Sieben Jahre lang hat Krystal Rivers trotz ihrer unfassbaren Krankenakte nicht nur Allianz MTV Stuttgart geprägt, sondern auch die Bundesliga. Am Ende dieser Saison wird die US-Amerikanerin aufhören – und eine große Lücke hinterlassen.
Das Team von Allianz MTV Stuttgart steht vor dem größten Umbruch, den es je gab, und das liegt nicht an der Zahl der Abgänge. Sondern am Verlust von Persönlichkeit und Klasse. Wenn Trainer und Kaderplaner Konstantin Bitter auf das Thema angesprochen wird, pflegt er zu sagen: „Jede Spielerin ist ersetzbar.“ Doch zugleich ist ihm bewusst, dass dies nicht stimmt – zumindest im Fall von Krystal Rivers.
Die Diagonalangreiferin kam 2018 nach Stuttgart, und die US-Amerikanerin prägte nicht nur hier eine Ära. „Es ist beeindruckend, was sie dem Volleyball in Deutschland gegeben hat“, sagt Konstantin Bitter, „ich weiß nicht, ob die Bundesliga jemals so eine Spielerin gesehen hat.“
Die lange Krankenakte von Krystal Rivers
Ähnlich äußern sich alle Wegbegleiter von Krystal Rivers, egal ob im oder außerhalb des Vereins. In Gesprächen über sie sind immer wieder dieselben Worte zu hören. Vorbild. Kämpferin. Persönlichkeit. Inspiration. Respekt. „Alles lief gegen sie“, sagt auch Oliver Muensterer, „ihre Lebensleistung flößt einem große Ehrfurcht ein.“
Muensterer ist Kinderchirurg aus München, er hat Krystal Rivers schon als Jugendliche in Birmingham/Alabama behandelt, kennt ihre Krankenakte wie kaum ein anderer Arzt. Am 23. Mai 1994 kam sie mit dem Tethered-Spinal-Cord-Syndrom und schweren Fehlbildungen zur Welt. Ihre Wirbelsäule war steif und verkürzt, die Bauchdecke offen, die Blase viel zu klein, viele Knochen waren deformiert. Nieren und Magen lagen außerhalb des Körpers, funktionierten nicht richtig. Es folgten schwierige Eingriffe, mit einem Jahr mussten ihr beide Hüftgelenke gebrochen werden. Im Teeniealter hatte Krystal Rivers bereits 20 Operationen hinter sich und von den Ärzten die Prognose erhalten, dass sie niemals würde laufen können.
Kim Renkema: „Ein absolut außergewöhnlicher Mensch“
Doch sie kämpfte sich durch, überstand im Jahr 2014 auch noch eine schwere Krebserkrankung. Anschließend litt sie unter heftigen Panikattacken und häufigen Infektionen. Dazu kam zuletzt noch eine Fistel – ein tiefgehendes Geschwür – im Bauchbereich, die im Mai 2024 in einer achtstündigen Operation entfernt wurde. „Ihre Geschichte ist unglaublich“, sagt Kim Renkema, die frühere MTV-Sportdirektorin, „sie ist ein absolut außergewöhnlicher Mensch.“
Denn trotz aller Widrigkeiten hat Krystal Rivers nie gehadert, geklagt oder gejammert. Sondern immer gekämpft und ihre positive Einstellung nie verloren. Im Leben. Aber natürlich auch im Sport. „Die Umstände machen ihre Karriere zu einer einzigen großen Herausforderung“, erklärt Konstantin Bitter, „und trotzdem geht sie immer mit Leistung voran. Wenn sie top spielt, ist sie auf einem Niveau mit den drei, vier stärksten Diagonalangreiferinnen der Welt.“ Was sie bei Allianz MTV Stuttgart oft genug gezeigt hat.
Krystal Rivers hinterlässt ein „schönes Erbe“
Als Krystal Rivers kam, war der Verein dreimaliger Pokalsieger. Nun, vier Meisterschaften und ein Triple später, ist Allianz MTV Stuttgart die Nummer eins in Deutschland und Dauergast in der K.-o.-Runde der Champions League. „Bei meinem Wechsel nach Stuttgart hatten wir alle gemeinsam hohe Ziele“, sagt Krystal Rivers, „wir haben sie erreicht.“ Nur ein letztes bleibt noch.
Die US-Amerikanerin würde ihre finale Saison in Stuttgart gerne so beenden wie ihre erste: mit dem Gewinn der Meisterschaft. „Ich bin stolz auf das, was wir hier erreicht haben“, sagt sie und spricht dabei auch für ihre langjährigen Teamkolleginnen Roosa Koskelo und Maria Segura Palleres, „der Club wurde in unserer Zeit größer und größer. Wir hinterlassen ein schönes Erbe.“
Auch die Trennung von Kim Renkema war ein Grund fürs Aufhören
Alle drei werden aufhören, wofür es bei Krystal Rivers unterschiedliche Gründe gibt. Ihre Gesundheit, die körperlichen Belastungen, die Regeneration, die immer länger dauert, und das Gefühl, dass es einfach Zeit ist für eine Veränderung. Aber auch die unschöne Trennung von Sportdirektorin Kim Renkema. „Wir haben eine besondere, von großer Offenheit geprägte Beziehung. Wir sind zwei ambitionierte Frauen, die stets sehr ehrlich miteinander umgehen und alles besprechen können, auch nicht sportliche Dinge“, sagt Krystal Rivers, „wenn sie noch hier wäre, hätte ich womöglich weitergespielt.“ Nun kommt es anders.
Die Diagonalangreiferin geht – und wird doch bleiben. Zumindest in Stuttgart. Krystal Rivers hat hier ihre neue Heimat gefunden. Die US-Amerikanerin, die Biologie und Spanisch studierte, aber auch einen Master-Abschluss in Management hat, wird ab Sommer bei einem Sponsor des Vereins im Bereich Marketing arbeiten. „Dieser Job passt zu mir“, meint Rivers, die zudem fest vorhat, vollends die deutsche Sprache zu erlernen. Die Verbindung zu Allianz MTV Stuttgart, da ist sie sicher, wird nie abreißen. Sie plant, auch nächste Saison bei Spielen in der Scharrena zu sein – „aber“, sagt sie mit einem Lachen, „sicher nicht mehr bei jedem“.
Wenn sie auf der Tribüne sitzt, wird sie aufmerksam beobachten, wie sich das neue MTV-Team schlägt. Wobei eines jetzt schon feststeht – Krystal Rivers, die Unersetzbare, wird fehlen. Oder um es in den Worten von Kim Renkema zu sagen: „Es wäre unfair, ihre Nachfolgerinnen mit ihr zu vergleichen.“