Während der Amphibienwanderungen ist für die Tiere und für die ehrenamtlichen Helfer bei ihren nächtlichen Einsätzen Rücksicht und Einsicht angesagt. Wie die 2013 abgesägte Krötenschranke bei Aidlingen zeigt, mangelt es daran bei einigen Autofahrern. Foto: Eibner

Jedes Jahr wird die Kreisstraße zwischen Aidlingen und Grafenau zum Frühjahrsbeginn für die Zeit der Amphibienwanderungen gesperrt. Jedes Jahr kommt es deswegen zu Konflikten zwischen Autofahrern und Tierschützern. Einige von ihnen ziehen daraus jetzt Konsequenzen.

Eine milde Nacht Ende Februar. Auf der schmalen Kreisstraße zwischen Aidlingen und Dätzingen laufen Menschen mit Warnwesten über den Asphalt. Sie tragen Eimer und suchen mit ihren Stirnlampen den dunklen Untergrund nach Kröten und anderen Amphibien ab, die um diese Jahreszeit auf Laichwanderung gehen. Die Straße ist bis zum Morgen für den Verkehr per Schranke gesperrt. Das scheint diesen Autofahrer aber nicht zu interessieren: In einem ebenso waghalsigen wie irrsinnigen Manöver schlingert er am äußersten Fahrbahnrand am Schlagbaum vorbei und prescht dann hupend und gestikulierend mitten durch das kleine Helferteam.

 

Die hier beschriebene Szene ist kein Einzelfall. Seit Einrichtung der Schranke vor mittlerweile zehn Jahren waren die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer Jahr für Jahr Beschimpfungen, Bedrohungen und teils bedrohlichen Situationen ausgesetzt. Das bisherige Helferteam zieht daraus nun die Konsequenz und zieht sich zurück. Laut einer Ehrenamtlichen, die ihren Namen nicht in der Zeitung genannt haben möchte, hat sich in dem bisherigen Team einfach zu viel Frust angesammelt.

Facebook-Kommentar: „Wenn ich sie überfahre – Pech, Thema erledig.“

Die von ihr berichteten Erlebnisse finden ihren Widerhall in den Sozialen Medien. Wer ein Gefühl dafür bekommen möchte, welcher Hass den Ehrenamtlichen entgegenschlägt, der kann sich einfach nur die Kommentare zu einer Facebook-Meldung dieser Zeitung zur ersten angekündigten Sperrung anschauen.

„Wegen ein paar Scheißkröten fahre ich auch nirgends 30. Wegen so schleimigen Scheißdingern niemals, wenn ich sie überfahre – Pech, Thema erledigt“, lautet beispielsweise ein (orthografisch stark bearbeiteter) Kommentar. „Wird Zeit, sie wieder abzubauen“, schreibt ein anderer Nutzer und hängt drei Tränen-Lach-Smileys an seinen Diskussionsbeitrag. Er spielt damit auf eine Aktion aus dem Jahr 2013 an, als tatsächlich jemand die Schranke mutwillig zerstört hat.

Die Gründe, warum diese meist nur wenige Wochen andauernde Sperrung notwendig ist, scheinen diesen Verkehrsteilnehmern offenbar vollkommen gleichgültig zu sein. Manche wissen aber vielleicht auch nicht, dass nach Angaben der Ehrenamtlichen vor Einrichtung der Schranke von den etwa 1800 Amphibien, die jedes Jahr die Kreisstraße zwischen Aidlingen und Dätzingen überquerten, rund ein Drittel überfahren wurde.

Vielleicht wissen manche auch nicht, dass der Bestand einiger dieser Tierarten extrem gefährdet ist. Laut der Anfang dieses Monats veröffentlichten „Roten Liste“ der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) sind von 31 im Land heimischen Amphibien- und Reptilienarten 18 gefährdet und zum Teil sogar akut vom Aussterben bedroht.

Zwischen Aidlingen und Grafenau regelt eine Schranke die Wanderungen

Damit die gefährliche Hochzeitsreise für die Tiere nicht unter einem Auto- oder Motorradreifen endet, gibt es an vielen Strecken Amphibienschutzzäune oder Krötentunnel – so wie zum Beispiel an der alten B 14 zwischen Böblingen und Stuttgart-Vaihingen. Hier können die Tiere die Straße unterirdisch queren und der Straßenverkehr bleibt von den Maßnahmen unberührt. Anders sieht es auf der hügeligen und kurvigen Verbindungsstraße zwischen Aidlingen und dem Grafenauer Ortsteil Dätzingen aus. Hier scheiden Zäune und Tunnel aufgrund der Topografie aus. Deshalb sperrt zur Zeit der Amphibienwanderung eine Schranke am Abzweig zum Aidlinger Ortsteil Lehenweiler und eine weitere am Ortsausgang von Grafenau in den Abend- und Nachtstunden die Straße für den Durchgangsverkehr.

Auch wenn sich am Wochenende wohl der Winter noch einmal zurückmeldet, werden die Tiere sich zum Frühlingsbeginn – bei Bodentemperaturen über 5 Grad Celsius – bald wieder auf den Weg machen und die Schranke wird geschlossen. Was aber bedeutet der Rückzug des bisherigen Helferteams für den Schutz von Tieren und für den Schutz der Menschen, die sich für sie einsetzen?

Bei der Unteren Naturschutzbehörde (UNB) im Böblinger Landratsamt hat man sich offenbar auf die veränderte Ausgangssituation eingestellt. Am Dienstag informierte die Behörde über die ersten Sperrungen von Donnerstagnacht auf Freitag und von Freitag auf Samstag. „Bisher hatte das Helferteam die direkte Meldung an die Straßenmeisterei Leonberg vorgenommen, wann mit Amphibienwanderungen zu rechnen ist“, erklärt Landkreispressesprecherin Simone Hotz. Entsprechend wurde die Schranke geschlossen oder geöffnet und darüber auf der Homepage des Landratsamts informiert (www.lrabb.de/schranke). „Aktuell übernimmt es nun die UNB selbst, sich mit der Straßenmeisterei kurzzuschließen“, sagt Hotz.

Neue Ehrenamtliche stehen laut Landratsamt bereit

Bei diesen ersten Schließungen müssen die Tiere bei ihrer Wanderung noch sich selbst überlassen werden. Jetzt geht es darum, die Helferinnen und Helfer zu ersetzen, die bisher bei geschlossener Schranke die wandernden Tiere über die Straße gebracht und durch eine Zählung Rückschlüsse auf die Populationsstärke ermöglicht haben. Zu diesem Zweck hatte das Landratsamt zuletzt in den lokalen Medien einen Aufruf gestartet – offenbar mit Erfolg: „Für diese Aufgabe haben sich mehrere neue Personen gemeldet“, sagt Simone Hotz. Von einem „Rückzug“ des Helferteams könne deshalb eigentlich keine Rede sein. Man sei mit den neuen Kräften im Kontakt, um die Details für mögliche künftige Streckeneinsätze zu besprechen.

Um die Sicherheit der Ehrenamtlichen zu gewährleisten, werde das Landratsamt weiterhin die Einhaltung der Höchstgeschwindigkeit kontrollieren und wie schon in den Vorjahren einen Sicherheitsdienst einsetzen. Dieser soll ein Auge darauf haben, ob Fahrzeuge dennoch durchfahren. „Wir wissen natürlich, dass die Umleitung für viele ein Ärgernis ist und bitten hier jeweils um Verständnis“, sagt die Landkreissprecherin.