagegen: „Ein Roboter hätte vielleicht mehr Zeit für die Pflegebedürftigen als das überlastete Personal.“