Zum Start der 3. Bundesliga treten die Turnerinnen der KSV Hoheneck in einem besonderen neuen Outfit an – ganz im Stil der deutschen Nationalmannschaft. Zur Premiere hat sich Ex-Bundestrainerin Ulla Koch angekündigt.
Bei den Turn-Europameisterschaften und bei den Olympischen Spielen im vergangenen Jahr sorgten die deutschen Athletinnen für viel Aufsehen, als sie nicht mehr in den klassischen Turnanzügen „Stil Badeanzug“ antraten, sondern in Ganzkörperanzügen. Ein Statement gegen die Sexualisierung des Sports und für mehr Wohlbefinden sollte es sein. „Wir machen oft Spagatsprünge oder haben am Barren die Beine weit auseinander. Wenn da der Anzug verrutscht, dann könnte schon einiges zu sehen sein“, begründete Sarah Voss diesen Schritt und fügte hinzu: „Wir hoffen, dass es Nachahmerinnen findet.“ Doch bislang blieben die deutschen Turnerinnen die Ausnahme. Das wird sich spätestens am 22. Mai ändern. Denn dann startet in der Hohenecker Kugelberghalle die 3. Bundesliga Süd in ihren ersten Wettkampf, und die Gastgeberinnen der KSV Hoheneck werden als erste deutsche Vereinsmannschaft in einer der drei Bundesligen mit Ganzkörperanzügen antreten – oder vielleicht doch nicht ganz als erste, aber dazu später mehr.
Begonnen hat dieser Prozess bei der KSV im Oktober vergangenen Jahres. Damals berichteten wir im Vorfeld der Drittligasaison über die Hohenecker Mannschaft – und auch darüber, dass die Ganzkörperanzüge zwar ein Thema waren, aber vor allem noch zu teuer. „Mindestens 200 Euro hinzublättern, um dann womöglich festzustellen, dass man nicht damit klar kommt, das war uns doch zu heikel“, erklärt Trainerin Uta Ziegler. Einig waren sich die Turnerinnen in einem Kritikpunkt: Im Frauenturnen muss die komplette Mannschaft die gleichen, einteiligen Anzüge tragen. Die Männer können je nach Gerät zwischen langer und kurzer Hose wählen.
Zuspruch und Unterstützung von der Ex-Bundestrainerin
Doch der langbeinige Anzug blieb in Hoheneck weiterhin Thema. Und für Uta Ziegler stand nach der erfolgreichen Premierensaison ihrer Mannschaft in der 3. Bundesliga, die sie in den gewohnten, kurzen Anzügen bestritt, fest: „Wir wollen die erste Bundesliga-Mannschaft sein, die mit Ganzkörperanzügen antritt.“ Bestärkt wurde sie darin von Ulla Koch, der ehemaligen Bundestrainerin, unter deren „Regie“ die DTB-Turnerinnen die „Anzug-Revolution“ im Turnen angestoßen hatten. Sie war über die sozialen Medien auf den Artikel in der Marbacher Zeitung aufmerksam geworden und meldete sich bei Ziegler. Koch stellte den Kontakt zu Schneiderin Stefanie Kusemann, die auch die Anzüge für die deutsche Nationalmannschaft näht, her und gab Tipps zur Umsetzung. Und als sie nun erfahren hat, dass das Projekt in die Tat umgesetzt wurde und die KSV-Mannschaft am 22. Mai erstmals in den neuen Anzügen auftritt, sagte sie für diesen Wettkampf ihr Kommen zu.
Dass ausgerechnet die KSV Hoheneck als erstes Vereinsteam Ganzkörperanzüge angeschafft hat, das hat nicht zuletzt mit der Altersstruktur der Mannschaft zu tun. Ein Großteil der Turnerinnen ist über 20 Jahre alt. Das ist im Turnen schon ziemlich alt, und auch die deutsche Nationalmannschaft gilt als die älteste weltweit. „Je älter die Turnerinnen sind, desto eher machen sie sich über solche Dinge auch Gedanken. Und vor allem machen sie eher den Mund auf als 13- oder 14-jährige Mädchen“, weiß Uta Ziegler, die immer wieder den Kopf schüttelt, wenn sie auf Wettkämpfen sieht, wie Anzüge verrutschen „und der halbe Po rausschaut. Das kann doch niemand wollen!“ Dazu muss man wissen: Zupft eine Turnerin zum Beispiel während der Bodenübung ihren Anzug zurecht, gibt dies sofort Punktabzüge.
Keine halben Sachen: Alle KSV-Teams bekommen die Anzüge
Diese Probleme hat zumindest ihre Mannschaft künftig nicht mehr. Allerdings war das Ganze ein nicht ganz billiges Unterfangen. Denn Uta Ziegler wollte keine halben Sachen machen und deshalb gleich alleKSV-Teams mit den neuen Anzügen ausstatten. „Und auch die Abteilungsleitung hat da sofort mitgezogen.“ Auf rund 8000 Euro beziffert sie die Kosten. An der Finanzierung arbeitet sie noch. „Einige Zusagen haben wir bereits“, erklärt die Trainerin. So schießt zum Beispiel die Stadt Ludwigsburg 500 Euro dazu. Dafür prangt das bekannte, geschwungene „L“ aus dem Stadtlogo in Strasssteinen auf dem linken Arm der Anzüge. Und am rechten Bein befindet sich der Schriftzug der Firma Elektro Lillich. „Wenn die nicht im November spontan 1500 Euro zugesagt hätte, dann wären wir das Projekt gar nicht angegangen“, sagt Ziegler. Über eine Crowdfunding-Aktion soll nun der Rest des Geldes zusammenkommen.
