Containerdörfer, Sporthallen, Notunterkünfte: Die Kapazitäten für die Unterbringung von Flüchtlingen in der Region Stuttgart sind bald erschöpft. Die Situation ist kritischer als im Jahr 2015. Aber es gibt einen gewaltigen Unterschied zu damals.
Es ist ein vergeblicher Kampf: „Bisher ist es uns gelungen, alle Sporthallen frei zu halten, weil es so wichtig ist, dass der Vereins- und Schulsport weiterhin möglich ist“, sagt Heinz Eininger. Der Esslinger Landrat weiß aber auch, dass bereits in den kommenden Wochen manche Kommunen und eventuell auch der Landkreis selber nicht umhinkommen werden, aus Sporthallen Flüchtlingsunterkünfte zu machen.
Denn die Zahl der Flüchtlinge, die derzeit aus der Ukraine, aber auch aus anderen Ländern nach Deutschland kommen, ist deutlich größer als die Zahl der Flüchtlinge, die in der ersten großen Welle 2015 aufgenommen werden mussten. Zwar unterscheidet sich die Situation ein wenig: Denn für Menschen aus der Ukraine ist es leichter, eigenen Wohnraum zu finden. Auch steht ihnen die Möglichkeit offen, sich sofort nach einer Beschäftigung umzusehen.
Trotzdem kommen die Behörden vor Ort nun in die Bredouille. „Wir haben die Kapazitätsgrenze bei der vorläufigen Unterbringung erreicht“, heißt es aus fast allen Landratsämtern der Region. Um überhaupt noch neue Flüchtlinge aufnehmen zu können, müssen nun die Kreise die Kommunen in die Pflicht nehmen: „Von der kommenden Woche an werden wir Flüchtlinge konsequent den Städten und Gemeinden zuweisen“, kündigt Eininger an. Statt wie bisher 30 bis 50, müssen die Städte pro Woche nun 100 bis 125 Menschen aufnehmen und in Anschlussunterbringungen unterbringen. Und das ist erst der Anfang.
Wie groß ist die Zahl der Flüchtlinge?
Seit Kriegsausbruch in der Ukraine im Februar dieses Jahres hat der Kreis Esslingen knapp 6000 Flüchtlinge aus der Ukraine aufgenommen. Viele der Geflüchteten sind privat untergekommen – gleichzeitig hat der Kreis in kürzester Zeit insgesamt 3200 Plätze in der vorläufigen Unterbringung geschaffen, rund die Hälfte davon allein in Esslingen. Im Kreis Ludwigsburg waren Ende August 2134 Geflüchtete untergebracht, davon 873 aus der Ukraine. Zwar hat auch Ludwigsburg 2022 schon mehr Geflüchtete aufgenommen als 2015 und 2016 zusammen, in den kreiseigenen Unterkünften ist die Zahl aber noch nicht höher als vor sieben Jahren, weil viele ukrainische Flüchtlinge privat oder in kommunalen Wohnungen untergekommen sind.
Gleiches gilt auch für Böblingen. Hier wurden seit Kriegsbeginn rund 3850 Personen aus der Ukraine aufgenommen. Davon ist gut die Hälfte nun in Privatwohnungen gelandet. Aktuell sind mehr als 1300 Personen vorläufig untergebracht, davon 749 Personen aus der Ukraine sowie 572 Asylantragstellende. Im Rems-Murr-Kreis leben aktuell rund 4600 Geflüchtete, der überwiegende Teil von ihnen ist privat oder in Gemeindeunterkünften untergebracht. In den Kreisunterkünften wohnen derzeit rund 1400 Geflüchtete, davon 300 Ukrainer und 1100 Asylbewerber aus anderen Ländern. In Göppingen wiederum waren Ende August rund 2800 ukrainische Geflüchtete registriert. Hiervon wurden 1302 in der vorläufigen Unterbringung aufgenommen.
Reichen die existierenden Kapazitäten?
Darauf gibt es eine eindeutige Antwort: Nein. Ein Grund dafür, so klagt Landrat Heinz Eininger, sei die Anordnung des Regierungspräsidiums, das verfügt hatte, dass bis 2020 ein Großteil der in der ersten Flüchtlingswelle erstellten Unterkünfte zurückgebaut werden mussten. „Das war natürlich absoluter Quatsch“, sagt Eininger. Damals habe man Container, die man nun gut wieder gebrauchen könnte, zum Schleuderpreis abgeben müssen. Am besten sieht die Situation wohl noch in Ludwigsburg aus. Dort sind die Unterkünfte des Landkreises zu rund 85 Prozent ausgelastet. Allerdings, so heißt es aus dem Landratsamt, müsse bereits eine Notunterkunft für die vorläufige Unterbringung Geflüchteter genutzt werden. Auch Göppingen berichtet von nahezu ausgebuchten Plätzen. Der Kreis Böblingen will seine Kapazitäten von derzeit 2270 Plätzen auf 3000 ausbauen.
Welche Turnhallen sind betroffen?
Der Kreis Esslingen hat es bisher geschafft, ohne Turnhallen als Notunterkünfte auszukommen. In Böblingen sind bereits seit dem Frühsommer die beiden kreiseigenen Sporthallen, die Gottlieb-Daimler-Schule in Sindelfingen sowie das Berufsschulzentrum Leonberg als Notunterkünfte in Betrieb. In Ludwigsburg werden die Sporthalle des Beruflichen Schulzentrum Bietigheim-Bissingen als Notunterkunft genutzt und die Sporthalle der Carl-Schäfer-Schule in Ludwigsburg für eine Belegung vorbereitet.
Auf Notunterkünfte greift auch der Rems-Murr-Kreis bereits zurück: „Aktuell nutzen wir eine Turnhalle des Berufsbildungswerks der Diakonie Stetten in Waiblingen als Ankunftszentrum und nebenan die Halle des Berufsschulzentrums Waiblingen als Notunterkunft“, erklärt die Kreissprecherin Martina Keck. Oberstes Ziel sei es aber, auf langfristige Lösungen zu setzen. Turnhallen dürften nur die letzte Lösung sein. Ähnlich sieht man das in Göppingen: Aber auch dort, am Berufsschulzentrum Göppingen, ist bereits eine Turnhalle belegt, eine zweite wird gerade vorbereitet.
Gibt es Neid unter den Flüchtlingen?
Die unterschiedliche Behandlung und Wahrnehmung der Flüchtlinge aus der Ukraine sowie von Asylsuchenden aus anderen Ländern wird zum Problem. Zwar verzichten die Kreise bisher auf eine gemeinsamen Unterbringung. Der Ludwigsburger Kreissprecher Frank Wittmer formuliert es aber so: „Die Asylsuchenden bemerken die unterschiedlichen Möglichkeiten auf dem Wohnungsmarkt, beim Zugang zu Sprachkursen, Aufenthaltsgenehmigungen. Unsere Betreuerinnen und Betreuer sind weniger mit Neid als vielfach mit Enttäuschung und Trauer über diese ungleiche Behandlung konfrontiert. Diese Situation kann oft nicht befriedigend erklärt werden.“
Drastischer formuliert es die Böblinger Kreissprecherin Simone Hotz: „Krieg und Flucht fühlen sich für alle Menschen schrecklich an. Und es belastet Menschen, zu erleben, dass diese Erlebnisse unterschiedliche Hilfsbereitschaft und Hilfsangebote auslösen – je nach Herkunft der Geflüchteten.“