Willi Baumeister, Monturi mit blauem Dreieck, 1954 Foto: Archiv Baumeister im Kunstmuseum Stuttgart, VG Bild-Kunst, Bonn 2017

„Willi Baumeister international“ hieß 2013 eine Ausstellung zum Werk des Stuttgarter Malers Willi Baumeister (1889-1955). Aktuell ist Baumeister in Peking und in New York zu sehen. Und die Nachfrage steigt weiter, wie eine Bestandsaufnahme der „Stuttgarter Nachrichten“ zeigt.

Stuttgart - Das Ziel ist klar formuliert: Es gelte „die Wurzeln des gegenwärtigen Kunstschaffens auf allen Gebieten sichtbar zu machen“, schreibt Arnold Bode, als er 1955 die Bundesgartenschau in Kassel zum Anlass nimmt, eine Großausstellung zur internationalen Gegenwartskunst zu realisieren. Bode wird sein Projekt Documenta nennen – und die bekannteste Ausstellungsreihe der Welt begründen. Für den in Richtung Abstraktion drängenden ­Ansatz der Schau sorgt Werner Haftmann. Mittendrin in der Künstlerriege der am 16. Juli 1955 eröffneten Documenta: der zum Kronzeugen der lyrischen Abstraktion und des internationalen Künstleraustauschs avancierte Willi Baumeister.

Baumeisters Documenta-Bilder in Peking

Seit zwei Tagen bilden drei Bilder des wenige Wochen nach der Documenta-Eröffnung am 31. August in seinem Atelier in Stuttgart verstorbenen Baumeister das Herzstück einer Schau zur Documenta im Central Academy of Fine Arts Museum in Peking. „Mythos Documenta – Arnold Bode und seine Erben“ heißt die Schau, die das Institut für Kultur- und Medienmanagement der Freien Universität Berlin in Kooperation mit dem Documenta-Archiv Kassel und dem Institute for Art Administration and Education der Central Academy of Fine Arts in Peking erarbeitet hat und die im Anschluss auch in Shanghai zu sehen sein wird.

Vorbild für Bodes Documenta-Idee war unter anderem die Armory Show 1913 in New York – ein Paukenschlag der Kunstgeschichte, mit dem die europäische Moderne sich als weltweiter Schrittmacher der Kunst empfahl. Seit 1994 trägt eine in New York neu gegründete Kunstmesse den klangvollen Namen. Und eben dort sind nun als zentrale Präsentation der Berliner Galerie Klaus Gerrit Friese ebenfalls Bilder und Zeichnungen von Willi Baumeister zu sehen.

Baumeister-Triumph mit den „Montaru“-Bildern

Willi Baumeister? 1889 in Stuttgart geboren, lernt er in der Klasse von Adolf Hölzel an der Stuttgarter Akademie unter anderen Oskar Schlemmer kennen. Anders als Schlemmer aber vertraut der bereits 1911 erstmals nach Paris gereiste Baumeister nicht in aller Unbedingtheit einer Neubestimmung der Figuration.

Baumeister zerlegt Figur und Landschaft, ihre Fragmente begegnen sich als scheinbar unabhängige Elemente, lernen gar das Schweben – und bilden doch über die weiteren Jahrzehnte stets ein lesbares Baumeister-Vokabular. Härter als jenes der französischen Freunde, eleganter als das der Ende der 1940er Jahre neu antretenden jungen deutschen Künstler.

Baumeister, von 1928 bis 1933 Professor an der Frankfurter Kunstgewerbeschule, in Hitler-Deutschland verfemt und 1946 an die Stuttgarter Akademie berufen, treibt das präzis Leichte voran. Schließlich summiert Baumeister die erreichten bildnerischen Qualitäten und nutzt sie für einen in den „Montaru“-Bildern durch den viel zu frühen Tod im August 1955 gestoppten triumphalen Neuansatz.

Ein internationaler Künstler

Ein internationaler Künstler

1955, 1959 und 1964 sind Baumeister-Arbeiten Teil der Weltkunstausstellung ­Documenta. „Baumeister international“ – das bleibt auch in der Folge die Losung und ist 2013 Titel einer Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart. „,Willi Baumeister international‘ zeichnet erstmals Baumeisters internationale Beziehungen mit Galeristen, Sammlern und Kunsthistorikern nach“, heißt es seinerzeit. Unter gleichem Titel ist die Schau im Anschluss und in veränderten Fassungen auch in Berlin in den Räumen von Daimler Contemporary zu sehen, zudem im Museum Küppersmühle in Duisburg.

