Tageweise Sonderseiten zum Kennedy-Attentat: Die Ermordung des US-Präsidenten hat auch in Deutschland große Betroffenheit ausgelöst. Foto: Archiv Kreiszeitung Böblinger Bote

Zeitreise-Serie: 1962 steht die Menschheit am Rande eines Atomkriegs. 1963 schockt ein Attentat die Welt. Beide Ereignisse sind mit einem Namen verbunden: John F. Kennedy – JFK.

Geschichte wiederholt sich, heißt es. Vergleicht man die Nachrichtenlage der Jahre 1962 und 1963 mit den Ereignissen der jüngeren Vergangenheit, gibt es tatsächlich einige Parallelen – wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen und mit ganz anderen Akteuren. Während der Kubakrise stand die Welt am Rande eines Atomkriegs. 60 Jahre später bricht der Ukrainekrieg aus, in Russland droht Wladimir Putin immer wieder damit, Atombomben einzusetzen, in den USA sitzt ein unberechenbarer Präsident Donald Trump im Weißen Haus, der zuletzt wieder Atomwaffentest ankündigte.

 

1963 wird US-Präsident John F. Kennedy erschossen. Die Welt ist vereint in Schock und Trauer. Sechs Jahrzehnte sind politisch motivierte Gewalttaten fast schon trauriger Nachrichtenalltag. Keine Seite ist dabei ausgenommen. Im Wahlkampf 2024 fallen Schüsse auf Donald Trump, im Sommer 2025 werden in Minnesota eine demokratische Politikerin und ihr Ehemann erschossen, im Herbst wird der rechtsextreme Aktivist Charlie Kirk Opfer eines Attentats. In Deutschland wird 2019 Walter Lübbe, der Leiter des Kasseler Regierungspräsidiums, durch einen gezielten Kopfschuss getötet. In einer zunehmend polarisierten Welt wird die Liste von Angriffen auf politisch engagierte Menschen immer länger.

Angst vor einem Atomkrieg? Im Lokalteil geht es Ende Oktober 1962 um andere Themen – wie etwa die Eröffnung der Stadthalle Sindelfingen. Foto: Archiv Kreiszeitung Böblinger Bote

Wer aus der Geschichte nicht lernt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen, heißt es auch. Deshalb lohnt sich an dieser Stelle ein Blick in die Zeitungsausgabe vom 30. Oktober 1962 und den Tagen nach dem 22. November 1963. Beide Ereignisse sind mit einem Namen verbunden: John F. Kennedy – JFK.

Im Oktober 1962 wird die Angst vor einem Atomkrieg plötzlich sehr real

Zunächst die Vorgeschichte: Im Oktober 1962 wurde die Angst vor einem Atomkrieg plötzlich sehr real. Ausgelöst wurde die Krise, als am 14. Oktober 1962 amerikanische U-2-Aufklärungsflugzeuge Aufnahmen von Abschussrampen für sowjetische Raketen vom Typ SS-4 und SS-5 auf Kuba machten. Diese Raketen hätten amerikanische Städte mit Atomsprengköpfen treffen können. Der „junge Präsident“ Kennedy, wie er in den Zeitungen genannt wurde, verhängte am 17. Oktober eine Seeblockade um Kuba, um weitere sowjetische Waffenlieferungen zu verhindern.

Am 27. Oktober, dem sogenannten „Schwarzen Samstag“, wurde eine amerikanische U-2-Aufklärungsmaschine über Kuba abgeschossen. Der Pilot Major Rudolf Anderson Jr. starb bei dem Abschuss. Die Spannungen nahmen dadurch extrem zu. Es kam zu mehreren gefährlichen Zwischenfälle, die beinahe zu einer Eskalation geführt hätten.

Erschütternde Nachricht: So berichtete der Böblinger Bote über das Kennedy- Attentat. Foto: Archiv Kreiszeitung Böblinger Bote

Nach tagelangen geheimen Verhandlungen zog Ministerpräsident Nikita Chruschtschow schließlich die sowjetischen Raketen von Kuba ab. Die USA versprachen, Kuba nicht anzugreifen und zogen heimlich ihre eigenen Jupiter-Raketen aus der Türkei ab. Nach der Krise wurde eine direkte Fernschreibverbindung zwischen Washington und Moskau eingerichtet, der sogenannte „heiße Draht“.

