Sie fahren und fahren und fahren: Die Oldtimer in der Altstadt von Havanna. Foto: Bildagentur Huber

Eine Inseltour mit Polizei-Darstellern, träumenden Kindern, alten Autos und süßen Zigarren.

Havanna - Spanien linkt Kuba. Anders ist der Blick der Iberia-Mitarbeiterin nicht zu deuten, die fragt: „Sie haben geglaubt, dass Sie den Anschluss bekommen?“ Ja, hatten wir - steht als Versprechen auch auf den Tickets, Senora. Wenn der Flieger nach Madrid um 12 Uhr von Berlin abhebt, sollte der Anschluss 18 Uhr zum Abflug nach Havanna klappen, si? Adios Amigos, wir verlassen Tegel um 14.30 Uhr und vertrödeln 24 Stunden in Madrid auf Iberia-Kosten, weil wir den Flieger nach Havanna um 15 Minuten verpassen.

Kein Grund für Verdruss. Wir wollten Kuba in sechs Tagen bereisen, was kaum zu schaffen ist, dann versuchen wir es eben in fünf. Längst haben wir uns mit Rita bekannt gemacht, einer mitreisenden Russin aus Leipzig, die so anhänglich und beiläufig neugierig ist, dass wir sie für eine KGB-Agentin halten, die sich auf Kuba erholen darf, aber noch nicht so spitze(l) ist, dass der Anschlussflieger auf sie warten würde.

Gerne nehmen wir Rita mit auf einen Madrider Stadtrundgang, wie ihn mein Reisebegleiter am liebsten mag: schnellen Schrittes, mit dem Stadtführer in der Hand, von A über B und C nach D - alles Wichtige gesehen und einiges für originell befunden: Wir hängen Rita in einer Tiefgarage ab, in der sich eine Ausgrabungsstätte befinden soll. Sie hält das für erfunden und geht ins Café; wir stehen bald staunend auf Parkebene zwei vor antiken Säulen hinter Glas.

Noch gibt es das Spitzelsystem, das in dem Ruf steht, reibungslos zu funktionieren

Viel Schlaf auf dem Flug nach Havanna. Träumen wir, oder schleicht da kurz vor der Landung tatsächlich eine Stewardess mit Desinfektionsspray durch den Gang und sprüht alle drei Meter verschämt auf Knöchelhöhe in die Passagierreihen? Es ist Vorschrift: Kuba desinfiziert Immigranten. Womit, bleibt ein Geheimnis, bestenfalls ist diese Aktion ein Bluff. Besuchen wir Kuba, solange es noch sozialistisch rein ist: Noch gibt es zwei Währungen - eine für die Kubaner und eine für Touristen zum mehrfachen Wert der ein­heimischen Valuta und zum wiederholten Übers-Ohr-Hauen. Noch gibt es diese Monumente der Che- und Cas­tro-Huldigung auf den Hügeln Santa Claras und die immer wiederkehrenden politischen Losungen, die die Revolution und jeden ihrer gefeierten 53 Jahrestage beschwören. Noch gibt es das Spitzelsystem, das in dem Ruf steht, reibungslos zu funktionieren. Noch gibt es diese Armut, die sich eingegraben hat ins Leben der Kubaner, in Fassaden und Straßen - so viel Rum und Zigarren kann niemand konsumieren, um sich den Blick dafür zu vernebeln.

Schön alt sind wirklich nur die Old­timer, die sich dank der Reparaturen gewiefter Steuermänner über jede Zeit gerettet haben. Und noch gibt es diesen Mut und diese Zuversicht der Menschen, dass sich an all dem doch bald etwas ändert. Als müsse die Revolution vollendet werden- das Werk Che Guevaras und Fidel Castros. Sozialistisch verbrämte Massenarmut stand nicht auf deren Agenda. Revolutionär wäre für die meisten Kubaner schon, wenn sie nicht täglich Stunden auf Busse warten müssten, die dann überfüllt vorbeifahren. Oder wenn tatsächlich mehr kleine Friseur- oder Schneidereibetriebe gestattet werden würden. So viel Hoffnung, so viele junge Leute, die nicht länger politisch hingehalten werden sollten.

