Stellt sich den Fragen der Stuttgarter Nachrichten: Ex-KKK-Chef und Neonazi-Aussteiger Achim Schmid. Foto: privat

Ein Untersuchungsausschuss setzt sich mit Rechtsextremismus im Land auseinander. Ein zentrales Thema: mögliche Verbindungen zwischen dem NSU und dem Ku-Klux-Klan und die Rolle von V-Leuten und Polizisten in der Gruppe. Ein Gespräch mit Ex-KKK-Chef .

Herr Schmid, Politiker werfen Ihnen vor, den Ku-Klux-Klan (KKK) im Auftrag des baden-württembergischen Verfassungsschutzes (LfV) aufgebaut zu haben, quasi um mit einem Honigtopf Neonazis anzulocken. War das Ihre Aufgabe als V-Mann des Geheimdienstes?
Es ist ganz einfach: Als ich in die International Knights eingetreten bin, war dieser bereits seit Jahren etabliert. Medien berichten, ich sei mit Gründung der European White Knights des KKK abgeschaltet worden. Die Antwort ist klar: Nein, der KKK war kein Honigtopf. Das LfV wusste weder von meiner Mitgliedschaft bei den International Knights noch von der Gründung des EWK im Jahre 2000.
Worin unterschieden sich der internationale KKK und der europäische KKK?
Da die deutsche rechte Szene das Christentum als Feindbild hat, war der IK KKK heidnisch, keltisch ausgerichtet, um besser Mitglieder gewinnen zu können. Nur ein Ritual wurde in sehr abgemilderter Form aus den USA übernommen, es war keine Agenda vorhanden. Da trafen sich Skinheads in Bettlaken – oftmals nur zum Saufen. Im EWK KKK wollten wir die Rituale authentischer halten. Die Gruppe sollte eine Agenda und damit einen Sinn haben. Dabei haben wir natürlich auch diskutiert, was man ­machen kann: Unterwanderung von Politik, Überwachung von Drogendealern. Gewalt haben wir abgelehnt.
Wer war außer Ihnen noch Mitglied im IK KKK?
Sie spielen darauf an, dass es dieselben Leute sowohl im IK KKK wie auch im EWK KKK gab. Das gilt für Steffen B. Wir waren damals sehr eng befreundet, ich habe ihn ­angeworben. Nach unserem Bruch mit den IK KKK diskutierten wir die Gründung der EWK KKK. Dann war da Thomas R., der V-Mann „Corelli“. Er war entweder schon Mitglied des IK KKK oder zumindest Aufnahmekandidat dort. Als wir den EWK KKK gründeten, hatte er die Wahl mitzukommen oder dazubleiben. Er kam mit.
Thomas Richter stritt in einer Vernehmung vehement ab, im IK KKK gewesen zu sein?
Wie gesagt, er war mindestens Anwärter. Ich wurde im Juni 1998 in Winnenden für den IK KKK geworben. Vor der Gründung des EWK habe ich mich etliche Male mit „Corelli“ ­getroffen. Allerdings war der nie ein ­Führungsmitglied oder gar meine „rechte Hand“.
Was hat Steffen B. im KKK gemacht?
Steffen B. war Sicherheitsoffizier. Sein Bruder ist Polizist. Ein anderer Polizist besuchte diesen einmal in einer Sport-Bar in Schwäbisch Hall, in der wir auch manchmal waren. So kam der erste Polizist als Mitglied zu uns. Das war aber keine gezielte Rekrutierung, das war Zufall. Mit dem ersten Polizisten kam dann der Stein ins Rollen.
Sie haben – vielleicht scherzhaft – erwogen, eine eigene Ortsgruppe für Polizisten im EWK KKK zu gründen. Wie groß war das Interesse von Ordnungshütern am Klan?
Das war kein Scherz. Selbst getroffen habe ich fünf bis sechs Polizisten, zwei wurden Mitglieder. Wir mussten uns Gedanken um deren Sicherheit machen. Also wollten wir die Polizisten etwas von den anderen Mitgliedern abschotten, ihre Identität also geheim halten. Insgesamt waren es zehn bis 20 Polizisten, die sich vom Hörensagen für den Klan interessierten. Die meisten von ihnen informierten sich allerdings bei den Polizisten, die schon Mitglied waren. Ich selbst ­habe nie mehr als die besagten fünf oder sechs getroffen.
Wie viele interessierte Polizisten kamen aus Baden-Württemberg?
Wenn ich mich richtig erinnere, alle.
Die beiden Klan-Polizisten Jörg W. und Timo H. behaupten, sie hätten nie gewusst, worum es im EWK KKK ging. Sie seien dort gewesen, um Frauen kennenzulernen. Wie glaubwürdig ist diese Aussage?
Das ist absurd. Es wurde ein eindeutiger ­Mitgliedschaftsantrag ausgefüllt und eine schriftliche Abhandlung gefordert; auch zu den Themen Rasse und Politik. Natürlich ist es hinterher immer leicht, sich herauszureden.
Sie haben sich seit 2002 aus der rechtsextremen Szene gelöst. Warum?
Mit Gründung des EWK habe ich begonnen, mich aus der Neonazi-Szene zu lösen, und alle Kontakte abgebrochen. Ich wollte auch von den Klan-Mitgliedern keine Kontakte hier dulden, was sich als schwierig gestaltete. Ich hatte mich in sehr intensiven Geschichts- und Bibelrecherchen vertieft, um einen „christlichen“ Ku-Klux-Klan in einem Land zu rechtfertigen, in dem die extreme Rechte das Christentum eigentlich zum Feindbild hat. Es mag absurd klingen. Wie kann ich denn nichtjüdische Mitglieder ablehnen und dann das Abzeichen tragen, welches das vergossene Blut Jesu Christi darstellt? Ich lernte immer mehr, dass diese Weltanschauung keine Grundlage hat und falsch ist. Hinzu kam, dass ich endlich normal in dieser Gesellschaft leben wollte. So ein Ausstieg geht nicht von heute auf morgen. Das ist ein längerer Prozess.
Was empfinden Sie, wenn Sie heute auf Ihre damalige Zeit als Neonazi zurückblicken?
Unverständnis. Nicht wie ich dort hineingeraten konnte. Sondern vor allem, wenn ich mein damaliges mit meinem heutigen Weltbild vergleiche. Das ist eine Facette meines Lebens, die mich heute erschreckt: Dieser Mensch bin nicht mehr ich. Heute sind viele Menschen aus anderen Ländern, Kulturen und Religionen Freunde oder Geschäftspartner. Ich sehe sie als das, was sie sind: Menschen! Und das fühlt sich gut und richtig an.
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