In der Wilhelma leben Leistenkrokodile, die größten Tiere ihrer Art weltweit. Frederick führt innerhalb Deutschlands mit 4,5 Meter Länge. Nun wurden Krokodile zum Zootier des Jahres 2021 gekürt.
Stuttgart - Aufgerissene Mäuler, riesige Zähne, lauernde Blicke aus halb geöffneten Augen und eine Gangart, die kaum jemand als geschmeidig bezeichnet: Krokodile können mit dem Image anderer Tiere nicht mithalten. Der Respekt, der ihnen entgegenschlägt, entspringt eher der Angst, weniger der Achtung. Das soll sich ändern. Die Zoologische Gesellschaft für Arten- und Populationsschutz hat das Krokodil zum Zootier des Jahres 2021 gekürt. Die Kampagne soll in erster Linie dem Artenschutz dienen und Projekte zum Erhalt der Kuba-, Siam- und Philippinenkrokodile befördern, aber vielleicht verschafft sie den Reptilien auch mehr Beachtung und gebührenden Respekt.
Die intelligenten Tiere lernen schnell
Thomas Kölpin weiß: „Die haben keinen Leumund wie Affen oder Erdmännchen, gerade deshalb sollte es gelingen, nun mehr Sympathie für Krokodile zu wecken.“ Er selbst ist absoluter Fan der Tiere. Während seiner Zeit bei Hagenbecks Tierpark in Hamburg war der Wilhelma-Chef Leiter des Tropenaquariums. Er hat Nilkrokodile trainiert und kommentierte Fütterungen veranstaltet.
„Die Tiere haben eine beeindruckende Intelligenz. Sie hören auf Kommandos, lernen schnell und können gezielt ein Werkzeug gebrauchen“, sagt Kölpin. Von Nil- und Floridakrokodilen wisse man, dass sie während der Brutzeit der Reiher Nistmaterial sammelten. „Das halten die aus dem Wasser raus. Kommt ein Reiher und will sich das Material schnappen, holt ihn das Krokodil.“ Außerdem mache sie ihre umsichtige und liebevolle Brutpflege so liebenswürdig.
Frederick, Tong und Billa reagieren auf Zuruf
Harry Aberle muss der Zoodirektor nicht missionieren. „Das Krokodil ist schon immer mein Tier gewesen“, sagt der 63-jährige Revierleiter des Terrariums. Aberle ist der Crocodile Dundee der Wilhelma: 1972 war er Schülerpraktikant im Terrarium, von 1975 an Azubi als Tierpfleger, seit 30 Jahren ist er Revierleiter, seit 46 Jahren im Beruf. Frederick, Tong und Billa, seine Schützlinge in der Krokodilhalle, folgen ihm aufs Wort. „Da brauchst du nur zu sagen: Hol das Hähnchen – und die schwimmen hin wie Hunde.“
Er hat das Leistenkrokodilweibchen Tong innerhalb von sechs Jahren dahin gebracht, dass es aus dem Wasser springt, um ihm ein Huhn zu entreißen. Dafür ist ihr etwa 50-jähriger Artgenosse Frederick, mit 4,5 Metern das größte Leistenkrokodil Deutschlands, viel zu groß unter den gegebenen Verhältnissen im Terrarium. Aber auch er und das australische Süßwasserkrokodil Billa kämen auf Zuruf heran.
Eine Mahlzeit pro Woche genügt
Während der Fütterung hält Aberle das Hähnchen für Tong in der bloßen Hand. Wenn es sein muss, wirft er Tong und Billa auch mal ein Lasso um den Hals, steigt über ihren Rücken und drückt sie mit Kraft nach unten, damit sie stillhalten. Angst? Nein, die habe er nicht, sagt Aberle, „Respekt muss man halt haben“.
Öffentlich ist die Fütterung der Krokodile nur einmal pro Woche, immer montagmittags. „Die brauchen nicht täglich was zu fressen“, sagt Harry Aberle. „Der Tong reicht ein halbes Hähnchen pro Woche, der Frederick kriegt manchmal Hase, manchmal gibt es Fisch.“ Da bleibt nicht viel vom Image als gefräßige Jäger übrig.
Der Kampf um Land bedroht ihre Art
Die Modeindustrie, aber auch die wachsende Weltbevölkerung rückt Krokodilen auf den Leib. „Die Siedlungen dringen in ihren Lebensraum ein, und es kommt zu Konflikten zwischen Mensch und Tier“, sagt Thomas Kölpin. Insbesondere für das ökologische Gleichgewicht spielten Krokodile in ihren Biotopen eine große Rolle. „Als Aasfresser beseitigen sie Tierkörper, die Bakterien im Wasser verursachen und die Wasserqualität zerstören können. Ansonsten schnappen sie vor allem kranke, verletzte Tiere. Insofern sind sie als ökologische Polizei sehr wichtig“, sagt der Wilhelma-Direktor.
Tierpfleger Harry Aberle ist ein Weltreisender
Mehr als 30 Krokodilarten gibt es weltweit. Harry Aberle hat die meisten von ihnen gesehen. Wenn er Urlaub hat, reist er dorthin, wo es Krokodile gibt: Malaysia, Sulawesi, Sri Lanka, Borneo, Neuguinea oder nach Afrika. „Und trotzdem ist es nicht leicht zu sagen, was sie so faszinierend macht.“ Unter den Zoobesuchern hat er vor allem bei sechs- bis zehnjährigen Jungs Fans, die ihm Briefe und Bilder, ja selbst getöpferte und gebackene Krokodile schicken. Alle, auch Frederick, Tong und Billa, werden ihn vermissen, wenn er in einem Jahr in Rente und wieder auf Reisen geht. „Ich habe laut meiner Mutter meine ersten Schritte in der Wilhelma gemacht. Jetzt hoffe ich, dass ich dort nicht meine letzten mache“, sagt er.