Oldtimer auf Havannas Straßen: Kubas Tourismusindustrie birgt ein riesiges Potenzial, das allerdings nur mit ausländischen Investoren ausgeschöpft werden kann. Foto: dpa

Nichts hat Kubas Revolutionsführer Fidel Castro mehr gefürchtet als eine Invasion der USA. Amerika, das war der Feind, der bitterböse Kapitalist. Doch bald werden die Erzfeinde in Scharen auf die Insel einfallen – und nichts wird mehr so sein wie bisher.

Havanna - Nichts hat Kubas Revolutionsführer Fidel Castro mehr gefürchtet als eine Invasion der USA. Die Erfahrung der gescheiterten Schweinebucht-Invasion 1961 prägte die ersten Jahrzehnte der kommunistischen Insel. Amerika, das war der Feind, der bitterböse Kapitalist. Doch bald werden die Erzfeinde in Scharen auf die Insel einfallen – und nichts wird mehr so sein wie bisher.

Die technologisch rückständige Insel ist stolz auf ihre gut ausgebildeten Akademiker. Auch deshalb könnte sie für potenzielle Investoren eine spannende Spielwiese sein. Die US-Handelskammer jedenfalls glaubt bereits an neue Märkte. Ab sofort gelten neue Reisebestimmungen für das bisher für Amerikaner verbotene Land. Auch der Handel zwischen den USA und Kuba soll erleichtert werden. Zwar gibt es immer noch ein generelles Reiseverbot, doch nun reicht die Angabe einfacher Gründe aus, um dieses zu umgehen. Für die Kubaner bedeutet das: Es werden in absehbarer Zeit Touristen-Heere kommen, US-Dollar mitbringen und die Preise in die Höhe treiben. Mehr noch: Kuba wird endlich technologischer. Mobiltelefone, Fernseher, Computer, Computerprogramme und Speichermedien dürfen ab sofort importiert werden.

Viele Kubaner zeigen sich hoffnungsvoll: Die Ankündigungen machten ihn zuversichtlich, sagt der kubanische Informatiker Carlos Alberto in Havanna der traditionell kubakritischen Tageszeitung „El Nuevo Herald“. Der 31-Jährige hofft auf eine „frische Kapitalspritze und wirtschaftlichen Aufschwung“ vor allem für kleinere Unternehmen. Das unabhängige Nachrichtenportal 14ymedio.com der regimekritischen Bloggerin Yoani Sanchez berichtet gar von einer Euphorie bei all jenen, die die Nachrichten von Mund zu Mund verbreiten.

Doch mit der Technologie werden Begehrlichkeiten geweckt, die sich der Durchschnittskubaner so bald nicht wird leisten können. Schon jetzt gibt es eine „Zwei-Klassen-Gesellschaft“ zwischen reichen Touristen vornehmlich aus Europa hier und den Kubanern dort. Diese Kluft wird wachsen. Dass die US-Amerikaner mit ihrem Kurswechsel auch handfeste politische Ziele verfolgen, gibt Finanzminister Jacob Lew offen zu. Die erfolglose Embargo-Politik wird durch eine Politik des Austausches und Handels ersetzt. US-Präsident Barack Obama erklärte jüngst bei seiner historischen Ankündigung, dass jeder US-Amerikaner, der nach Kuba reise, ein Botschafter des US-Systems sei. Allerdings gilt das auch umgekehrt: Die Art und Weise, wie die Amerikaner in Havanna und im Rest des Landes empfangen werden, wird entscheidend dafür sein, ob sich das Kuba-Bild in den USA ändern wird.

Kubas kommunistische Machthaber, die mit der Freilassung zahlreicher Dissidenten ihren Teil der Verpflichtungen der Gespräche erfüllten, wandeln auf schmalem Grat. „Wir werden unsere Ideale nicht verraten“, verspricht Staatspräsident Raul Castro und schickt sein politisches System in einen Wettkampf mit einem Gegner, der nicht zu bezwingen ist: den Dollar. Der wird nun deutlich intensiver auf die Insel strömen und das Preisgefüge und die Gesellschaft maßgeblich beeinflussen. Überweisungen an Verwandte in Kuba sollen nicht mehr bei 2000 Dollar, sondern erst bei 8000 Dollar jährlich gedeckelt werden. So werden die Verwandten im Ausland zu kleinen Mini-Investoren. Ob sich daraus eine Landschaft von Mikro-Unternehmen bilden kann, wird die Zukunft zeigen. Darin liegt eine große Chance für den Aufbau einer Landschaft von Kleinst- und mittelständigen Unternehmen, die Kuba bereits durch erste Reformen in den vergangenen Jahren angestoßen hat.

Gewinner werden unter anderem die Tabakfabriken sein, denn das absolute Importverbot für kubanische Zigarren ist in den USA ab sofort aufgehoben. Auch die Tourismusindustrie birgt ein riesiges Potenzial, das allerdings nur mit ausländischen Investoren ausgeschöpft werden kann. Die US-Fluglinien warten schon in den Startlöchern. United Airlines kündigte an, direkte Flüge von Houston und Newark (New Jersey) nach Kuba anzubieten. Vor allem in der Exil-Kubaner-Hochburg Miami rechnen Fluglinien und Reiseanbieter durch, wie groß das Geschäft bei Kurzstreckenflügen sein wird. Nur eine knappe halbe Flugstunde liegt zwischen den beiden Millionenstädten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Sie werden nun enger zusammenrücken. Was daraus wird, ist nicht abzusehen.

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