Und nun? Steuert das Interesse für das Schaffen Willi Baumeisters neuen Höhepunkten zu. So deutlich wie stabil entwickelt sich auf dem Kunstmarkt das Preisgefüge nach oben – die Erlöse für Baumeister-Gemälde liegen bei mehr als 300 000 Euro. Und mit den weiter anstehenden Ausstellungen dürfte das Interesse weiter ­steigen.

Galerie Friese mit Baumeister in New York

In Deutschland entwickelt sich gerade Berlin zum Motor der Baumeister-Begeisterung. Zwei Jahre vor der „Baumeister international“-Schau hatte schon eine Zeichnungsausstellung in der Villa Grisebach Erfolg – daran, sagt Klaus Gerrit Friese, hätte er mit der Eröffnungsausstellung nach seinem Wechsel von Stuttgart nach Berlin 2015 anknüpfen können. „Aber das für mich Überraschende an Berlin ist“, sagt Friese, „dass es eine unglaublich wache, kenntnisreiche Neugierde gibt.“ Woraus folgt: „Das Unbekannte in der Kunst von Willi Baumeister wurde aufgesogen und hat sich in Verkäufen umgesetzt.“ In New York – „extrem gespannt bin ich, wie die Reaktionen der Institutionen, der Sammler und der Kollegen sein werden“ – präsentiert Friese noch bis einschließlich diesen Sonntag Bilder, Zeichnungen und typografische Entwürfe aus den Jahren 1921 bis 1955. Möglich ist dies „dank der Zusammenarbeit mit dem Nachlass, die wir als Galerie genießen“. „Die Preise“, sagt Friese den „Stuttgarter Nachrichten“, sind stabil und haben natürlich – gemessen an den vergleichbaren europäischen und amerikanischen Zeitgenossen – Potential nach oben“. Friese ist sich sicher, dass diese Entwicklung eintreten wird: „Es gibt Ausstellungen, die dazu kommen werden“, sagt er den „Stuttgarter Nachrichten“: „Ein Schwerpunkt Bauneister in einer Ausstellung im Busch Reisinger Museum 2018 in Cambridge bei Boston zur Kunst nach 1940 in Europa etwa. Oder denken Sie nur aktuell an die Beteiligung mit Original-Werken aus der Documenta-Zeit in Peking“. „All das“, ist Friese sicher, „verdeutlicht die Bedeutung seines Werks.

Christie’s-Präsident Boll sieht „großes Potential“

Und wie sieht ein Kunstmarktexperte die Baumeister-Nachfrage: „Mit der hohen künstlerischen Qualität, der interessanten Position im Konzert abstrakten Schaffens und vor dem Hintergrund des hohen Renommees deutschen Kunstschaffens in der Welt darf man davon ausgehen, dass Baumeisters Werke ein großes Potenzial auf den internationalen Märkten haben“, sagt Dirk Boll, der im britischen Auktionshaus Christie’s als Präsident für die Märkte Europe & UK, Middle East, Russia & India agiert, den „Stuttgarter Nachrichten“. Und weiter sagt Boll: „Baumeister ist ein Künstler, dessen kunsthistorische Bedeutung unumstritten und dessen Werk umfassend kanonisiert ist. Trotzdem sieht man wenige Werke auf dem Markt, was wohl auch darauf hindeutet, dass sie noch im Besitz der Primärmarktkäufer sind.“ Bolls Blick richtet sich nach vorne. Den „Stuttgarter Nachrichten“ sagt er: „Wie in anderen Sammelgebieten hat auch im Bereich der Deutschen Kunst des 20. Jahrhunderts die Suche nach Künstlerinnen und Künstlern begonnen, die bislang unberechtigt übersehen worden sind, oder deren Schaffen in Vergessenheit geraten ist.“

Zeichner Baumeister im Kupferstichkabinett Berlin

Da kommt, um die Aufmerksamkeit auch für die Werkeforschung zu schärfen, ein ­neues Berliner Projekt gerade richtig: Von Ende November an wird der Zeichner Willi Baumeister im renommierten Berliner ­Kupferstichkabinett präsentiert.

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