Am Montag, 29. Oktober, beherrschte dieses Thema die Schlagzeilen der Kreiszeitung. „Chruschtschow hat eingelenkt“ lautete damals die Schlagzeile, „Die Welt atmet erleichtert auf“, stand darunter in einem Artikel, der die internationalen Stimmen zur friedlichen Beendigung der Krise wiedergab.

Davon, dass die Welt wohl gerade noch einmal einer Katastrophe entgangen war, ist im Lokalteil dieser Ausgabe übrigens nichts zu sehen. Tragende Geschichte ist hier die „festlich-glanzvolle Einweihung“ der Stadthalle Sindelfingen, die man für 9,2 Millionen D-Mark und in einer Bauzeit von 29 Monaten im Schnödeneck aus dem Boden gestampft hatte. „Hier hat die Kultur große Chancen“ titelte damals der Böblinger Bote. Ein Seite weiter geht es um eine kleine Landhaussiedlung im „romantischen Wacholderheidegebiet Kirschhalde“, mit der Aidlingen laut Bericht einen Personenkreis interessieren wollte, „der zu Stärkung der Finanz- und Wirtschaftskraft beitragen kann.“

Die Welt atmet auf: Die Kubakrise ist beendet. Foto: Archiv Kreiszeitung Böblinger Bote

Gut ein Jahr später, am 23. November 1963, interessiert sich wohl kaum jemand dafür, was im Lokalteil steht – weder für die Eröffnung des Sindelfinger Postamts, noch für den Gerichtsbericht über einen „plumpen Einbrecher“, der aus „der Ostzone“ stammte und als notorischer Wiederholungstäter für den Diebstahl einer Sprudelflasche zu zwei Jahren und drei Monaten „Zuchthaus“ verurteilt wurde. Nein, das beherrschende Thema an diesem und den folgenden Tagen ist die Ermordung von US-Präsident John F. Kennedy am Freitag, 22. November, 1963 in Dallas.

„Präsident Kennedy Opfer eines Attentats“ lautete am Tag danach die Schlagzeile, „Die Welt trauert mit den USA um Kennedy“, stand dann am Montag, 25. November, auf der Titelseite. Man sieht diesen Zeitungsangaben deutlich an, wie sich die Nachrichten damals förmlich überschlagen hatten: Der mutmaßliche Attentäter Lee Harvey Oswald wird kurz nach seiner Verhaftung von Jack Ruby erschossen, der vormalige Vizepräsident Lyndon B. Johnson leitet seine erste Kabinettsitzung und aus Deutschland reisen Bundespräsident Heinrich Lübke und Bundeskanzler Ludwig Erhard in die USA, um dem toten Präsidenten die letzte Ehre zu erweisen.

Der Tod des Präsidenten vereint die Welt für kurze Zeit in Trauer

Auf zahlreichen Sonderseiten berichtete der Böblinger Bote in den Tagen nach dem Attentat über Kennedy, seinen Weg ins Weiße Haus, seine Witwe und die zu Halbwaisen gewordenen Kinder, über Schweigemärsche von Trauernden in Westberlin – und von Kerzen, die auch in Fenstern jenseits der Mauer angezündet wurden. Der Tod des Präsidenten hat die Welt erschüttert, er hat die Menschen aber auch innehalten lassen und sie – wenn auch nur für kurze Zeit – in Trauer vereint.

Geschichte wiederholt sich, aber sie verläuft nicht gleich. Es sagt wohl viel über unsere heutige Zeit aus, dass politische Morde und Attentate die Welt schon lange nicht mehr innehalten lassen – und noch viel weniger dazu beitragen, sie zu einen.

Serie: Zeitreise

Anlass
ist die erste Zeitung in Böblingen im Jahr 1825 – vor exakt 200 Jahren.

Meilensteine
der Weltgeschichte fanden auch in unserer Zeitung Niederschlag: Die Erfindung des Automobils etwa oder der Untergang der Titanic.

In mühevoller Arbeit
ist unsere Redaktion in Archive hinabgestiegen, hat alte Quellen gesichtet und Archivare befragt, um die größten Geschichten aus 200 Jahren Zeitung in Erinnerung zu rufen. jps