Friedrich Zirm führt den Pinsel im Mund, statt mit der Hand. Den Malroboter (unten) steuert er mit einem Joystick. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Friedrich Zirm ist freischaffender Künstler – und mit seiner Kunst sicherlich nicht nur in Stuttgart einzigartig. Wegen einer spastischen Lähmung kann Zirm weder Arme, noch Beine bewegen. Er malt deshalb mit der Zunge.

Stuttgart - Friedrich Zirm zieht genüsslich an der Zigarette. Sie ist dick gedreht, fast so dick wie eine Zigarre, damit er sie ohne Hilfe rauchen kann, weil das Papier an der Oberlippe klebt. Und so, wie die Zunge bisweilen liebevoll die Zigarette umspielt oder sie ruckartig bewegt, damit die Asche hinunterfallen kann, so bewusst setzt er sie auch mit dem Pinsel ein. „Die Zunge ist mein Ausdrucksmedium“, sagt der 53-jährige gebürtige Heidenheimer, sie sei für ihn „existenziell wichtig“.

Friedrich Zirm ist freischaffender Künstler – und mit seiner Kunst sicherlich nicht nur in Stuttgart einzigartig. Der Absolvent der Stuttgarter Kunstakademie und der Nürtinger freien Kunstschule arbeitet unter erschwerten Bedingungen. Er kann wegen einer spastischen Lähmung die Arme und Beine nicht bewegen. Er malt nicht mit den Händen, sondern mit der Zunge. Oder er setzt fahrende Roboter ein, die er mithilfe eines Joysticks steuert, ebenfalls über den Mund. Assistenten bringen zuvor nach seinen Anweisungen die Farbe auf – er gibt mit der Zunge entsprechende Richtungshinweise. „Ich bin Spasti, ich bin hilflos, jedoch weiß ich mir zu helfen“, so hat es Zirm in einem Text über sich selbst einmal schonungslos formuliert.

Behindertenbeauftragter hat das Bild ausgesucht

Eine seiner Arbeiten hat Friedrich Zirm nun der Stadt Stuttgart geschenkt. Das Persönliche Budget, eine Geldleistung des Sozialamts, über die er seine Assistenten finanziert, ermögliche ihm ein selbstbestimmtes Leben in der eigenen Wohnung. Dafür will er sich bedanken. Walter Tattermusch, der Behindertenbeauftragte der Stadt, hatte das Bild kürzlich bei einer Ausstellung in Ludwigsburg ausgesucht, am Mittwoch war die Übergabe. Tattermusch ist beeindruckt vom Schaffen des Künstlers, von seiner Kraft und seiner Energie. Das Bild habe ihn zum einen wegen der Entstehungsmethode mit dem Malroboter angesprochen, zum anderen wegen der Anmutung: „Es zeigt Spuren, die in der Masse entstanden sind – und jeder Mensch hinterlässt Spuren“, sagt er.

Großformatige Arbeiten wie das ausgesuchte Bild kann Zirm gerade kaum produzieren. Wegen der Sanierung der Wagenhallen muss er für einige Jahre auf sein Atelier verzichten. Und in seiner Wohnung ist nicht genügend Platz. Aber auch in diesem Fall gilt – der Künstler weiß sich zu helfen. So fertigt er stattdessen für Schmuckstücke kleinformatige Kohlegrafiken an. Und er ist auf Tusche umgeschwenkt, die er auf handgeschöpftes Papier aufträgt. Die Leinwand wird dafür auf seinen Rollstuhl gesteckt, ursprünglich eine Entwicklung seines Vaters. Seine Eltern hätten ihn, als sie noch lebten, immer unterstützt, sagt Zirm, der („so war das damals“) mit acht Jahren in ein anthroposophisches Heim kam. „Sie haben gesagt, mach, was dir gut tut, aber mach es.“ Zur Kunst gebracht hatte ihn aber ursprünglich jemand anderes: seine erste Kunstlehrerin an der Waldorfschule. „Deine Hände gehen wohl nicht, also muss der Pinsel in den Mund“, habe sie gesagt, damals in der ersten Stunde. Ein Wendepunkt in seinem Leben.

Grenzen überwinden, das gefällt dem Künstler

Friedrich Zirm macht eine Bewegung mit der Zunge, sein Assistent Otto Dinkelacker reagiert sofort. Er legt ihm eine Nikotintablette in den Mund. Die beiden verstehen sich mit und ohne Worte. Und sie teilen eine Leidenschaft: das Motorradfahren. Zirms Lieblingsroute führt durchs Würmtal in Richtung Pforzheim. Er sitzt im Beiwagen, Otto am Steuer, Sonne von oben, Wind von vorne – perfekt. Sogar durch Kroatien sind die beiden schon gekurvt. Grenzen überwinden, das gefällt dem Künstler in jeglicher Hinsicht. In Rom und Andalusien war er als Stipendiat, in New York, Südafrika und Kanada als Tourist. Auch bei den Aufenthalten waren Assistenten immer mit dabei. Acht teilen sich momentan die Rund-um-die-Uhr-Betreuung. Und manchmal, gibt Zirm zu, habe er vor Verzweiflung schon geschrien. Nicht alle sind so wie Otto. Ungelernt, jung, unsicher, so fingen die meisten bei ihm an. Und er komme sich regelmäßig wie ein Sozialarbeiter vor, erzählt er.

Gerade schreibt Friedrich Zirm an einem Buch über sein Leben. Einige Texte sind schon fertig, nur der Verlag muss noch gefunden werden. „Ich bin gezwungen, auf einem Platz zu sitzen“, heißt es da zum Beispiel in einer Passage, „aber dadurch eröffnet sich mir ein Universum, welches den Menschen, die dauernd in Bewegung sind, verschlossen bleibt. Und hier muss ich meine Verantwortung wahrnehmen, den Menschen, die fast schon paranoid ständig auf der Flucht sind, meine durch den Stillstand erfahrenen Einsichten und Erkenntnisse mitzuteilen, um sie daran teilhaben zu lassen und vielleicht zu befähigen, selbst einmal einen Stillstand zu wagen.“

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