Der Mann im vermeintlichen Behörden-Look ist Laien-Polizist

Kuba in fünf Tagen. Davon zwei Tage Havanna zu Fuß und mit geführtem Sightseeing. Melancholie, Stolz, Scham - die Menschen zeigen viele Facetten und wollen doch von Fremden vor allem eins: Devisen. Und dafür tun sie vieles: Während wir auf einer dieser tief ausgewaschenen Autobahnen, auf denen noch jedes Auto so gondelt wie ein Oldtimer, von Havanna westlich nach Vinales preschen, winkt uns ein Mann in hellem Hemd und dunkler Hose entgegen. Er steht (mitten!) auf der linken Spur und winkt - mit einem Block. Er winkt heftig. „Gib Gas“, sagt mein Wegbegleiter auf dem Beifahrersitz und nickt meine Verblüffung weg. „Du meinst, ich soll . . . ?“ - „Nicht anhalten, ja.“ Er hat recht. Der Mann im vermeintlichen Behörden-Look ist Laien-Polizist, der jeden Mietwagen anhält, um brave Touristen abzukassieren. Die Masche: Man wäre angeblich zu schnell gefahren und soll die Strafe sofort in bar bezahlen. Nicht mit uns. Die nächsten Polizisten-Darsteller warnen wir per Lichthupe, dass wir sie durchschaut haben und sie sich mit dieser linken Nummer nicht auch noch in Gefahr bringen sollten.

Um an Geld zu kommen, verkaufen die Kubaner Käse, Honig und Obst an der Autobahn und nehmen dankbar jedes T-Shirt, das wir nicht mehr brauchen, um es dann weiterzuverkaufen. In den Touristenzentren Santa Clara, Cienfuegos und Trinidad improvisieren die Menschen ihr unfreies Leben, lotsen Touristen in private Unterkünfte und Küchen, bekochen sie oder bieten in Bars verwässerten Rum und überteuerte Kekse feil. Während in Sozial­küchen die Ärmsten der Armen versorgt werden.

Auf unseren Routen nehmen wir Anhalter mit, wo es unbeobachtet geht (es ist von den Behörden untersagt), und hören Geschichten von Schulkindern, die auf Englisch von ihren Traumberufen und Familien erzählen und sich Brieffreundschaften wünschen; oder von Vätern, die von der Werkschicht kommen, einen großen Schluck Rum nehmen und keine Vorstellung davon haben, was sie ihren Kindern noch werden bieten können.

Doch diese Realität sollten Touristen nicht kennenlernen. Stattdessen Strände, Rum und Zigarren. Mit Kuba ist es wie mit der ersten Zigarre dort: Das äußere Blatt hat der Tabakbauer mit Honig fixiert, auf dass es die Rolle zusammenhält. Bis zur Hälfte schmeckt die Zigarre betörend. Doch wenn das süße Aroma verpufft, bleibt ein bitteres Ende. Daran gewöhnt sich gewiss auch kein Kubaner.

Infos zu Kuba

Anreise
Direktflug ab Frankfurt mit Condor, www.condor.com­. Mit Zwischenstopp in Madrid oder Barcelona mit Iberia, www.iberia.com/de; mit Zwischenstopps in London und Madrid mit British Airways, www.britishairways.com.

Unterkunft
Park View Havanna, www.hotelparkview-cuba.com, ca. 50 Euro pro Nacht im DZ;

Hotel Nacional, www.hotelnational-cuba.com, 70-300 Euro pro Nacht im DZ. Private Unterkünfte (bei staatlich ausgesuchten Gastgebern) unter www.mycasaparticular.com, www.cubaguide.de.

Allgemeines
Einreisebestimmungen beachten! Visum rechtzeitig beantragen, ebenso eine gesonderte Krankenversicherung abschließen (auf Spanisch/bieten Kassen an). Ein inter­nationaler Führerschein ist für einen Mietwagen notwendig.

Reisezeit
Die optimale Jahreszeit hängt vom persönlichen Befinden ab. Im Sommer steigt die Luftfeuchtigkeit an, verträglich ist Oktober bis April: trocken, mild, nachts etwas kühler als tagsüber.

Was Sie tun und lassen sollten
Auf jeden Fall sollten Sie Museen ansteuern (zur Abkühlung) und zum besseren Verständnis von Nationalstolz und Isolations-Historie. Spuren des Widerstands gegen die USA, des Embargos und der Kuba-Krise finden sich im Alltag in den spärlichen Auslagen von Lebensmittelgeschäften, die den Namen kaum verdienen, und in den Kultstädten der Revolutions­bewegung um Fidel Castro und Che Guevara.

Auf keinen Fall sollten Gesprächskontakte über das Touris­tische hinausgehen, um Einheimische nicht in Schwierigkeiten zu bringen (Spitzelsystem).

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