Das Wrack des Passagierdampfers „Baron Gautsch“ ist ein beliebtes Ziel für Taucher. Foto: Piuntek

Unterwassersportler tauchen gerne zur „Baron Gautsch“, Kroatiens berühmtestem Wrack. Im August sind es 100 Jahre, dass das Schiff versank.

Pula - Routiniert verstaut die Crew die schweren Tauchflaschen. Jeder Mitfahrer kontrolliert ein letztes Mal, ob alles an Bord ist: Bleigurt, Tarierweste und Atemregler sowie natürlich Flossen und Maske. Die Bedingungen sind ideal, kaum Strömung und gute Sicht, meint der Tauchbegleiter beim Briefing. Während der Kapitän Kurs auf die „Baron Gautsch“ nimmt, hält der Guide eine Zeichnung des Wracks hoch und beschreibt den Unterwassersportlern, wo sie gleich ankern werden, in welcher Tiefe Oberdeck und Maschinenraum des versunkenen Dampfers liegen und wie lange die Luft voraussichtlich reichen wird.

Es ist ein historisch bedeutsamer Platz, den die Frauen und Männer gleich in ihrer schützenden Neoprenhülle besichtigen werden. Am 13. August 1914, gut zwei Jahre nach dem Untergang der Titanic und kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, ereignete sich an diesem Ort vor der Küste Istriens eine Schiffstragödie. Der Überlebende Hermann Pfeiffer schildert in seinen Anfang 2014 postum erschienenen Erinnerungen („Halte Dich dicht an mich und eile! Der Untergang der Baron Gautsch“), wie am frühen Nachmittag ein Donnerschlag durch den Schiffskörper fährt: „Der Dampfer liegt ganz auf Backbord. Steil ragt vor uns, fast senkrecht das Verdeck wie eine Mauer auf.“

Der aus Graz stammende Arzt war mit seiner Familie auf dem Weg von Veli Lošinj im Kvarner Golf nach Triest, als der Passagierdampfer mit 306 Menschen an Bord auf eine Mine auflief und vor Rovinj in der Adria versank. Hermann Pfeiffer und sein dreijähriger Sohn Erny überlebten, während die junge Ehefrau und Mutter Grete ertranken. Insgesamt kamen bei der Katastrophe, die offenbar durch schwere Fehler des Kapitäns und seines Ersten Offiziers verursacht wurde, 147 Menschen ums Leben. Im Gegensatz zum Titanic-Wrack, das in 3,8 Kilometern Tiefe nur mit Tiefsee-U-Booten erreichbar ist, sind die Überreste der „Baron Gautsch“ leichter zugänglich.

Aufrecht und mit eingeknickten Masten ruht der Schiffsrumpf

Für den Unterwassertrip brauchen Sporttaucher le- diglich ein wenig Taucherfahrung, denn Wellengang, Strömung und Sicht sind im offenen Meer nicht immer optimal. Nach sämtlichen Sicherheitschecks lassen sich die Unterwasserabenteurer einer nach dem anderen an einem Seil ab. Mit tiefen Atemgeräuschen gleiten sie durch die sanft bewegte See, bis sich die Umrisse des 85 Meter langen und zwölf Meter breiten Riesendampfers im tiefblauen Wasser abzeichnen. Aufrecht und mit eingeknickten Masten ruht der Schiffsrumpf in einer Tiefe von 28 bis 42 Metern auf dem Meeresgrund. Im Licht der Unterwasserlampen kommen der Zauber des Verfalls und neu erwachten Lebens farbenfroh zum Vorschein: Ein dichter Bewuchs aus Algen, Schwämmen und Muscheln überzieht die Reling des einstigen Prachtschiffs.

Am Oberdeck jagt ein Schwarm Dorsche vorbei. Wie die Wracktaucher durch Dinnersaal und Rauchsalon der Baron Gautsch schweben, werden Erinnerungen an Zwirbelbärte und Federhüte wach. Eine faszinierende Zeitreise, die sie jedoch bald beenden müssen, da allmählich die Luft knapp wird. Wegen der erstaunlich hohen Wrackdichte, aber auch wegen der prächtigen Korallengärten - sogenannter Gorgonien - und guten Sichtweiten ist die nördliche Adria ein beliebtes Ziel von Tauchtouristen. Vor der istrischen Halbinsel verunglückte gut 30 Jahre nach der „Baron Gautsch“ das britische Kriegsschiff „Coriolanus“, das am Ende des Zweiten Weltkriegs in Spionageoperationen verwickelt war.