Trotz des enormen Aufwands ist es Uta Ziegler „ehrlich gesagt völlig unverständlich, dass wir offenbar die einzigen sind, die bislang auf diesen Zug aufgesprungen sind.“ Zumindest hat Stefanie Kusemann bislang – abgesehen von der Nationalmannschaft – ausschließlich für die KSV Hoheneck solche Anzüge angefertigt. „Und von den großen Herstellern gibt es bislang kaum Ganzkörperanzüge“, weiß Ziegler. Allerdings könnte der KSV Hoheneck quasi auf der Zielgeraden noch eine andere Mannschaft zuvorkommen: Der Deutsche Serienmeister MTV Stuttgart erwägt, beim Start der 1. Bundesliga am 21. Mai – also einen Tag vor dem Auftakt der 3. Bundesliga – in langbeinigen Anzügen zu turnen. „Das wird gerade noch diskutiert. Die älteren Turnerinnen sind dafür, die jüngeren möchten lieber in den gewohnten kurzen Anzügen turnen“, erklärt Teammanager Alexander Otto. Gegebenenfalls würde man Schneiderin Stefanie Kusemann einen Eilauftrag erteilen. „Es kann sein, dass die Entscheidung erst einen Tag vor dem Wettkampf fällt“, so Otto. Für die KSV Hoheneck eine Hiobsbotschaft. „Wir haben da einen Riesenberg bewältigt, und die schütteln das Geld mal eben aus dem Ärmel, wenn es sein muss“, so Uta Zieglers Kommentar. „Aber egal, wer am Ende als Erster darin turnt: Wir waren der erste Verein, der solche Anzüge hatte“, sagt sie selbstbewusst.
Rekordmeisterin Elisabeth Seitz ich „sehr stolz“.
Elisabeth Seitz, Deutsche Rekordmeisterin und eine derjenigen, die als erste bei Wettkämpfen „in lang“ geturnt haben, wäre quasi mit schuld daran, wenn der MTV der KSV zuvorkommen würde. Denn sie ist auch beim Deutschen Meister gemeldet und hat teamintern natürlich „für lang“ gestimmt. Doch wie auch immer es kommt, mit Blick auf die KSV Hoheneck ist sie „sehr stolz, dass sich da offensichtlich ein ganzes Team so entschieden hat! Und es zeigt mir, dass wir alles richtig gemacht haben. Es freut mich, dass wir gezeigt haben, dass man die Wahl haben kann.“ Dass es bis jetzt gedauert hat, ehe es Nachahmer gibt, enttäuscht die 28-Jährige keineswegs: „Wir haben das vergangenes Jahr erst gezeigt. Viele Teams haben ja ihre Anzüge. Da ist es klar, dass man nicht so schnell wechselt. Das ist ja nicht zuletzt auch ein Kostenfaktor. Und auch für die Hersteller ist das ja Neuland. Daher war es klar, dass da nicht von heute auf morgen alle mit ankommen. Das braucht Zeit, aber die Message ist angekommen.“ Nach und nach werde es kommen, glaubt Seitz – auch international. „Nach unseren ersten Auftritten waren die Reaktionen sehr positiv und vor allem interessiert. Es gab zum Beispiel viele Fragen, wie es sich anfühlt, in lang zu turnen.“ Dabei sei die Umgewöhnung gar nicht so schwer, wie viele im ersten Moment meinten: „Die wenigsten Turnerinnen trainieren doch im Anzug. Die meisten haben eine kurze Hose oder Leggings drüber. Und wenn ich im Training Leggings trage, dann ist das auch nicht anders als ein langbeiniger Anzug im Wettkampf“, sagt Elisabeth Seitz.
Positiv steht man übrigens auch beim Schwäbischen Turnerbund dem Thema Ganzkörperanzüge gegenüber: „Der Sport und auch das Turnen in seiner Vielfalt sollen Orte sein, an denen sich Athletinnen jederzeit in ihrer Bekleidung wohlfühlen. Wir befürworten diese Entwicklung ausdrücklich und hoffen, dass sich diese fortsetzt. Denn über allem steht das Wohlbefinden beim Ausüben seiner Sportart. Egal auf welchem sportlichen Niveau“, sagt Verbandspräsident Markus Frank. Die KSV Hoheneck wird auf jeden Fall zu den Vorreitern dieser Entwicklung gehören. Da ist es letztlich egal, ob der MTV Stuttgart ihr mit dem ersten Bundesligaauftritt einen Tag zuvorkommt oder nicht. „Na klar wäre es schön, wenn wir als erste Mannschaft Deutschlands in lang turnen würden. Aber am Ende geht es um die Sache an sich und nicht um ein Wettrennen“ sagt Uta Ziegler.