Der Künstler Fritz Steisslinger hatte Villa und Garten in den 1920er Jahren selbst entworfen. Nun planen seine Erben ein neues Gebäude, um die Werke des Malers dauerhaft zu schützen.
Als der Maler Fritz Steisslinger Anfang der 1920er Jahre nach Böblingen kam, muss es im dort gut gefallen haben. Er ließ auf dem Tannenberg, damals noch umgeben von Streuobstwiesen, eine Villa mit Garten nach seinen Entwürfen bauen – mit Atelier im Dachgeschoss.
Das Haus hat trotz Schäden durch Bombenabwürfe den Zweiten Weltkrieg überstanden. Es gilt heute als wichtiges Zeugnis eines vor allem auch im Innern nahezu unverändert überlieferten Künstlerhauses, das den Vergleich mit bedeutenden Gebäuden wie dem Liebermann-Haus am Berliner Wannsee oder dem Otto-Dix-Haus am Bodensee nicht scheuen muss.
Die Nachfahren des Malers planen nun einen Neubau auf dem rund 3600 Quadratmeter großen Grundstück in der Falkenstraße 30. Das neue Gebäude soll vor allem als Archiv und Lagerfläche für die Kunstwerke von Fritz Steisslinger dienen, die bislang in verschiedenen Zimmern in der Villa aufbewahrt sind. Um dieses Vorhaben umzusetzen, ist eine Änderung des auf dem Tannenberg geltenden Bebauungsplans notwendig.
„Hoher kultureller, historischer und stadtgeschichtlicher Wert“
Die Brüder Hans, Klaus und Friedrich Steisslinger, die Söhne von Frederica Steisslinger und Enkel des Malers, haben als Gesellschafter der „Fritz Steisslinger Nachlassverwaltungs GBR“ deshalb einen Antrag auf Änderung des Bebauungsplans gestellt. Die Pläne waren Thema in der jüngsten Sitzung des Technischen Ausschusses.
Oberbürgermeister Stefan Belz (Grüne) schrieb Villa und Garten in der Sitzung einen „hohen kulturellen, historischen und stadtgeschichtlichen Wert“ zu. Es sei der Stadt ein großes Anliegen, dass die Kunstwerke dauerhaft erhalten bleiben. Das geplante Gebäude soll dazu beitragen.
Vorgesehen ist ein zweigeschossiges Bauwerk mit Keller und einem zusätzlichen Dachgeschoss. Außer dem Archiv sind in dem Neubau Galerie- und Seminarräume sowie im Dachgeschoss ein Atelier und Wohnungen angedacht. Der künstlerisch angelegte Garten soll grundsätzlich erhalten bleiben.
Auch die Öffentlichkeit könnte von den Plänen profitieren. Sie sollen das Kunstangebot der Stadt Böblingen erweitern – durch „Kunstvermittlung, Vernissagen und Gästeführungen“, wie die Brüder Steisslinger in einer der Sitzungsvorlage angehängten Mail schreiben.
Aus Sicht der Stadtverwaltung spricht nichts dagegen, den Bebauungsplan zu ändern. Grundsätzlich füge sich der geplante Neubau in die Umgebung ein, erklärte die städtische Bauleitplanerin Jutta Ullrich. Der dort geltende Bebauungsplan sieht laut Ullrich allerdings ein reines Wohngebiet vor, weshalb die Änderung notwendig ist. Die Villa liegt inzwischen nicht mehr inmitten von Streuobstwiesen, sondern ist umgeben von Wohnhäusern und an einer Seite von Wald.
Im weiteren Verfahren wäre außer der Bebauungsplanänderung eine artenschutzrechtliche Untersuchung notwendig, die prüft, ob im Garten und am Haus geschützte Tiere vorkommen und von den Plänen beeinträchtigt wären. Außerdem wurden Garten und Villa laut Ullrich als Prüffall beim Landesdenkmalamt gelistet. Sollten Villa und Garten als Ensemble unter Denkmalschutz gestellt werden, könnte sich das auf das weitere Verfahren auswirken, so Ullrich.
Die Ausschussmitglieder zeigten sich von den Plänen sehr angetan und gaben einstimmig grünes Licht den Bebauungsplan zu ändern. Das letzte Wort hat der Gemeinderat in seiner Sitzung am 26. November.
Schwiegertochter kümmert sich mit hohem Einsatz um den Nachlass
Mit diesem Vorhaben wird die Zukunft des umfangreichen Werks von Fritz Steisslinger klarer, nachdem in den vergangenen Jahren immer wieder die Frage aufkam, wie der Nachlass des Böblinger Malers dauerhaft gesichert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden könnte.
In den vergangenen 20 Jahren hatte sich Frederica Steisslinger, die Schwiegertochter des Künstlers, mit großem Engagement um das Werk gekümmert. Die heute 92-Jährige wohnt seit den 1960er-Jahre in der Villa und sorgte dafür, dass die Bilder in Ausstellungen präsent waren, die Werke alle digitalisiert wurden und viele opulente Publikationen erschienen sind. Eines ihrer Hauptanliegen war stets, dass der Nachlass zusammen bleibt und keine Verkäufe stattfinden.
Insbesondere die regelmäßigen Hausführungen von Frederica Steisslinger, die zu allen Werkphasen etliche Anekdoten erzählen kann, hatten bei Kunstfreunden einen geradezu legendären Ruf. Im Jahr 2021 erhielt die Nachlassverwalterin für ihren langjährigen Einsatz den Kulturpreis der Stadt Böblingen und die Staufermedaille des Landes Baden-Württemberg.
Fritz Steisslinger
Leben
Fritz Steisslinger (1891-1957) zieht 1922 mit seiner Frau und den drei kleinen Söhnen in das selbstentworfene Haus auf dem Böblinger Tannenberg. Er malt expressiv-realistisch, nimmt rege am Stuttgarter Kunstleben teil und ist Mitglied der Stuttgarter Sezession. 1957 stirbt er nach einem Schlaganfall in Tübingen.
Nachlass
1961 zieht der Sohn Eberhard mit seiner Frau Frederica und den drei Söhnen von Brasilien nach Böblingen, übernimmt das Haus auf dem Tanneberg und kümmert sich um den Nachlass des Vaters. 2003 erkrankt Eberhard (+ 2006), Frederica übernimmt die Nachlassverwaltung, die sie bis heute innehat.