Das "Geisterschiff von Krk"

Wie von diesem geht von vielen versunkenen Schiffen eine besondere Faszination aus, weil sich geheimnisvolle Geschichten um ihren Untergang ranken. Vor der Ostküste der Insel Krk geriet im Jahr 1968 der griechische Frachter „Peltastis“ in ein Unwetter, rammte die Klippen und sank. In der Region ist das gut erhaltene und bei Tauchern äußerst populäre Wrack auch als „Geisterschiff von Krk“ bekannt, weil Taucher bei der Bergung das Skelett des griechischen Schiffsführers mit ans Steuerrad gekrallten Händen entdeckt haben.

Der treue Kapitän Theodore Bellesis wurde längst beerdigt, inzwischen haben Nacktschnecken, Drachenköpfe und Hummer das Revier zwischen Steuerhäuschen und Heck erobert. Sandig und unberührt erheben sich die Inseln im Archipel von Lošinj aus der smaragdgrünen Adria. Auf dem Weg zu den Tauchplätzen springen manchmal Delfinschulen vor dem Bug der Boote hoch. Unterhalb der Wasseroberfläche wartet der Kvarner Golf hier mit einigen der schönsten Tauchplätze Kroatiens auf. Wer sich zu den Steilwänden Male Srakane und Susak hinabgleiten lässt, taucht in eine kunterbunte Welt üppiger Gorgonienwälder, steiler Canyons und atemberaubender Grotten ein.

An den von gefleckten Leopardenschnecken und gut getarnten Kraken besiedelten Spots wimmelt es nur so von Barschen und Mönchsfischen. Auch Meeresschildkröten und Bärenkrebse halten sich in den immer noch sehr sauberen Gewässern auf - genau wie vor 100 Jahren, als die Grazer Familie Pfeiffer ganz in der Nähe ihre letzten gemeinsamen Ferien verbrachte.

Fan werden auf Facebook: https://www.facebook.com/fernwehaktuell

Infos zu Kroatien

Anreise
Germanwings fliegt vom 1. Juli bis 11. September von Stuttgart nach Pula, Hin- und Rückflug ab 180 Euro, www.germanwings.de . Tauchgepäck muss angemeldet werden und kostet 50 Euro extra. Mit dem Auto über München, Salzburg und Villach bis Triest und weiter nach Istrien. Eine Alternativroute führt von Villach über Ljubljana und Koper.

Unterkunft
Um die Küstenorte Rovinj und Vrsar gibt es mehrere gut ausgestattete Campingplätze, die teilweise Mobilheime vermieten, www.campingrovinjvrsar.com .

Ferienwohnungen entlang der kroatischen Adriaküste vermietet Casamundo, www.casamundo.de .

Tauchen
Das Wrack der Baron Gautsch und andere attraktive Tauchplätze vor Istrien steuert das ganzjährig offene und deutschsprachige Starfish Diving Center in Vrsar an, www.starfish.hr .

Um den Schutz der Adria ins Bewusstsein zu rücken, hat die österreichisch-kroatische Meeresschule Valsaline mit Sitz in Pula Meeresbiologiekurse für Kinder und Fortbildungen für Erwachsene sowie Tauchausflüge zur Baron Gautsch im Angebot, www.meeresschule.com .

Allgemeine Informationen
In digitale Karten eingezeichnete touristische Attraktionen sowie ausführliche Infos über Freizeit- und Sportmöglichkeiten in Kroatien bietet das Portal www.reiseinfo-kroatien.com . Unter „Tauchen“ sind aktuelle Tauchbestimmungen und die Beschreibung von mehr als 160 Tauchplätzen im Lande abrufbar.

Sehenswürdigkeiten/Ausflüge
An tauchfreien Tagen lohnt sich eine Bootsfahrt zu dem für seine Austernzucht und Muschelbänke berühmten Limski Kanal, der sich zehn Kilometer ins Landesinnere zieht. Für Aktivurlauber gibt es einen 35 Kilometer langen Mountainbike-Trail, den Vrsar Bike Eco Ride, der an dem Meeresarm und an zwei Steilwänden für Kletterer entlangführt (Faltblatt gibt’s vor Ort in der Touristeninformation).

Was Sie tun und lassen sollten
Auf jeden Fall sollten Sie das Meeresaquarium von Pula besuchen. Täglich von 9 bis 22 Uhr geöffnet, Eintritt: acht 8 Euro, www.aquarium.hr .

Auf keinen Fall sollten Sie die Unterwasserreviere Kroatiens auf eigene Faust erkunden. Taucher, die ohne Genehmigung erwischt werden, müssen mit hohen Bußgeldern rechnen.

Reisezeit
Zwischen Mai und Oktober herrschen in Kroatien ideale Tauchbedingungen. Es gibt auch ganzjährig geöffnete Tauchbasen - wenn das Wasser kälter ist und man Tauchplätze für sich allein haben möchte, tauchen geübte Unterwassersportler mit Tariererfahrung im Trockentauchanzug ab.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: