Bewegtes Leben, bewegte Bilder: Roland Baisch Foto: privat

Der Entertainer Roland Baisch hat seine Autobiografie geschrieben. Vor allem das Erzählen vom Scheitern habe ihm Spaß gemacht, sagt er. Ende März stellt er das Buch im Theaterhaus vor.

Ganz ganz wenige positive Nebenwirkungen hatte die Coronazeit dann doch: Dass Bob Dylan seinen Konzertfilm „Shadow Kingdom“ fabriziert hat, dass man Reisen hinterher wieder als Privileg schätzen lernte – und dass Roland Baisch seine Autobiografie geschrieben hat. „In der Coronazeit, als man nicht auftreten konnte“, sagt er, habe er das Projekt in Angriff genommen: „Bevor ich mir zuhause jeden Abend Wein reinschütte, habe ich gedacht, dann fange ich an zu schreiben.“

 

Jetzt ist das Werk vollbracht, das Buch geschrieben: Es heißt „Roland Baisch. Ein Junge namens Renate“, und es ist irrsinnig lustig, sehr klug und verblüffend spannend. Dem Stuttgarter beziehungsweise Korntaler Musiker und Komiker ist mit der Erzählung seiner ersten 70 Jahre ein sehr vergnügliches Buch gelungen. Beim Schreiben seien ihm Selbstzweifel gekommen, sagt Roland Baisch am Telefon, während er zu einem Auftritt nach Ostdeutschland fährt. Zeitweise habe er gedacht: „Ich bin bissle ein Hochstapler.“

Roland Baisch rennt durch den Wald

Ganz am Anfang könnte einen dieser Eindruck beschleichen, satirisch gebrochen natürlich: Bereits drei Monate nach der Hochzeit seiner Eltern habe Roland Baisch am 27. Oktober 1954 „schon voll entwickelt das Licht der Welt“ erblickt, steht auf Seite 7. Und weiter: „Dieses Wunder der eiligen Geburt wird bis heute in Ehingen an der Donau jedes Jahr mit einem großen Volksfest gefeiert.“

Aber schon auf Seite 25 deutet sich bei einer Anekdote von den Bundesjugendspielen an, dass die Forschheit des jungen Roland Baisch nicht immer in Erfolgen mündete, zumindest nicht unmittelbar, jedenfalls nicht im klassischen Sinn: „Der Startschuss fiel, und ich rannte wie ein Besessener los. Leichtfüßig dominierte ich das Rennen, der Pulk hinter mir wurde kleiner und kleiner“, so beginnt seine Erzählung eines Wettlaufs, der für den Schüler Roland eine unerwartete Wendung nimmt: „Bald war keiner der Läufer mehr zu sehen. Leider auch nicht mehr die Sägemehlmarkierungen der Strecke. Der Wald wurde immer undurchdringlicher und als das erbarmungslose Dickicht des Waldes mich nicht mehr weiter rennen ließ, musste ich mir eingestehen: Irgendwo war ich wohl falsch abgebogen.“

„Ich habe früh festgestellt, dass es mehr Spaß macht, über Scheitern zu schreiben, als über Siegen“, sagt Roland Baisch auf seiner Fahrt durch Ostdeutschland. Sein Buch ist reich an Beispielen des Misserfolgs, manchmal urkomisch erzählt, zum Beispiel, wenn der Sänger seiner ersten Band The Large von Stromschlägen geschüttelt wird, sobald er sich dem Mikrofon nähert, oder wenn Roland Baisch bei frühen eigenen Auftritten im Vorprogramm von Hardrockbands ständig Gegenständen ausweichen musste, die auf die Bühne geworfen wurden: „Bierflaschen, lauwarme Bratwürste und Pappbecher.“

Sehr unterhaltsam beschreibt Baisch auch, wie er es nicht auf die Stuttgarter Schauspielschule schaffte, und wie der gebrauchte Fort Transit, mit dem seine erste Clownstheater-Truppe Scherbentheater ihre Tourneen bestreiten wollte, schon früh im Stadium der Fahruntauglichkeit endete. „Jedes Talent geht zu Grunde, wenn es nicht gefeiert wird, das würde auch für mich gelten, davon war ich überzeugt“, schreibt er, und dass Aufgeben dennoch keine Option gewesen sei, zumal manche seiner Überbrückungsbeschäftigungen offenbar besser liefen als seine Bewerbungen und seine Autos, zum Beispiel als Lastwagenfahrer, vor allem aber als Landschaftsgärtner in Hamburg.

  • Roland Baisch: Ein Junge namens Renate. Meine ersten siebzig Jahre.
  • 212 Seiten, 20 Euro.
  • Erhältlich per E-Mail an countbaischy@t-online.de und vom 21. März an in der
  • Buchhandlung Pörksen (Schwabstraße 26, Stuttgart).

Jene Teile von Roland Baischs Sequenzen des Scheiterns, bei denen man nicht lesend laut lachen muss, hat er oft aphorismenhaft klug in sein Buch gepackt, meistens mehr seiner eigenen Wahrheit verpfichtet als dem Zeitgeist: „Ein Großteil des Meditierens besteht aus Schmerzen, Langeweile und Müdigkeit“, lautet so ein Satz. Oder auch seine Zusammenfassung einer Lektion im Feuerspucken: „Wir übten mit Kakaopulver und am Ende sahen wir alle aus als hätten wir Durchfall im Gesicht.“ Roland Baisch, der richtig gut singen und sehr unterhaltsam Quatsch machen kann, entpuppt sich zu Beginn seines achten Lebensjahrzehnts als origineller Chronist des Strauchelns, Stolperns und Weitermachens. Baisch schreibt über Baisch mitunter so einnehmend erstaunt, wie Johnny Cash in seinen besten Tagen über den Schmerz gesungen hat. Mit den Shy Guys, seiner zweiten Langzeit-Comedytruppe, gelang es dem Korntaler, auch Publikum in Kanada zu begeistern, und als sein anarchisches Humorverständnis endlich im deutschen Privatfernsehen salonfähig wurde, war Roland Baisch als Gagschreiber für die „Harald Schmidt Show“ und später als Multitasker der Comedy Factory auf Pro Sieben ganz vorne mit dabei.

Seine Präferenzen sind dennoch konstant geblieben: „Am liebsten stehe ich auf der Bühne, singe und muss nicht quatschen“, sagt Roland Baisch am Telefon und liefert auf seiner Fahrt durch Ostdeutschland sogleich eine einleuchtende Begründung: „Wenn du Comedy oder Humor machst, musst du immer wach sein und gucken, ob du die Leute bei der Stange hältst. Wenn du Musik machst, und es kommt nicht an, machst du die Augen zu und singst für dich.“

Als geübter Schüler der Selbstgenügsamkeit hat Roland Baisch – davon ausgehend, dass von den infrage kommenden Verlagen „keiner anbeißen“ würde – seine Autobiografie gleich selbst drucken lassen. „Ich wollte nicht warten“, sagt er am Telefon, „ich habe auch nicht gewartet, bis mich eine Schauspielschule nimmt, sondern ich habe einfach angefangen, Theater zu machen.“ Als Nebenprodukt des Buches habe er jetzt ein „altersgemäßes Programm“, sagt er. Im Programm des Theaterhauses Stuttgart nennt es sich „Lesezirkus“: Weil er klassische Lesungen „oft relativ langweilig und dröge“ finde, wird er bei der Premiere am 21. März nach jeweils „eineinhalb bis zwei Minuten Text“ einen Song aus der entsprechenden Zeit singen, frei nach dem Motto „Lebe deinen Traum“.

„Um ganz ehrlich zu sein, bin ich froh, dass ich meine Träume nicht leben muss“, schreibt Roland Baisch, „meine Träume sind nicht immer schön.“

Das Buch kommt auf die Bühne

Musiker
Roland Baisch, Jahrgang 1954, hat das Scherbentheater und die Shy Guys gegründet, er singt Countrysongs und Jazziges, und er macht gemeinsam mit Michael Gaedt und Otto Kuhnle Comedy.

Termin
Am 21. März präsentieren Roland Baisch und seine Gäste im Theaterhaus einen „großen Lesezirkus zur Buchveröffentlichung“. Mit dabei sind unter anderem der Entertainer Otto Kuhnle und der Gitarrist Frank Wekenmann.