Wer auf makabre Assoziationen steht, der steigt direkt im Hotel Guantánamo ab. Foto: Cyris

Fernab der US-Militärbasis ist die kubanische Provinz Guantánamo ein beliebtes Reiseziel.

Guantánamo - Der kahl rasierte Schädel flößt Respekt ein. Die bullige Statur nicht minder. Unterarme mit dem Durchmesser einer dicken Thermoskanne. Damit rudert Hermes impulsiv in der Gegend herum. Stoisch trichtert er Anweisungen ein. Kein Typ, dem man Wider­rede leistet. Mit finsterer Miene fixiert er die ihm Zugeteilten.

Die spärlich bekleideten Gestalten sind barfuß und verschwitzt. Manche schnaufen tief durch. Eine kleine Atempause wäre angebracht. Doch Hermes kennt kein Pardon, wie ein kleiner Feldwebel auf dem Kasernenhof. Dann verfolgt er mit Argusaugen wieder jeden einzelnen Schritt der Gruppe. Es sind Gefangene – gefangen in ihrer Kopflastigkeit und Hüftsteifheit. Die tritt bei den meisten westlichen Touristen gnadenlos zutage, sobald in Kuba Rhythmusgefühl und geschmeidige Lenden gefragt sind. Beim Salsa-Tanzen ist der Verstand so hinderlich wie eine Fußfessel. Erst recht, wenn Hermes das Regiment führt. Der Tanzlehrer hat drei kanadische Pärchen in der Mangel. Nach einem Strandbesuch am idyllischen Playa Maguana im äußersten Osten von Kuba haben sich die Urlauber spontan entschlossen, Salsa zu lernen. Jeden Abend unterrichtet Hermes in der Casa de cultura in Baracoa, einer sympathischen Kleinstadt in der Provinz Guantánamo. Touristen lassen sich von ihm die Schritte zeigen. Hermes kann dabei fast so streng wirken wie ein Drill-Instructor der US-Armee.

Extreme Gefühle im Überschwang

Doch sobald eine Lektion sitzt, hellt sich seine Miene auf und er strahlt übers ganze Gesicht. „Muy bien!“ (sehr gut), bricht es überschäumend aus ihm heraus. Es scheint fast, als würde er vor Freude jeden Einzelnen umarmen wollen. Extreme Gefühle im Überschwang, spontan ausgelebt – die östlichste Provinz Kubas unterscheidet sich dahin­gehend kaum vom Rest des Landes.
Wohl aber ihr Ruf. Guantánamo? Das klingt nach Ungemach. Nach echter Folter. Nach US-Militärbasis. Wer will in solch einer Gegend seinen Urlaub verbringen? Bislang im Großen und Ganzen nur Individual- und Rucksacktouristen. Für sie stellt die nicht unbeschwerliche Anreise über löchrige Straßen eher ein Abenteuer dar als ein Hindernis. Dabei ist die Provinz Guantánamo die landschaftlich abwechslungsreichste in Kuba: malerische Bergzüge, wilde Schluchten mit glasklaren Flüssen und Wasserfällen, üppige Flora und Fauna, einsame Traumstrände. Die Region hat mit der berüchtigten Militärbasis nur den Namen gemein.

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